Michael G. Müller referierte am DHI Warschau über konfessionelle Grenzziehungen in Polen-Litauen und im Heiligen Römischen Reich im 16. Jh.

Wir leben in einer Zeit, in der religiöse Mobilisierung und interkonfessionelle Konflikte wieder zu einer globalen Herausforderung ersten Ranges geworden sind. Diese Tatsache motivierte Michael G. Müller, Professor emeritus für Osteuropäische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dazu, darüber nachzudenken, ob und inwieweit das 16. Jahrhundert mit seinen Glaubenskonflikten einen „fernen Spiegel“ (um einen Ausdruck zu gebrauchen, den Barbara Tuchman in Bezug auf das 14. Jahrhundert prägte) der Gegenwart darstellt. 

In seinem „Dienstagsvortrag“ am 30. Januar 2018 ging Professor Müller, derzeit Fellow des Polish Institute of Advanced Studies der Polnischen Akademie der Wissenschaften, den Ursachen und Umständen der nachreformatorischen Konfessionsbildungen nach. In seinem faktenreichen und zugleich spannenden Vortrag machte er plausibel, dass die konfessionellen Spaltungen des 16. Jahrhunderts keineswegs eine direkte, geschweige denn eine notwendige Konsequenz der theologischen und kirchlichen Konflikte der Reformationszeit waren. Nach Müller waren sie vielmehr die Folge des Zusammenwirkens religiöser und außerreligiöser, vor allem aber politischer Faktoren. Und die deutsche Variante des Konfessionalismus repräsentierte entgegen einer weit verbreiteten Annahme auch nicht den Idealtypus, sondern nur eine von vielen möglichen Varianten, die sich vor allem in ihren politischen Entstehungsbedingungen unterschieden. Der Frühneuzeithistoriker illustrierte dies anhand eines Vergleichs zwischen dem Heiligen Römischen Reich und der polnischen Rzeczpospolita.

Eine Leitfrage war die Frage nach der Autorität weltlicher Machtträger bei der Entscheidung über Einheit oder Spaltung der Bekenntnisse. Müllers Antwort lautete, dass die Entscheidung über die Definition des Bekenntnisses vor allem eine politische Machtfrage gewesen sei. 

Michael G. Müller war von 2002 bis 2009 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des DHI Warschau und von 2003 bis 2008 dessen Vorsitzender. Sein Auftritt bildete den Auftakt einer Reihe von Dienstagsvorträgen, zu denen das DHI Warschau anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums einige ehemalige und aktuelle Beiratsmitglieder eingeladen hat.

23
Mai
Kolloquium
Andrei Matsuk (Nacyjanalnaja akademija nawuk Bielarusi, Minsk)
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