Buchvorstellung – Antisemitismus in Polen 1968: Interaktionen zwischen Partei und Gesellschaft

Über 10 000 Jüdinnen und Juden emigrierten aus Polen infolge der antisemitischen Kampagne, die im März 1968 ihren Höhepunkt fand. 50 Jahre später sind die historischen Vorgänge nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und vielfältiger Erinnerungspraktiken. Der Umgang mit der polnisch-jüdischen Geschichte ist auch zentraler Bestandteil aktueller geschichtspolitischer Auseinandersetzungen.

Vor diesem Hintergrund organisierte das Jüdische Historische Institut Warschau gemeinsam mit dem Deutschen Historischen Institut Warschau eine Präsentation und zugleich Diskussion der in diesem Jahr auf Polnisch erschienenen Übersetzung von Hans-Christian Dahlmanns Studie „Antisemitismus in Polen 1968: Interaktionen zwischen Partei und Gesellschaft“ (Münster 2013; poln. Titel: Antysemityzm w Polsce roku 1968. Między partią a społeczeństwem).

Während gängige Darstellungen zumeist die ausschlaggebende Rolle der Staats- und Parteispitze betonen, zeigt Dahlmann in seiner Monographie, wie die Kampagne von unteren und mittleren Funktionären entscheidend vorangetrieben wurde. Anhand von Materialien zu zwei wissenschaftlichen Instituten, dem Kernforschungsinstitut und dem Institut für Experimentalphysik in Warschau, untersucht Dahlmann den unterschiedlichen Verlauf der Kampagne detailliert auf der Mikroebene. Er leuchtet die Handlungsspielräume der lokalen Akteure aus und weist nach, dass sie wesentlichen Einfluss auf die Geschehnisse hatten. Gegenüber der Vorstellung einer einseitigen, von oben dirigierten Propaganda- und Diskriminierungsaktion lenkt die Arbeit den Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Partei, die auf allgemein verbreiteten, tief verwurzelten antisemitischen Ressentiments basierten.

Mit dem Autor des Buches diskutierten die Soziologin und Antisemitismusforscherin Helena Datner (Jüdisches Historisches Institut Warschau) sowie der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismusforscher Rafał Pankowski (Collegium Civitas Warschau). Moderiert wurde die Veranstaltung von Katrin Stoll (DHI Warschau). Dahlmann trug zunächst in pointierter Weise die Hauptthesen seiner Arbeit vor. So seien etwa die Mitglieder des Politbüros mehrheitlich gegen die antisemitische Kampagne gewesen. Bei der Kampagne habe es sich weniger um den Ausdruck eines horizontalen Machtkampfes innerhalb der Parteiführung als vielmehr um einen Konflikt zwischen der höchsten Ebene der Partei und den niederrangigen Funktionären sowie der Basis gehandelt.

Helena Datner bezeichnete Dahlmanns Studie als einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der antisemitischen Kampagne. Insbesondere hob sie das Aufbrechen der vermeintlich monolithischen Kategorien von Partei und Gesellschaft hervor. Mit kritischen Hinweisen zu einzelnen Aspekten und ergänzenden Anmerkungen lieferte sie darüber hinaus die Grundlage für eine angeregte Kontroverse über Dahlmanns Forschungsergebnisse. Rafał Pankowski schließlich schlug den Bogen zur Gegenwart. Anhand aktueller Zitate aus dem rechten politischen Spektrum Polens zeigte er die Kontinuität antisemitischer Topoi und Rhetorik auf.

Nicht nur die darin enthaltene eindringliche Mahnung verdeutlichte die besondere Aktualität der Publikation. Auch in der abschließenden Publikumsdiskussion, an der sich verschiedene anwesende Vertreter der polnischen Geschichtswissenschaft beteiligten, wurde sichtbar, welch große Bedeutung der Übersetzung auch unter polnischen Kolleginnen und Kollegen beigemessen wird. Dahlmanns Untersuchung dürfte unmittelbar Eingang in die laufende historiographische Debatte in Polen über das Thema und zugleich in die damit verbundene geschichtspolitische Auseinandersetzung finden.

15
Nov
Podiumsdiskussion
Geisteswissenschaften im Dialog: Geschichte wird gemacht. Die Public History zwischen Fachdiskurs, Politik und populärer Vermittlung
Mehr lesen