In memoriam Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Zernack

Verflechtung, Anerkennung und Wertschätzung
Das Lebenswerk von Klaus Zernack prägt bis heute die Kooperation deutscher und polnischer Historikerinnen und Historiker

Das Deutsche Historische Institut Warschau trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Zernack, der am 3. November 2017 in seiner Heimatstadt Berlin verstarb. Mit ihm verlieren wir einen wichtigen Impulsgeber und langjährigen Begleiter.

Der am 14. Juni 1931 geborene Historiker absolvierte nach einem Studium in Berlin, Münster und Uppsala weitere Stationen in Gießen, Frankfurt/Main und Münster, bevor er 1984 als Professor für Osteuropäische Geschichte an die Freie Universität Berlin berufen wurde. Seine Forschungen zum nördlichen Europa, zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte und zum Verhältnis zwischen Russland und Preußen waren geprägt von einer sachlichen Sprache, einer herausragenden analytischen Qualität und einem exakten methodischen Zugriff.
Dank des Verständnisses von Wissenschaft als steter Arbeit an einem Beziehungsgeflecht gehörte Klaus Zernack bereits in den 1960er Jahren zu den grundlegenden Erneuerern der Geschichte Osteuropas im deutschsprachigen Raum, die noch lange im Schatten von Volkstumskampf und seiner Eskalation im 20. Jahrhundert stand. Dabei hielt sich Professor Zernack, der stets auf fachlichen Austausch und eine bedachte Art der Kommunikation im respektvollen Umgang Wert legte, nicht zurück, selbst als Wissenschaftler politisch zu handeln. So war es für ihn selbstverständlich, als Vorsitzender der Historischen Kommission zu Berlin auch für polnische Wissenschaftler in Not einzutreten.

In direkter Kontinuität seiner bisherigen Arbeit wurde Professor Zernack 1993 zu einem prägenden Mitglied des Gründungsbeirats des Deutschen Historischen Instituts Warschau. Von 1995 bis 2000 begleitete er das Aufbaujahrzehnt als stellvertretender Vorsitzender dieses Gremiums. Er trug dazu bei, am DHI Kommunikationsstränge mit polnischen Partnern zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Sein ausgleichendes, dem Gegenüber zugewandtes Wesen beeinflusste wesentlich die Gremienarbeit und die Diskussionskultur wissenschaftlicher Konferenzen. Ein Ausdruck der partnerschaftlichen Beziehungen, für die Klaus Zernack zeit seines Lebens stand, war die Wertschätzung seiner Arbeit von polnischer Seite. So wurde er, der der Berliner Akademie der Wissenschaften sowie der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften angehörte, auch in die Akademien in Warschau und Krakau berufen und erhielt die Ehrendoktorwürden der Universitäten in Warschau und Posen.

Zugleich beharrte Klaus Zernack auf klaren wissenschaftlichen Standpunkten und scheute keinerlei Kritik in Diskussionen. So vermerkte der Gründungsdirektor des DHI Warschau, Prof. Dr. Rex Rexheuser, in einem Tagungsbericht 1996, Zernacks Euphorie über das Abklingen des historischen russisch-polnischen Gegensatzes, mit dem er sich zuvor so lange beschäftigt hatte. Schon damals beharrte Zernack darauf, in größeren Zeiträumen zu denken und sich bei der Wahl analytischer Kategorien nicht zu sehr an der Tagespolitik zu orientieren. „Die Freisetzung Polens und ganz Ostmitteleuropas seit 1989“ bleibe „zwar überraschend genug“, sei „jedoch vorbereitet gewesen durch die gesamte, auf nationale Emanzipation zielende Entwicklung der Region seit dem Zweiten Weltkrieg.“
In einer der ersten gemeinsam organisierten Überblickskonferenzen zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im Oktober 1994 hatte Klaus Zernack bereits auf die längere Vorgeschichte der Gleichzeitigkeit von „Politisierung und Verwissenschaftlichung“ verwiesen. Es war typisch für Zernack, dass er die stete Arbeit an der Verwissenschaftlichung als „Goldader“ betrachtete, deren Erschließung er sich zeit seines Lebens widmete. Trotz seines persönlichen Engagements – etwa in der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, deren langjähriger Vorsitzender er war – neigte er nicht zur Verklärung der Gegenwart. Er sah die „traditionelle Ungleichgewichtigkeit in gegenseitiger Wahrnehmung und in den Forschungsinteressen“ ganz klar. Umso mehr setzte sich Klaus Zernack für eine enge, kontinuierliche Kooperation in Form eines intensiven, institutionalisierten und auf methodische Innovation ausgerichteten Austauschs deutscher und polnischer Historiker ein. Er begleitete seine Schüler bei der Abfassung von Synthesen der polnischen Geschichte ebenso wie beim Entwickeln neuer Zugänge zur Landesgeschichte der Regionen, die als „Deutschlands Osten und Polens Westen“ galten.

In den Diskussionen von Historikerinnen und Historikern am DHI Warschau spielte immer wieder der Bezug auf Zernacks empirische und methodische Überlegungen zu einer komplexen Verflechtungsgeschichte eine wichtige Rolle. Besonders die erneuerte Begriffsbestimmung von „Ostmitteleuropa“ und die Definition seiner Besonderheit im europäischen Kontext funktionierte nur mit Verweis auf Zernacks Werk. So war es Programm, im Sinne Zernacks von Warschau aus den „Teil Europas von spezifischer Eigenart“ in den Blick zu nehmen und ihn in enger Verknüpfung mit der Geschichte Russlands und Preußens zu betrachten, ohne sich von ideologischen Abgrenzungen leiten zu lassen. Dabei hatte sich Zernack auch um die Etablierung einer eigenständigen Region Nordosteuropa in den Forschungen zur osteuropäischen Geschichte bemüht. Noch immer aktuell für die Auseinandersetzung mit der deutsch-polnischen Geschichte als langfristigem Verflechtungsprozess ist Klaus Zernacks Beharren auf einer Einbeziehung Russlands in die Gesamtbetrachtung. Wegweisend dafür war seine eigene Monografie Polen und Rußland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, die 1994 in Berlin erschien und langjährige Forschungsfäden zusammenführte. Um den deutschsprachigen Impuls dieser Arbeit weiterzugeben, erschien Zernacks Grundlagenwerk über die Verflechtung polnischer und russischer Geschichte im Jahr 2000 in der DHI-Reihe „Klio w Niemczech“ auf Polnisch.
Ausdruck des Erfolgs der deutsch-polnischen Vernetzungsgeschichte in der Wissenschaft ist, dass Klaus Zernack auch in Berlin als treibende Kraft bei der Konzipierung des 2006 neu gegründeten Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften agierte. Er engagierte sich dort persönlich wie inhaltlich und unterstützte so den langjährigen Mitarbeiter des DHI Warschau, Prof. Dr. Robert Traba, beim Aufbau des Berliner Pendants. Es war für Zernack eine Genugtuung und persönliches wie akademisches Bedürfnis, auch nach seiner Emeritierung weiterhin mit Schülern und Kollegen in Berlin, Warschau, Darmstadt, Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski), Halle, Posen sowie an vielen anderen Orten in regem Austausch über Forschungsfragen zu stehen. Noch über Jahre führte er sein Doktorandenkolloquium informell fort und pflegte dort seinen unvergleichlichen freundlichen, präzisen und engagierten Gesprächsstil.

Bis zuletzt standen auf seiner Homepage Studientipps, die das lakonische Wesen und die Ernsthaftigkeit von Klaus Zernack spiegeln: „Sprachen lernen. Viel lesen. Gründlich nachdenken.“ Diese Ratschläge haben auch 2017 nichts an Aktualität eingebüßt. Wir werden sie im stillen Gedenken an Klaus Zernack gerne weiter beherzigen.

(Foto: Krzysztof Ruchniewicz)

10
Jan
Kolloquium
Polina Barvinska (Metschnikow-Universität Odessa)
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