Workshop „Hidden Children during the Holocaust – Historical Considerations of a Transnational Phenomenon“ (Valdas Adamkus Presidential Library Museum, Kaunas, 25.–27. Juni 2018)

Während des Zweiten Weltkriegs wurden in vielen europäischen Ländern jüdische Kinder versteckt, die nur unter äußerst schwierigen Bedingungen überleben konnten. Das Kriegsende war kaum durch ein „Happy End“ gekennzeichnet, da die Protagonisten den Verlust ihrer Angehörigen zu beklagen hatten bzw. deren tiefgreifende Traumata miterleben mussten, wozu ihre eigenen langzeitigen psychischen und physischen Verfolgungsfolgen kamen, die in den meisten Fällen unterschätzt wurden, da die Kinder ja nicht im KZ gelitten hätten.

Der vom Deutschen Historischen Institut in Warschau und seiner Außenstelle in Vilnius veranstaltete Workshop versammelte Historiker und Literaturwissenschaftler und Museumsfachleute aus Israel, Litauen, Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland, die vergleichend die historischen Umstände des (Über)Lebens im Versteck diskutierten sowie Nachkriegsschicksale im west- und osteuropäischen Kontext erörterten. Thematische Schwerpunkte stellten u.a. die NS-Politik gegen das jüdische Kind (Boaz Cohen) dar wie auch die Spannungsfelder zwischen der Behandlung dieses Themas in der Literatur, der Edition von Memoiren und der Geschichtsschreibung (Wilhelm Kuehs, Brigitte von Kann), wobei auch die Leistung von Dijana Budisavljević vorgestellt wurde, die tausende serbische Kinder aus den Konzentrationslagern des kroatischen faschistischen Ustaša-Regimes retten konnte. In einen weiteren methodisch innovativen Zugang führte Nikita Hock mit seinem Forschungsprojekt basierend auf Tagebüchern versteckter jüdischer Kinder ein, das in den  interdisziplinären sound studies angesiedelt ist.

Durch die Präsentation verschiedener Beispiele zu Italien (Paolo Tagini) , Frankreich (Annelyse Forst) und Litauen (Danutė Selčinskaja) ergaben sich Möglichkeiten, das Thema der versteckten Kinder während des Holocaust als ein transnationales Phänomen zu diskutieren  und somit die bisher üblichen engen nationalen Erzählperspektiven aufzubrechen.

Ergänzt wurden die Präsentationen und Diskussionen durch ein intensives Zeitzeugengespräch mit zwei Frauen, Fruma Kučinskienė und Juliana Zarchi, die beide aus dem Ghetto Kaunas geschmuggelt wurden und heute noch in dieser Stadt leben. Ihre Schilderungen unterstrichen auf einzigartige Weise, dass Kaunas durch die große Anzahl versteckter Kinder einen sehr prominenten Platz in der Geschichte einnimmt.

Der Workshop machte deutlich, dass eine weitere wissenschaftliche Vernetzung und vergleichende Forschung zu dem Thema der versteckten Kinder gewinnbringend sein kann.

In ihrem Fazit präzisierte Ruth Leiserowitz, dass es gelte, an verschiedenen Forschungsfragen weiter zu arbeiten: (1) Obwohl die Geschichten von Versteck und Rettung überwiegend einen positiven Ausgang nahelegen, darf nicht übersehen werden, dass sich die versteckten Kinder in krassen Ausnahmesituationen befanden, in denen viele von ihnen prägende Erfahrungen von Krieg, Kriegsauswirkungen und Gewalt in jeder Form hatten.     

(2) Geht man von der These aus, dass die Errettung eines jeden Kindes nicht die Arbeit eines Individuums war, sondern Netzwerke voraussetzte, könnte es erkenntnisgewinnend sein, diese Netzwerke im europäischen Kontext zu beschreiben, zu vergleichen und zu kommentieren.

(3) In einem derartigen Vergleich werden die Akteure und formellen sowie informellen Hilfsorganisationen stärker in den Vordergrund gerückt. Somit ergibt sich die Chance, Motivationen, Profile und Strategien besser zu beschreiben und nicht eindimensional im nationalen Kontext zu verharren.

(4) Nach dem Krieg wurden Kinder durch jüdische Organisationen gesucht, gefunden, gesammelt und an sichere Orte gebracht. Diese Aktivitäten fanden in ganz Europa statt. Dieses Kapitel einer grenzüberschreitenden Geschichte wurde noch nicht geschrieben. Mehrere Aspekte deuten darauf hin, dass dieses Kapitel der kontinentalen Geschichte zeigen kann, welche großen Anstrengungen unter enormem Zeitdruck im Kampf gegen die sich entwickelnden Strukturen des Kalten Krieges und der Teilung Europas unternommen wurden.

17
Okt
Kolloquium
Piotr Franz (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)
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