Konferenz am DHI Warschau zu (mittel)europäischen Perspektiven auf die „Ukrainekrise“

Die internationale Konferenz „Reading War through History: (Central) European Perspectives on the ,Ukraine Crisis‘“, die vom 12.–14. Juni 2017 am DHI Warschau stattfand, wurde gemeinsam mit dem Forum Transregionale Studien / Prisma UKRAÏNA – Research Network Eastern Europe und der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission veranstaltet und von der Deutschen Botschaft Warschau unterstützt.

Ziel war es, Phänomene der „Gedenk-Gesetzgebung“, „Geschichtskodifizierung“ und staatlicher Institutionen, die mit der Pflege des „historischen Gedächtnisses“ befasst sind, aus transregionaler Perspektive zu analysieren. Am Fallbeispiel der Ukraine sollte die Thematik in komparativer, komplexer und differenzierter Weise untersucht werden.

In seinem Eröffnungsvortrag präsentierte Andrij Portnov (Berlin) Beispiele dafür, wie historische Argumente als Erklärung für gewaltsame politische Konflikte benutzt wurden bzw. werden. Das erste Panel unter der Überschrift „Geschichte als Erklärung für die ,Ukraine-Krise‘ – Die innenpolitische Dimension“ beschäftigte sich mit der Instrumentalisierung von „erfundener“ Geschichte im aktuellen Krieg im Donbass auf beiden Seiten. Oleksandr Zabirko (Münster) und Martin Malek (Wien) sprachen über die „postsowjetische spekulative Fiktion“ und die Mythologie der Sowjetrepublik Donezk-Kriwoj Rog (Kryvyj Rih) von 1918, wie sie von den selbsternannten „Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ gepflegt wird. Aleksandr Osipian (Kiew) und Volodymyr Sklokin (Lemberg) nahmen den Gebrauch von Geschichte in der ukrainischen Politik und der offiziellen Geschichtsschreibung in den Blick. Im zweiten Panel, das sich mit „externen“ historischen Erklärungsmodellen für die „Ukrainekrise“ beschäftigte, analysierten Kai Struve (Halle) und Guido Hausmann (Regensburg) die deutsche öffentliche Debatte über die Ereignisse der Jahre 2013–2015 in der Ukraine.

Am Abend des zweiten Konferenztages tauschten sich bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Die Intellektuellen und die europäische Krise“ die Experten Jan C. Behrends (Potsdam), Mykola Rjabčuk (Kiew) und Anna Schor-Tschudnowskaja (Wien) unter der Moderation von Gerhard Gnauck (Warschau) über die Position von Intellektuellen in Zeiten politischer Instabilität und der Wiederbelebung „nationaler Narrative“ aus. Das dritte Panel am letzten Konferenztag war „Historischen Kontroversen in Zeiten des Krieges“ gewidmet. Im Zentrum stand dabei der Fall „Wolhynien 1943“. Maciej Górny (Warschau / Jena) gab einen Überblick über „moralische Panik und Grausamkeiten des Feindes“ in der nationalen Propaganda in ostmitteleuropäischen Gesellschaften. Łukasz Adamski und Adam Balcer analysierten die ukrainische bzw. polnische Debatte über das Massaker von Wolhynien im Jahr 1943 und gelangten dabei bezeichnenderweise zu sehr  unterschiedlichen Einschätzungen der gegenwärtigen Tendenzen in der öffentlichen Meinung und Geschichtspolitik in den beiden Ländern. Abschließend untersuchte Kamila Baraniecka-Olszewska (Warschau) ein 2013 veranstaltetes „Reenactment“ des Massakers aus anthropologischer Sicht.

Die Diskussionen während der Konferenz fokussierten sich auf solche Fragen wie: Warum spielt(e) Geschichte eine so wichtige Rolle als mobilisierende und legitimierende Kraft? Warum und wie genau wird Geschichte außerhalb von Konfliktregionen benutzt, um Konflikte zu erklären, zu interpretieren und zu kontextualisieren, und worin besteht die Rolle der akademischen Geschichtswissenschaft? Die Experten und Expertinnen brachten zur Klärung dieser Fragen viele unterschiedliche theoretische Probleme wie auch konkrete Fallbeispiele zur Sprache. In den Diskussionen wurde ebenfalls aufgezeigt, wie beharrlich sich politische und ideologische Überzeugungen bei manchen Historikern festsetzen und in ihren öffentlichen Äußerungen widerspiegeln. Es wurde deutlich, dass die Legitimationsmuster der an Konflikten beteiligten Parteien einerseits und die historischen Erklärungsmuster jenseits der Konfliktregionen andererseits nur indirekt und begrenzt miteinander in Verbindung stehen. Vielmehr greift man etwa in Europa bei den Versuchen, die Lage in der Ukraine unter Heranziehung historischer Perspektiven zu deuten, häufig auf sein „eigenes“ Instrumentarium von Kenntnissen, Traditionen, Stereotypen und Denkpfaden zurück. Dies zeigt z. B. die gelegentliche Thematisierung der „verspäteten Nationsbildung“ in der Ukraine oder der „traditionellen (lies: berechtigten) Interessenssphäre Russlands“ in den deutschen publizistischen und politischen Debatten zur so genannten Ukrainekrise, an denen sich auch Historiker beteiligen. Eine spezifische Problematik stellt das Thema Wolhynien in der aktuellen polnischen Debatte dar, in der vor allem die Forderung nach einer Aufarbeitung der Massaker, die in dieser historischen Kontaktregion während des Zweiten Weltkriegs stattfanden, eine zentrale Rolle spielt.

22
Nov
Kolloquium
Maren Hachmeister (Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, München)
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