„La chinoise“ (Die Chinesin), F 1967, Regie: Jean-Luc Godard

Im Rahmen der Filmreihe „Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

96 Min.

Ort: Kino Iluzjon

Veranstalter der Filmreihe sind das DHI Warschau, die Nationale Filmothek – Audiovisuelles Zentrum, das Institut Français Warschau, das Slowakische Institut Warschau, das Tschechische Zentrum Warschau, das Goethe-Institut Warschau, das Italienische Kulturzentrum und das Marek-Edelmann-Dialog-Zentrum Łódź.

Zum Film:

Die Chinesin (OT: La Chinoise)

„Wir müssen verschwommenen Gedanken klare Bilder entgegenstellen“, ist zu Beginn des Films auf einer Wand zu lesen. Diesem Prinzip ist die experimentelle Form dieses „Films im Werden“ untergeordnet. Während seiner Entstehung rückte Godard nach und nach von der Idee eines klassischen Spielfilms zugunsten eines gesellschaftlich engagierten Filmessays ab, der traditionelle Formen infrage stellt. Sein ideeller Bezugspunkt war das Konzept Bertolt Brechts, der im Theater ein Instrument für einen revolutionären Wandel des Bewusstseins des Betrachters sah. Dementsprechend verwendet der Regisseur in seinem Film Brecht’sche Verfremdungseffekte, wie die Zerstückelung der Handlung, die Sichtbarkeit der Arbeit des Filmteams, Improvisation und das offene Zeigen schauspielerischen Agierens. Godard signalisiert damit auch, dass für ihn die erzählte Geschichte sekundär gegenüber der theoretischen Idee ist. In Interviews beschrieb er „Die Chinesin“ als Puzzle, das den Zuschauer in den sinngebenden Ordnungsprozess einbezieht.

Der Film erzählt die Geschichte von fünf Protagonisten, die in einer Pariser Wohnung die Idee einer Revolution entwickeln. Die Handlung knüpft lose an Motive der russischen Literatur an (Gorkis „Nachtasyl“ und Dostojewskis „Böse Geister“), und in den Dialogen gibt es darüber hinaus zahlreiche Bezüge zu philosophischen und künstlerischen Texten sowie zu Erzeugnissen der Populärkultur. Der Großteil des Films dreht sich jedoch um Maos „Kleines Rotes Buch“, das immer wieder gelesen und analysiert wird und in Hunderten Exemplaren ein dominierendes szenografisches Element bildet. „Die Chinesin“ ist der Versuch, eine maoistische Auslegung des Marxismus-Leninismus im Geiste Brechts in die Sprache des Kinos zu übertragen. Immer wieder tauchen daher Elemente des Theaters mit Bezug zu Revolutionsideen auf. Dem Brecht’schen Theatermacher dient ebenso wie dem Revolutionär die Realität als Ausgangspunkt, die er nicht nur analysiert und beschreibt, sondern die er vor allem radikal verändern will. (Text: Karol Jóźwiak)

 

Zur Filmreihe:

Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

Zwölf Filme aus sechs Ländern geben die Atmosphäre Ende der 1960er Jahre wieder – eingefangen zum Zeitpunkt der Ereignisse oder erinnert nach Jahren. Obwohl sich die Forderungen der protestierenden Studenten in Frankreich, Italien und Westdeutschland von den Erwartungen der jungen Leute in Polen und der Tschechoslowakei unterschieden, verband sie doch der Geist des Widerstands und und der Unzufriedenheit mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Alle gehörten sie zur ersten Nachkriegsgeneration. Sie sehnten sich nach einem Bruch mit den alten Moralvorstellungen und suchten eine neue Sprache in der Kunst. Was sie unterschied, war die Politik. In Westeuropa begeisterte sich die rebellische Jugend für den Kommunismus, während die aufbegehrenden Bürger Ostmitteleuropas ihn verdammten.

1968 betrat eine Generation die kulturelle und politische Bühne, für die „Gleichheit“ und „Freiheit“ keine leeren Phrasen waren. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nahm man es damit außerordentlich ernst. Erich Fromm schrieb: „[D]iese jungen Menschen wagen es zu sein und fragen nicht, was sie für ihren Einsatz bekommen oder was ihnen bleibt.“

Die Zeit hatte jedoch auch ihre dunklen Seiten: den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, die antisemitische Hetze in Polen und die terroristischen Anschläge der Roten Brigaden und der RAF. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen lösten bei den Gruppen, gegen die sie gerichtet waren, Unruhe und Angst aus. Das Ende der 1960er Jahre, das waren nicht nur fröhliche Gegenkultur, Protestsongs und Schlaghosen, sondern auch die Erfahrung handfester Gewalt.

Einrichtungen, die sechs Länder – Polen, Tschechien, die Slowakei, Deutschland, Frankreich und Italien – vertreten, präsentieren ein gemeinsames Panorama jener Zeit im Spiegel des Spielfilms. Das Kino der 1960er Jahre belegt die wichtige und einigende Rolle der Kunst: die Suche nach neuen Ausdrucksformen und mutiger Ästhetik und die Befreiung vom Maulkorb stilistischer Konventionen. Das Jahr 1968 ist ohne die „Neuen Wellen“ im Film nicht zu denken. Der revolutionäre Geist des Kinos von damals lässt die Filme von heute erstaunlich traditionell erscheinen. Ist die Gegenkultur gescheitert? Nicht unbedingt. Heute schwingt in den Erinnerungen an jene Jahre Nostalgie und die Sehnsucht nach Revolte und einer engagierten Jugend mit.

50 Jahre nach dem polnischen März, dem französischen Mai, dem Prager Frühling und den deutschen Studentenprotesten wird Europa erneut von politischen Turbulenzen erschüttert. Die vom Protest jener Generation ausgelösten Veränderungen waren dauerhaft. Die Generation selbst jedoch tritt heute aus Kultur und Politik ab. Sie macht Menschen Platz, die in einem anderen Europa groß geworden sind. Wie gehen wir heute mit dem Erbe von 1968 um? Woran erinnern wir uns, was haben wir vergessen? Die in der Filmreihe gezeigten Filme geben vielfältige Antworten und provozieren weitere Fragen. (Text: Magdalena Saryusz-Wolska)

24
Sep
Vortrag
Prof. Klaus Oschema, Ruhr-Universität Bochum: Europa-Vorstellungen im Mittelalter – ein Kontinent gewinnt Konturen
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