Europa-Vorstellungen im Mittelalter – ein Kontinent gewinnt Konturen

Verschiedene Vorstellungen von Europa im Mittelalter wurden während des ersten Vortrages der Herbstreihe der Außenstelle Vilnius des DHIW thematisiert. Diese neue Vortragsreihe findet in Zusammenarbeit mit der Universität Vilnius und dem Litauischen Historischen Institut statt.

Prof. Dr. Klaus Oschema von der Ruhr-Universität Bochum hielt am 24. September den Vortrag zu diesem Thema. Er wollte zum Nachdenken über die Europa-Vorstellungen des Mittelalters motivieren, etwas über die moderne Mediävistik vermitteln und Anstöße liefern, was wir aus der Geschichte für unsere Gegenwart lernen können.

In seiner faktenreichen Darbietung zeigte er, dass die Erforschung des lateinischen-europäischen Mittelalters lange ohne intensive Europa-Bezüge auskam und erst durch die Erfahrung der Weltkriege des 20. Jahrhunderts ihren stark national orientierten Blick änderte. So betonten zum Beispiel die Alliierten im Kampf gegen das Nazi-Regime schon in den Kriegsjahren ihre langen gemeinsamen europäischen Wurzeln.

Darüber hinaus zeigte der Vortragende auf, wie Historiker westlich des Eisernen Vorhangs das mittelalterliche Europa als kulturelle Einheit definierten. Zur Europa-Definition gehörten die langsame Christianisierung und sowie die Karolingische Reichsbildung. Karl der Große geriete zum Leitbild für die Einigung des modernen Europa. Damit wurden Spanien, der Balkan und Skandinavien aus dem Europa-Begriff ausgegrenzt. Der Mediävist erläuterte, wie sich die Forschungen zu Europa im Mittelalter nach den Umbrüchen der Jahre 1989/90 verändert haben. Beispielsweise betont man nun, dass Griechenland und die slawische Osten schon immer ein Teil Europas gewesen seien.

Einen weiteren zentralen Teil des Vortrages nahm sein Widerspruch gegen den gegenwärtigen Forschungstand seiner Kollegen ein, denn er meint, dass sich schon im 5. und 6. Jahrhundert einzelne Autoren auf Europa bezogen hätten. Später setzten Dichter und Chronisten das Karlsreich mit Europa gleich und erstellten damit Europa als „Abrufbegriff“. Im 13. Jahrhundert in der Zeit des Mongolensturms sowie während der Kreuzzüge wurde der Europa-Begriff erneut eingesetzt. Professor Oschema stellte dar, wie die Chronisten des 12. und 13. Jahrhunderts die Kreuzzüge als Europas Kampf gegen die Ungläubigen beschrieben hätten. Die Bezugnahme auf Europa im 15. Jahrhundert während der osmanischen Expansion sei ein Beleg dafür, dass Europa-Vorstellungen ebenfalls in Krisenmomenten eine wichtige Rolle spielten. Trotz dieser Vorstellungen legte der Vortragende dar, dass das „christliche Europa“ in Wahrheit nie existiert habe, sondern dass Europa immer ein „Kampfbegriff“ gewesen sei.

Abschließend argumentierte der Vortragende, dass es sich bei diesem Thema nicht um einen lang vergangenen Gegenstand in der modernen Historiographie handele, sondern dass die Debatten stark von unserer Gegenwart geprägt seien. Diese wichtige Bemerkung stand auch im Zentrum der lebhaften Diskussion mit dem Publikum.

Klaus Oschema ist seit 2017 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. 2012 habilitierte er mit einer Arbeit über „Bilder von Europa im Mittelalter“ in Heidelberg. Zuletzt erschien von ihm: Bilder von Europa im Mittelalter, Ostfildern 2013.


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