Neues Werk von Yamin Kouli erschienen

 

Der Autor analysiert die industrielle Entwicklung Niederschlesiens für den Zeitraum 1936–1956 und beschäftigt sich dabei mit der Frage nach der Bedeutung von Wissen im Produktionsprozess. Er geht davon aus, dass zwischen der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung und der Zerstörung der Industrieproduktion nach 1945 ein Zusammenhang besteht. Er zeigt auf, welche Folgen der Verlust von Informationen zeitigt, wobei er davon ausgeht, dass sich in bestimmten Kategorien Wissen nicht ohne menschliches Gedächtnis „erhalten“ lässt.

Die polnische Umsiedlungspolitik stellt eines seiner Hauptanalysefelder dar. Bis zum Ende der 1940er Jahre galt es, die deutsche Bevölkerung möglichst rasch auszusiedeln, doch nach 1950 begann man, die Deutschen zum Bleiben zu bewegen. Es scheint, als hätten dazu vorrangig wirtschaftliche Gründe geführt und keine politischen, wie bisher angenommen wurde.

Obwohl in den 1950er und 1960er Jahren in vielen Ländern Europas und der Welt ein Wirtschaftswachstum zu verzeichnen war, erlebten die sogenannten wiedergewonnenen Gebiete kein derartiges „Wirtschaftswunder”. Es wurde versucht, das mit Hinweisen auf die Zerstörung der Industrie infolge von Kriegshandlungen und Demontagen zu erklären, mit dem Mangel an Kapital und Arbeitskräften, politischen Rücksichten bzw. dem Gefühl einer gewissen Vorläufigkeit der polnischen Verwaltung in diesen Gebieten, was zu einem geringeren Engagement der polnischen Bevölkerung in ihren wirtschaftlichen Anstrengungen führte. Dennoch beweisen zahlreiche Beispiele, dass trotz kurzzeitiger Lähmung der Wirtschaft durch Naturkatastrophen oder Kriege, spätere Kompensationen durch überdurchschnittliches Wachstum möglich sind.

Zweifellos stellten die Umsiedlungen einen besonderen Faktor in der Nachkriegsgeschichte Niederschlesiens. Der Autor weist nach, dass es durch den Verlust der dort früher arbeitenden Bevölkerung auch an dem hauptsächlichen Element zur Nutzung des industriellen Potenzials mangelte, an wesentlichem Wissen über Produktionsprozesse und damit an Möglichkeiten zur Durchführung einer sinnvollen Rekonstruktion.

Die polnische Ausgabe des Bandes im Warschauer Universitätsverlag erschien als Ergebnis einer Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut Warschau.

Yaman Kouli studierte Wirtschaftsgeschichte und Jura in Bielefeld und Paris und weilte zu Stipendienaufenthalten an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań sowie am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Seit 2011 lehrt er am Institut für Europäische Geschichte der Technischen Universität Chemnitz, wo er 2012 mit der Arbeit unter dem Titel „Die materielle Illusion oder Ohne Wissen ist alles nichts – die Bedeutung von Wissen für industrielle Produktion am Beispiel Niederschlesiens 1936–1956“ promoviert wurde, die 2014 auf Deutsch erschien.

Yaman Kouli, Dolny Śląsk 1936-1956. Szybki rozwój i nieudana odbudowa. Wpływ wiedzy na produkcję przemysłową, Übersetzung von Dominiak Tomasz, Wydawnictwa Uniwersytetu Warszawskiego, Warszawa 2018, s. 316 (Biblioteka Humanisty), ISBN 978-83-235-3395-5

05
Sep
Kolloquium
Mariusz Kałczewiak (Universität Potsdam)
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