Workshop zu Theorie und Praxis des polnischen Gefängniswesens am DHI Warschau

Ein Workshop über die Geschichte des polnischen Gefängniswesens brachte am 26./27. März 2018 drei Dutzend Theoretiker und Praktiker des Gefängniswesens aus Polen, Deutschland, Österreich und der Ukraine unter dem Motto „100 Jahre ohne Staat, 100 Jahre für den Staat“ am DHI Warschau zusammen. Im Rahmen der Veranstaltung, die gemeinsam mit dem Manteuffel-Institut für Geschichtswissenschaften sowie dem Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften organisiert wurde, referierten mehrere in polnischen Gefängnissen tätige Historiker sowie Lehrende der Gefängniskunde von den Universitäten Warschau, Allenstein (Olsztyn) und Łódź über ihre Erfahrungen und Forschungen. 

Im Fokus des ersten Panels stand die Umnutzung von katholischen Klöstern im geteilten Polen. In einer Zeit, in der die innere Einkehr zu einem Kernbestandteil moderner Besserungskonzepte wurde, machten die neuen Herrscher in allen drei Teilungsgebieten religiöse Räume für den Strafvollzug nutzbar. Anhand von Beispielen aus Rawicz, Wronki, Schweidnitz (Świdnica), Bartenstein (Barczewo) und Lemberg (L’viv) zeigten die Panelisten, wie sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Nutzung religiöser Räumen im Strafvollzug veränderte, bis sie weitgehend an Bedeutung verloren. Die Teilnehmer der zweiten Sektion diskutierten kontrovers die Dissonanz zwischen normativen Konzepten der Funktion von Arbeit im Strafvollzug und der praktischen Erfahrung von Gefangenen und Aufsehern. Ein drittes Panel rückte den Körper der Gefangenen in den Mittelpunkt. Die Vortragenden thematisierten den Umgang mit Sexualität und das individuelle Erleben von Gewalt und machten deutlich, dass es keine Geschichte des Gefängniswesens ohne die Geschichte einzelner Gefangener geben kann. In der letzten Sektion wurde intensiv über die doppelte Rolle der Wärter als Vertreter des Staates und als zentrale Beteiligte des Gefängnisalltags diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass diese Personengruppe häufig in doppelter Weise Gewalt ausgesetzt war und ist: einerseits vonseiten der Institution, andererseits vonseiten der Insassen. 

Der Workshop wurde umrahmt von einer Pop-Up-Ausstellung im Konferenzsaal des DHI Warschau, die von den Teilnehmern im Vorfeld in Form von thematischen Plakaten vorbereitet worden war.

17
Okt
Kolloquium
Piotr Franz (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)
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