„Il grande sogno“ (Der große Traum), IT 2009

 

 

Im Rahmen der Filmreihe „Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

101 Min., Regie: Michele Placido

Ort: Kino Iluzjon

Der Film wird im italienischen Original mit polnischen Untertiteln gezeigt.

Veranstalter der Filmreihe sind das DHI Warschau, die Nationale Filmothek – Audiovisuelles Zentrum, das Institut Français Warschau, das Slowakische Institut Warschau, das Tschechische Zentrum Warschau, das Goethe-Institut Warschau, das Italienische Kulturzentrum und das Marek-Edelmann-Dialog-Zentrum Łódź.

Zum Film:

Il grande sogno (Der große Traum)

Träume sind subjektiv und individuell, ähnlich wie die Erinnerung an die Studentenstreiks vor einigen Jahrzehnten. “Il grande sogno“ ist ein Film über den Umgang mit der Vieldeutigkeit und Vielfalt der Erinnerungen an jene Ereignisse. Eine der zentralen Figuren ist paradoxerweise ein junger Polizist, der gegen die Studentenproteste im Einsatz ist. Für den Berufsanfänger Nicola stellt der unpopuläre Dienst die einzige Möglichkeit dar, sich gesellschaftlich hochzuarbeiten und der armen italienischen Provinz zu entfliehen. Von einem typischen Polizisten trennen den empfindsamen Mann mit schauspielerischem Talent jedoch Welten. Die dramatische Konfrontation mit den protestierenden Studenten bringt ihn dazu, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und seinen beruflichen Erfolg im Theater zu suchen. Dabei handelt es sich um ein autobiografisches Motiv aus dem Leben des Regisseurs, der vor seiner Karriere in der Filmindustrie im Polizeidienst tätig und auch während der Streiks 1968 eingesetzt war. Die Handlung schließt noch zwei weitere für die rebellierende Generation typische Erfahrungen ein: Laura ist eine in der Protestbewegung engagierte Studentin. Sie kämpft an verschiedenen Fronten: Als Katholikin wirkt sie auf die mit dem Kommunismus sympathisierenden Anführer der Proteste ein. Ihre Beteiligung an den Streiks und ihr Einsatz für gesellschaftlich Benachteiligte wiederum wird von ihrer konservativen Familie als Skandal empfunden und führt zu Konflikten. Der Film zeigt auch ihren inneren Kampf zwischen katholischer Ethik einerseits und der Befreiung von alten Moralvorstellungen und der verlockenden sexuellen Freiheit der Hippiebewegung andererseits. Libero, die dritte zentrale Figur, ergänzt das Bild der Epoche der Rebellion: Er ist der charismatische Anführer der Studentenproteste und utopischer Revolutionär. Die Schicksale der drei Figuren sind miteinander verwoben und bilden zusammen eine romantisch-sentimentale Erzählung über die verschlungene Geschichte der Proteste in Italien und der Verwirklichung großer Träume. (Text: Karol Jóźwiak)

Zur Filmreihe:

Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

Zwölf Filme aus sechs Ländern geben die Atmosphäre Ende der 1960er Jahre wieder – eingefangen zum Zeitpunkt der Ereignisse oder erinnert nach Jahren. Obwohl sich die Forderungen der protestierenden Studenten in Frankreich, Italien und Westdeutschland von den Erwartungen der jungen Leute in Polen und der Tschechoslowakei unterschieden, verband sie doch der Geist des Widerstands und und der Unzufriedenheit mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Alle gehörten sie zur ersten Nachkriegsgeneration. Sie sehnten sich nach einem Bruch mit den alten Moralvorstellungen und suchten eine neue Sprache in der Kunst. Was sie unterschied, war die Politik. In Westeuropa begeisterte sich die rebellische Jugend für den Kommunismus, während die aufbegehrenden Bürger Ostmitteleuropas ihn verdammten.

1968 betrat eine Generation die kulturelle und politische Bühne, für die „Gleichheit“ und „Freiheit“ keine leeren Phrasen waren. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nahm man es damit außerordentlich ernst. Erich Fromm schrieb: „[D]iese jungen Menschen wagen es zu sein und fragen nicht, was sie für ihren Einsatz bekommen oder was ihnen bleibt.“

Die Zeit hatte jedoch auch ihre dunklen Seiten: den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, die antisemitische Hetze in Polen und die terroristischen Anschläge der Roten Brigaden und der RAF. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen lösten bei den Gruppen, gegen die sie gerichtet waren, Unruhe und Angst aus. Das Ende der 1960er Jahre, das waren nicht nur fröhliche Gegenkultur, Protestsongs und Schlaghosen, sondern auch die Erfahrung handfester Gewalt.

Einrichtungen, die sechs Länder – Polen, Tschechien, die Slowakei, Deutschland, Frankreich und Italien – vertreten, präsentieren ein gemeinsames Panorama jener Zeit im Spiegel des Spielfilms. Das Kino der 1960er Jahre belegt die wichtige und einigende Rolle der Kunst: die Suche nach neuen Ausdrucksformen und mutiger Ästhetik und die Befreiung vom Maulkorb stilistischer Konventionen. Das Jahr 1968 ist ohne die „Neuen Wellen“ im Film nicht zu denken. Der revolutionäre Geist des Kinos von damals lässt die Filme von heute erstaunlich traditionell erscheinen. Ist die Gegenkultur gescheitert? Nicht unbedingt. Heute schwingt in den Erinnerungen an jene Jahre Nostalgie und die Sehnsucht nach Revolte und einer engagierten Jugend mit.

50 Jahre nach dem polnischen März, dem französischen Mai, dem Prager Frühling und den deutschen Studentenprotesten wird Europa erneut von politischen Turbulenzen erschüttert. Die vom Protest jener Generation ausgelösten Veränderungen waren dauerhaft. Die Generation selbst jedoch tritt heute aus Kultur und Politik ab. Sie macht Menschen Platz, die in einem anderen Europa groß geworden sind. Wie gehen wir heute mit dem Erbe von 1968 um? Woran erinnern wir uns, was haben wir vergessen? Die in der Filmreihe gezeigten Filme geben vielfältige Antworten und provozieren weitere Fragen. (Text: Magdalena Saryusz-Wolska)

24
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