„Teorema“ (Theorem – Geometrie der Liebe), IT 1968, Regie: Pier Paolo Pasolini

Im Rahmen der Filmreihe „Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

98 Min.
Ort: Kino Iluzjon
Der Film wird im italienischen Original mit polnischen Untertiteln gezeigt.

Veranstalter der Filmreihe sind das DHI Warschau, die Nationale Filmothek – Audiovisuelles Zentrum, das Institut Français Warschau, das Slowakische Institut Warschau, das Tschechische Zentrum Warschau, das Goethe-Institut Warschau, das Italienische Kulturzentrum und das Marek-Edelmann-Dialog-Zentrum Łódź.

Zum Film:

„Teorema“ (Theorem – Geometrie der Liebe)

Der Film ist eine allegorische Erzählung über die Armseligkeit bürgerlicher Werte, die sich unter dem Einfluss unerwarteter Ereignisse als leer und flüchtig erweisen. Pasolini realisierte diesen Film ohne Drehbuch, in experimenteller Form und in mehreren Abschnitten. Die Erzählung des ersten Teils bewegt sich um eine von Terence Stamp verkörperte Figur. Dieser wechselte während der Dreharbeiten angeblich kein einziges Wort mit dem Regisseur, sondern erhielt lediglich kurze Hinweise zur Art seines Spiels, das sich „auf reine Anwesenheit“ beschränkte, wie er selbst es beschrieb. Letztendlich entstand eine ambivalente Figur, die von einigen als „christologisch“ (der Film erhielt die Auszeichnung einer katholischen Jury auf den Filmfestspielen von Venedig), von anderen hingegen als Blasphemie (der Papst selbst verurteilte den Film) bezeichnet wurde. Der Protagonist erscheint als Gast in einer wohlhabenden Industriellenfamilie und bewirkt bei ihren Mitgliedern eine Wandlung, indem er deren verborgene Sehnsüchte, Ängste und Wünsche Realität werden lässt. Sein unvermeidlicher Abgang löst bei jedem Einzelnen eine Identitätskrise aus. Ihre Geschichten vereinen sich zu einer Studie bürgerlicher Charaktere, die auf unterschiedliche Weise versuchen, sich in einem neuen Bewusstseinszustand zurechtzufinden.

Dem erzählerischen Teil des Films ist ein Prolog nach Art einer Reportage vorangestellt. Ein Journalist interviewt Arbeiter auf ihrem Heimweg zum außergewöhnlichen Verhalten des Fabrikbesitzers, der ihnen das Werk überantworten will. In diesem Zusammenhang fallen Fragen nach der Möglichkeit einer Revolution, dem weiteren Schicksal der Gesellschaft und der Rolle des Bürgertums. Letztere bleibt unbeantwortet.

Der rätselhafte Titel des Films umfasst das ganze Spektrum von Bedeutungen, die in dem griechischen Begriff theórēma stecken: Spektakel, Vision, Regel, Muster, Forschungsgegenstand. In ästhetisierter und visionärer Form konstruiert Pasolini eine filmische philosophische Abhandlung, die der Frage nach der Befindlichkeit des modernen Menschen im Angesicht von Verlorenheit und Wertekrise nachgeht. (Text: Karol Jóźwiak)

 

Zur Filmreihe:

Jahr des Protestes. 1968 im europäischen Kino

Zwölf Filme aus sechs Ländern geben die Atmosphäre Ende der 1960er Jahre wieder – eingefangen zum Zeitpunkt der Ereignisse oder erinnert nach Jahren. Obwohl sich die Forderungen der protestierenden Studenten in Frankreich, Italien und Westdeutschland von den Erwartungen der jungen Leute in Polen und der Tschechoslowakei unterschieden, verband sie doch der Geist des Widerstands und und der Unzufriedenheit mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Alle gehörten sie zur ersten Nachkriegsgeneration. Sie sehnten sich nach einem Bruch mit den alten Moralvorstellungen und suchten eine neue Sprache in der Kunst. Was sie unterschied, war die Politik. In Westeuropa begeisterte sich die rebellische Jugend für den Kommunismus, während die aufbegehrenden Bürger Ostmitteleuropas ihn verdammten.

1968 betrat eine Generation die kulturelle und politische Bühne, für die „Gleichheit“ und „Freiheit“ keine leeren Phrasen waren. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs nahm man es damit außerordentlich ernst. Erich Fromm schrieb: „[D]iese jungen Menschen wagen es zu sein und fragen nicht, was sie für ihren Einsatz bekommen oder was ihnen bleibt.“

Die Zeit hatte jedoch auch ihre dunklen Seiten: den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, die antisemitische Hetze in Polen und die terroristischen Anschläge der Roten Brigaden und der RAF. Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen lösten bei den Gruppen, gegen die sie gerichtet waren, Unruhe und Angst aus. Das Ende der 1960er Jahre, das waren nicht nur fröhliche Gegenkultur, Protestsongs und Schlaghosen, sondern auch die Erfahrung handfester Gewalt.

Einrichtungen, die sechs Länder – Polen, Tschechien, die Slowakei, Deutschland, Frankreich und Italien – vertreten, präsentieren ein gemeinsames Panorama jener Zeit im Spiegel des Spielfilms. Das Kino der 1960er Jahre belegt die wichtige und einigende Rolle der Kunst: die Suche nach neuen Ausdrucksformen und mutiger Ästhetik und die Befreiung vom Maulkorb stilistischer Konventionen. Das Jahr 1968 ist ohne die „Neuen Wellen“ im Film nicht zu denken. Der revolutionäre Geist des Kinos von damals lässt die Filme von heute erstaunlich traditionell erscheinen. Ist die Gegenkultur gescheitert? Nicht unbedingt. Heute schwingt in den Erinnerungen an jene Jahre Nostalgie und die Sehnsucht nach Revolte und einer engagierten Jugend mit.

50 Jahre nach dem polnischen März, dem französischen Mai, dem Prager Frühling und den deutschen Studentenprotesten wird Europa erneut von politischen Turbulenzen erschüttert. Die vom Protest jener Generation ausgelösten Veränderungen waren dauerhaft. Die Generation selbst jedoch tritt heute aus Kultur und Politik ab. Sie macht Menschen Platz, die in einem anderen Europa groß geworden sind. Wie gehen wir heute mit dem Erbe von 1968 um? Woran erinnern wir uns, was haben wir vergessen? Die in der Filmreihe gezeigten Filme geben vielfältige Antworten und provozieren weitere Fragen. (Text: Magdalena Saryusz-Wolska)

05
Sep
Kolloquium
Mariusz Kałczewiak (Universität Potsdam)
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