Konferenz: Konzeptualisierungen des Holocaust seit den 1990er Jahren

Vom 5. bis 7. Dezember 2016 fand am DHI Warschau eine internationale Konferenz unter dem Titel „Conceptualizations of the Holocaust in Germany, Lithuania, Poland and Ukraine since the 1990s. Historical Research and Public Debate“ statt.

Sie wurde von der DHI-Mitarbeiterin Katrin Stoll und Grzegorz Rossoliński-Liebe (FU Berlin) konzipiert und organisiert. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Deutschland, Großbritannien, Israel, Litauen, Polen, der Ukraine und den USA diskutierten über Konzeptualisierungen des Holocaust im fachwissenschaftlichen Diskurs sowie über Repräsentationen und Nicht-Repräsentationen des Geschehens im öffentlichen Raum.
Die Konferenz ging von der Annahme aus, dass die historische Rekonstruktion des Holocaust innerhalb eines spezifischen Rahmens erfolgt, der zugleich national und transnational ist. Vor dem Hintergrund verschiedener kultureller, politischer, institutioneller und akademischer Kontexte ging es darum, die Wahrnehmungen und Perspektiven auf die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden herauszuarbeiten.
Die Referate zur Vergegenwärtigung des Geschehens in Polen, Litauen und der Ukraine zeigten auf, dass in der Historiographie über die Ereignisse in Ost(mittel)europa unter dem Begriff Holocaust ausschließlich der Akt der Ermordung der europäischen Juden verstanden wird. Bei den Diskussionen ging es nicht nur um ein Verständnis des Holocaust als deutsches Staatsverbrechen, sondern auch um die Frage der Beteiligung von Teilen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaften an dem deutschen Vernichtungsprojekt sowie um die Frage, wie Wissenschaft und Öffentlichkeit in Litauen, Polen und der Ukraine nach der Transformation von 1989 und der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit mit diesem Aspekt ihrer nationalen Vergangenheit umgegangen sind.
Es wurde deutlich, dass das sehr enge Begriffsverständnis des Holocaust als Massenmord eine Begrenzung auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs im Allgemeinen und der deutschen Besatzung im Besonderen nach sich zieht – mit der Folge, dass der Antisemitismus, der in den betreffenden Gesellschaften vor 1939 existierte, ausgeklammert bzw. marginalisiert wird. Gegen diese enge Begriffsdefinition, die vielen Referaten zugrunde lag, sprach sich Dan Michman (Yad Vashem, Jerusalem) in seinem abschließenden Kommentar aus. Der Begriff Holocaust lasse sich nicht auf die Ermordung der europäischen Juden reduzieren. Letztere sei vielmehr ein Aspekt des Gesamtgeschehens. Die akademische Disziplin Holocaust Studies dürfe sich nicht auf die Untersuchung des Massenmords beschränken, sondern müsse auch eine mentalitäts- und kulturgeschichtliche Perspektive einnehmen.

22
Nov
Kolloquium
Maren Hachmeister (Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, München)
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