„Agency“ in der belarussischen Gesellschaft

Wissenschaftler/innen aus Belarus, Schweden, Deutschland, den USA und Polen kamen am 15. September 2017 am DHI Warschau für ein „akademisches Frühstück“ zusammen, bei dem über neue Zugänge zur belarussischen Geschichte diskutiert werden sollte.

Olga Sasunkevich von der Universität Göteborg teilte ihre Überlegungen zur Aktualität des methodischen Zugangs von Agency in der belarussischen Gesellschaft. Mark Berman, Doktorand an der Justus-Liebig-Universität Gießen, verwies auf Diskussionen in der Historiografie zur sowjetischen Geschichte und Kultur über die Rolle des Individuums. Er erinnerte auch an das Erklärungspotenzial des Begriffs Eigensinn, der in der deutschen Historiografie über den Nationalsozialismus und die Geschichte der DDR starke Verbreitung fand. Das konsequente Ausloten von Entscheidungsspielräumen im Alltag sei aber nicht mit fortwährendem Widerstand zu verwechseln. Svetlana Poleschuk vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz nahm Bezug auf die Ergebnisse ihrer Forschung zu informellen Bildungspraktiken in Belarus, die auf sehr vielfältige Weise Wissen jenseits staatlicher Strukturen produzieren. Die aus Michigan angereiste Soziologin Elena Gapova brachte den religiösen Charakter öffentlicher Bekenntnisse zu belarussischer Identität in Belarus im frühen 21. Jahrhundert zur Sprache. Iryna Ramanova von der Europäischen Humanistischen Universität in Wilna erklärte, dass man mit den vorgeschlagenen Ansätzen gut auch die sowjetische Geschichte der 1920er und 1930er Jahre analysieren könne. Eine Fokussierung auf das Inviduum und seine Gedankenwelt gehe nicht automatisch mit dem Ausblenden von Staat und Herrschaft einher. Ramanova betonte, dass einschlägige Forschungen gezeigt hätten, wie stark beides miteinander verwoben ist. Der Initiator des akademischen Frühstücks, Felix Ackermann vom DHI Warschau, betonte die doppelte Rolle von Historikern in Bezug auf Belarus. Einerseits erführen sie in der Forschung mehr über vergangene Wirklichkeiten, andererseits nähmen sie durch das Formulieren bestimmter Fragen in der Gegenwart und die öffentliche Kommunikation von Forschungsergebnissen stets auch eine politische Haltung gegenüber ihrem Gegenstand ein. Das Frühstück war Auftakt des 7. Internationalen Kongresses der Belarus-Forschung, der 2017 zum ersten Mal in Warschau stattfand.

12
Dez
Kolloquium
Roman Smolorz (Universität Regensburg)
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