
Nationale Identität und transnationale Verflechtung
Einleitung
Nachdem der Nationalstaat lange Zeit bevorzugter Gegenstand der Geschichtswissenschaft war, nimmt die historische Forschung im Zuge ihrer Entgrenzung stärker die Bedeutung grenzübergreifender Verflechtungen, Wahrnehmungen und Transfers in den Blick. Dabei zeigt sich, dass die Intensivierung transnationaler Kontakte und Interdependenzen ein Phänomen ist, das nicht erst mit der sogenannten "Globalisierung" einsetzt, sondern dessen Ursprünge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Die Entstehung moderner Kommunikations- und Verkehrsmittel, aber auch das Aufkommen von Wissenssystemen oder politischen Ideologien mit universellem Anspruch bewirkten, das eine bis dahin nicht gekannte Steigerung der Mobilität, eine Verdichtung grenzübergreifender Netzwerke sowie eine Intensivierung interkultureller Wahrnehmungen und Transfers zu einem Charakteristikum des 19. und 20. Jahrhunderts wurden.
Diese Verdichtung grenzübergreifender Kontakte hat zu dem paradoxen Ergebnis geführt, dass es mit der Ausbreitung des "Projekts der Moderne" (Shmuel N. Eisenstadt) zwar zu einer internationalen Angleichung kam, die sich von Formen der politischen und sozialen Organisation bis hin zu individuellen Lebensstilen erstreckt. Gleichzeitig wurden die Ideen und Institutionen der Moderne jedoch immer auch in partikulare Kontexte integriert und verstärkten damit das Gefühl kultureller Differenz. Am deutlichsten wird dieses Spannungsverhältnis an der Ausbreitung des Nationalstaats: Einerseits wurde dadurch einer bestimmten Form der politischen Organisation zur weltweiten Dominanz verholfen; andererseits geriet aber gerade der Nationalstaat zu einer der wichtigsten Ausdrucksformen partikularer Identität. Nirgends zeigt sich dieses Spannungsverhältnis zwischen internationaler Angleichung und nationaler Differenzierung in der Folge transnationaler Verflechtungen deutlicher als in Ostmitteleuropa: Ein Charakteristikum dieser Region ist, dass sie über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhundert in imperiale Herrschaftsverbände integriert war. Weiter führte das für diesen Zeitraum charakteristische Wohlstands- und Liberalitätsgefälle zwischen West und Ost dazu, dass Phänomene wie Emigration und Exil zu wichtigen Faktoren aufstiegen. Im Zuge der durch diese Prozesse ausgelösten Transfers und Wahrnehmungen entwickelte sich ein Zugehörigkeitsgefühl zur westlichen Moderne zu einem wichtigen Bestandteil des Selbstverständnisses der Mehrzahl der ostmitteleuropäischen Gesellschaften. Gleichzeitig war jedoch gerade das 19. Jahrhundert der Zeitraum, in dem diese Gesellschaften ein gesteigertes Bewusstsein ihrer spezifischen soziokulturellen Identität herausbildeten.
Das Spannungsverhältnis von nationaler Identität und transnationaler Verflechtung steht daher im Zentrum des Forschungsbereichs III. Insbesondere soll untersucht werden wie Mobilität oder auch längerfristiges Exil zur Herausbildung von transnationalen Verflechtungen führten. Die Untersuchung der dadurch ausgelösten Kulturtransfers soll einerseits Aufschluss über die Entwicklung eines nationalen Selbstverständnisses vor einem europäischen Hintergrund geben. Mit dieser Themenstellung soll ein Beitrag dazu geleistet werden, eine zentrale Frage der Geschichte Polens und Ostmitteleuropas aus einer nationalen Engführung herauszulösen, um sie im Kontext grenzübergreifender Wirkungszusammenhänge zu betrachten. Andererseits zielt diese Themenstellung auch darauf ab, mit spezifischer regionalhistorischer Fachkompetenz auf unterschiedliche Weise in die "allgemeine" Geschichte hineinzuwirken. So stellt sich etwa die Frage, inwieweit das westliche "Zentrum" von der östlichen "Peripherie" zur Selbstdefinition herausgefordert wurde, als ostmitteleuropäische Exilanten und Wissenschaftler ihre Zugehörigkeit zur westlichen Moderne behaupteten. Darüber hinaus war die Verdichtung grenzübergreifender Kontakte im 19. Jahrhundert ein Phänomen von internationaler Bedeutung, so dass sich auch überregionale Vergleichsmöglichkeiten bieten. Schließlich bietet historische Polen- und Ostmitteleuropaforschung, die grenzübergreifende Verflechtung untersucht, auch Möglichkeiten, die Reichweite und Tragfähigkeit wichtiger Forschungsansätze transnationaler Geschichtswissenschaft zu prüfen.
Teilprojekt 1
Studium im Europa des 19. Jahrhunderts. Wechselwirkungen zwischen transnationaler Verflechtung und nationaler Identität
Bearbeiterin: PD Dr. Ruth Leiserowitz
Warschau, das nach dem Novemberaufstand (1830/31) zum nationalen Zentrum Polens wurde und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer rasch wachsenden Metropole entwickelte, wies höchst unterschiedliche kulturelle Fixpunkte auf. Einerseits waren die Verbindungen nach Paris und Brüssel, zu den Zentren der großen Emigration überaus stark. Andererseits waren Stadt und Region administrativ seit 1831 Russland zugeordnet, nach 1863 als Weichselprovinz in das Zarenreich eingegliedert. Somit unterlagen sie kulturellen Orientierungen aus St. Petersburg. Hinzu kamen Impulse aus Verbindungen, die Warschauer Bürger mit Einwohnern anderer Städte der übrigen polnischen Teilungsgebiete, insbesondere in Posen, Krakau oder Lemberg unterhielten. Daraus ergab sich bereits eine breite Palette von Möglichkeiten kultureller Kontakte. Welche präferierten die polnischen Bewohner, welche bevorzugten die Juden der Stadt, wie verorteten sich Einwohner dritter Herkunft? Bereits ein erster Blick auf akademische Biografien Warschauer Bürger des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die kulturellen Kontakte weit über die französischen, russischen und polnischen Bezüge hinaus reichten, das Wissen und kulturelle Inhalte auch aus anderen Räumen und über kulturelle Grenzen hinweg einströmten. Die akademische Jugend studierte mangels eigener nationaler Bildungsstätten bzw. deren unzureichender Situation im gesamten europäischen Ausland und brachte von dort vielfältige Erfahrungen und Eindrücke mit. Die Intelligenz der Stadt pflegte das gesamte Jahrhundert hindurch transnationale Kulturformen und knüpfte transterritoriale Netzwerke, über die zahlreiche Ideen und Inhalte transferiert wurden. So konnte Warschau zu einer wichtigen Stadt im europäischen Kulturkontext werden. Diese europäische Verortung und Vernetzung in den Bereichen Kultur und Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert entstand und im übrigen auch Fundamente für politische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bildete, ist als Phänomen bisher wenig beachtet und erforscht worden.
Ziel des skizzierten Forschungsprojektes ist es daher, europäische Verortungen von Warschauern in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht für das 19. Jahrhundert zu dokumentieren, Kultur- und Wissenschaftstransfer nachzuzeichnen sowie deren Einflüsse auf die diversen Diskurse in der Gesellschaft sowie auf Innovationen aufzuzeigen, wobei Schnittstellen zwischen polnischen und jüdischen Milieus und deren Aspirationen ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen. Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass sich durch die Prozesse von europäischen Verortungen und Vernetzungen sowie durch den Transfer von Kultur und Wissenschaft dichte Verflechtungen im kontinentalen Raum entwickelten, die u. a. auch zahlreiche Wechselwirkungen mit den nationalen Identitäten der Warschauer hervorriefen.
Als Akteursgruppe der kulturell-wissenschaftlichen Landschaft werden die Warschauer Bürger der Jahrgänge 1770–1870 in den Fokus der Untersuchung gestellt, die im Ausland studierten und deren mitgebrachte Erfahrungen und Kontakte später in das Warschauer Berufsleben einflossen. Im Mittelpunkt steht die Frage des Kultur- und Wissenschaftstransfers, worunter Übertragungen, Übernahmen sowie Bewegungsprozesse zwischen Kontexten, die Transformation einschließen können, verstanden werden wie auch Spiegelungseffekte und Mechanismen der gegenseitigen Beeinflussung. Dabei handelt es sich um multiplexe und dynamische Prozesse, innerhalb derer ständig Mehrfachkodierungen von personaler und kollektiver Identität in Abhängigkeit von Kontext bzw. Referenzrahmen stattfinden. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Phänomen des Transfers um soziale Prozesse handelt, die zwischen persönlichen Motivationen und strukturellen Bedingungsgefügen angesiedelt waren.
Ausgehend von anderen Untersuchungen zu Transferprozessen des 19. Jahrhunderts kann hier die Vermutung aufgestellt werden, dass diese sich nicht vorrangig in nationalen Polaritäten abspielen, sondern ihnen bei aller Heterogenität von vornherein eine ‚europäische Dimension’ eingeschrieben ist. Als Agenten des Transfers stehen die Studenten aus Warschau bzw. diejenigen, die im Ausland studierten und dann im Warschau des 19. Jahrhunderts ihren berufliches Umfeld bzw. ihren Lebensmittelpunkt hatten. Ihre Erfahrungs- und Sozialprofile, ihre Interaktionen und kulturellen bzw. wissenschaftlichen Produkte sind wesentliche Bestimmungsfaktor im gesamten Prozess des Kulturtransfers. Dabei lassen sich einerseits ebenfalls mehrpolige komplexe Transfervorgänge feststellen, die häufig auch über eine ‚Mittlerstation’ laufen, andererseits spielen gleichfalls Phänomene eines negativen Kulturtransfers’ eine Rolle. Angestrebt wird, ausgehend von der Warschauer Gesellschaft, auf verschiedensten Gebieten Verknüpfungen und Übergangserscheinungen zwischen Kulturbereichen nachzuweisen, die bisher aus diversen Gründen oder aufgrund anderer Perspektiven einander gegenüber gestellt wurden).
Im weiteren Kontext sollen überdies folgenden Fragen nachgegangen werden: wie entwickelten sich die weit reichenden transnationalen freundschaftlichen Netzwerke bzw. transnationalen Interaktionen? Kam es zu gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten bzw. wie entwickelte sich „Wissenschaft“ als regulative Idee für akademisches Arbeiten? Welche interdisziplinären, internationalen, interreligiösen und interjüdischen Schnittstellen entwickelten sich und welche Auswirkungen hatten neue Kommunikationswege auf die Wahl der Studienorte und die Zunahme der Studentenzahlen (hier besonders unter dem Blickwinkel der neuen Eisenbahnverbindungen)? Welche Nachhaltigkeitseffekte ergaben sich aus der transnationalen Kommunikation zwischen einzelnen Metropolen, einer evtl. „Nationalisierung“ während des Studiums sowie dem Wechselspiel von Internationalisierung und Nationalstaat? Von Interesse sind ferner jene Segmente der Untersuchung, die das deutsch-polnische Verhältnis abbilden und die unter anderem Aufschluss über den Stellenwert des Deutschen im lokalen Sprachenpluralismus und als Wissenschaftssprache geben sowie Hinweise auf eventuelle verdichtete Beziehungen zwischen Berlin und Warschau für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Teilprojekt 2
Politisches Exil und Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert. Die polnische National- und Demokratiebewegung
Bearbeiter: Dr. Robert Brier
Die Tatsache, dass mit dem Hôtel Lambert oder dem Instytut Literacki zwei zentrale Erinnerungsorte polnischer Gedächtniskultur in Frankreich liegen, zeigt die eminente Bedeutung des politischen Exils für die polnische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Weiter ist die politische Agitation aus der Emigration kein Spezifikum nur der polnischen Geschichte, sondern sowohl für die europäischen und antikolonialen Nationalbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts als auch die ostmittel- und osteuropäischen Oppositionsbewegungen des späten Kalten Kriegs charakteristisch. Dennoch wird die politische Emigration überwiegend im Kontext nationalhistorischer Fragestellungen oder in ihrer Funktion als "kultureller Exklave" analysiert. Vor diesem Hintergrund besteht das übergreifende Ziel des geplanten Forschungsprojekts darin, eine Perspektive auf die Geschichte politischen Exils zu entwickeln, die es ermöglicht, polnische Geschichte im Kontext transnationaler Wirkungszusammenhänge zu analysieren und sie einem epochen- und regionenübergreifenden Vergleich zugänglich zu machen.
Ausgangspunkt dieses Versuchs ist die Beobachtung, dass die Exilpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts insofern eine moderne Erscheinung war, als sie sich einen Wandel politischer Kommunikationsformen und Legitimitätsmuster zunutze machte, der im 19. Jahrhundert voll zum tragen kam: Die Erweiterung politischer Partizipation, die Entstehung moderner Massenmedien und das Aufkommen politischer Ideologien mit universellem Anspruch ermöglichte es polnischen Emigranten, die Anliegen des eigenen nationalen Projekts vor das Forum der neu entstandenen "appellativen Instanz" (Requate/Schulze Wessels) nationaler und transnationaler Öffentlichkeiten zu bringen. Exilpolitik war daher immer auch Symbol- und Deutungspolitik: Sie sollte die "polnische Frage" in grenzübergreifenden Kommunikationsräumen präsent halten und ihre Lösung als Aufgabe einer internationalen Wertegemeinschaft darstellen.
Hier liegt die transfer- und verflechtungshistorische Stoßrichtung des Projekts: Um die "Ressource Öffentlichkeit" für die eigene Sache zu nutzen, musste die politische Emigration die polnische Frage schließlich in einer Weise darlegen, die anschlussfähig an die Traditionsbestände und Wertvorstellungen der Zielöffentlichkeiten war. Insofern stellte das Exil nicht nur eine "kulturelle Exklave" dar, sondern auch eine Art "Schnittstelle" zwischen der polnischen Gesellschaft und grenzübergreifenden kulturhistorischen Prozessen des 19. und 20. Jahrhunderts. Da politische Emigration weiter in der Moderne ein Phänomen von internationaler Bedeutung ist, bietet die politische "Öffentlichkeitsarbeit" polnischer Exilanten auch die Möglichkeit, den Funktions- und Strukturwandel politischen Exils über Epochen- und Regionengrenzen hinweg vergleichend in den Blick zu nehmen. Die Begriffe "Exil" und "Öffentlichkeit" bilden somit die inhaltliche Klammer eines Gesamtprojekts, das sich polnischer Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert anhand zweier Teilprojekte zuwendet: Hierbei handelt es sich erstens um ein Forschungsvorhaben, das den Einfluss des ostmitteleuropäischen Nationalitätenexils auf die Veränderung der Kultur internationaler Politik vom 19. zum frühen 20. Jahrhundert nachvollziehen soll; zweitens werden die Kontakte der Gewerkschaft "Solidarność" in den Westen fokussiert.
Unterprojekt 1: Zur Genese des "Wilsonian Moment". Ostmitteleuropäisches Exil und die Transformation internationaler politischer Kultur ca. 1880-1917
Das Ziel des ersten Teilprojekts besteht darin, den Einfluss ostmitteleuropäischer Exilanten auf den "Wilsonian moment" (Erez Manela), d.h. die endgültige Durchsetzung des Nationalstaats als Strukturprinzip der europäischen und internationalen Politik, zu ergründen. Die Gründe für diesen Prozesses werden dabei erstens nicht allein in politik- oder diplomatiehistorischen Faktoren, sondern in einem Wandel grundlegender Wissensbestände und Wertvorstellungen internationaler Politik am Ende des "langen" 19. Jahrhunderts gesehen. Zweitens folgt das Projekt Jürgen Osterhammel in dem Versuch, den Zusammenhang zwischen Nationsbildung und internationaler Politik nicht nur "vom Kleinen zum Großen aufsteigend", sondern auch "an beiden Enden beginnen[d]" zu analysieren. Theoretischer Ausgangspunkt dieses Vorhabens ist die These, dass es die relative Dauerhaftigkeit des modernen Staatensystems nahe legt, dass es selbst in diesem Nebeneinander autonomer Machtstaaten zu einer Institutionalisierung grundlegender Rollenverständnisse und Identitäten gekommen war. Die Akteure internationaler Politik wussten also, was es bedeutet, ein Nationalstaat zu sein und als solcher zu agieren. Dies wiederum setzt voraus, dass auch das internationale System von intersubjektiven Wissensbeständen und Wertvorstellungen, also einer Kultur internationaler Politik charakterisiert ist. Eine Grundeinsicht moderner Nationalismusforschung ist nun aber, dass selbst das Wissen um die Identität eines Staates wie Frankreich nicht fraglos gegeben, sondern hochgradig problematisch und voraussetzungsreich ist. Dies gilt natürlich umso mehr für die Staaten, die im Zuge des "Wilsonian moment" in Ostmitteleuropa entstanden; schließlich hatte es sie bis zu diesem Zeitpunkt in moderner Form noch nicht gegeben und ihre Gründung bedeutete zumeist erst den eigentlichen Beginn innergesellschaftlicher Nationsbildung. Sucht man also die Genese des "Wilsonian moment" zu ergründen, dann stellt sich die Frage, wer das Wissen um die nach 1918 gegründeten Nationen bereitstellte.
Damit gerät das politisch-kulturelle Exil aus Ostmitteleuropa in den Blick. Ursprünglich waren es überwiegend Polen gewesen, die in der Folge der gescheiterten Aufstände von 1830 bzw. 1863 Ostmitteleuropa verlassen und ihre politische Tätigkeit im zumeist französischen Exil fortsetzen mussten. Im späten 19. Jahrhundert erfolgte demgegenüber eine weitere Ausdifferenzierung der ostmitteleuropäischen Nationalitätenproblematik: So wurde der Einsatz für die polnische Frage zu einem Modell für Emigranten aus anderen Teilen Ostmitteleuropas, die nun ebenfalls versuchten, durch Nutzung moderner Medien und öffentlichkeitswirksame Aktionen ihre spezifisch nationale Frage auf der mental map westeuropäischer Öffentlichkeiten zu platzieren. Neben dieser Ausdifferenzierung der Nationalitätenproblematik erfolgte auch eine doppelte Erweiterung der Zielöffentlichkeiten ostmitteleuropäischer Exilpolitik: Erstens traten neben europäische Länder nun in zunehmendem Maße auch die Vereinigten Staaten als Zentrum politischer Emigration aus Ostmitteleuropa; die Politisierung der ursprünglich überwiegend ökonomisch motivierten Emigration in die USA ermöglichte es dem dortigen politischen Exil, die materielle Basis der eigenen Arbeit zu verbessern und eine zunehmend wichtigere politische "pressure group" zu organisieren. Zweitens nutzte man auch in verstärktem Maße die Foren einer transnationalen Öffentlichkeit, wie sie sich z.B. in den immer häufiger stattfindenden internationalen Kongressen und in Institutionen wie der II. Internationale oder der pazifistischen Bewegung manifestierte. Auch schuf man selbst eine solche Öffentlichkeit, indem man unterschiedliche Nationalbewegungen vernetzte.
Die Tätigkeit des ostmitteleuropäischen Exils in Westeuropa und den USA in den letzten Jahrzehnten des langen 19. Jahrhunderts bietet somit die Möglichkeit, die Genese des "Wilsonian moment" aus den Wechselwirkungen nationaler und transnationaler Faktoren zu verstehen. Das Projekt verfolgt daher ein doppeltes Erkenntnisziel: Einerseits soll ergründet werden, ob das ostmitteleuropäische Exil zur Veränderung der Kultur internationaler Politik beitrug, indem es ein Bewusstsein für das Vorhandensein der Nationen Ostmitteleuropas schuf und für diese das Recht auf nationale Selbstbestimmung einforderten. Andererseits soll auch die Rückwirkung dieser Prozesse analysiert werden. Hier stellt sich insbesondere die Frage, inwieweit Exilanten dazu gezwungen waren, ihre nationalen Projekte, den Wertvorstellungen und Ideen anzupassen, die in den jeweiligen Zielöffentlichkeiten virulent waren.
Unterprojekt 2: Solidarität mit „Solidarność“: Polens demokratische Opposition in der internationalen Gesellschaft des zweiten Kalten Kriegs
Gegenstand des zweiten Teilprojekts ist der Einsatz polnischer Exilanten für die "Solidarność" in den Jahren 1981-1989. Dabei fokussiert das Projekt insbesondere diejenigen Emigranten, die durch die Ereignisse vom März 1968 sowie infolge der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 in den Westen kamen. Diese jüngere Exilgruppen zeichnete sich besonders dadurch aus, dass sie ihre Tätigkeit ganz explizit in den Dienst der sich im Land herausbildenden Opposition stellten. Neben der Organisation materieller Hilfe versuchten sie insbesondere, die Anliegen der polnischen Opposition über Präsenz in den westlichen Medien, eigene Publikationen und die Organisation von Protestaktionen im Bewusstsein westlicher Gesellschaften gegenwärtig zu halten. Zeitlich konzentriert sich das Vorhaben auf die Jahre 1981-1989, da dies der Zeitraum intensivster internationaler Tätigkeit war. Dabei stellt das Teilprojekt nicht nur einen Beitrag zur zeithistorischen Ostmitteleuropaforschung dar, sondern auch zur internationalen Geschichte des Kalten Kriegs. Nach dem Zusammenbruch der Entspannungspolitik hatte der Ost-West-Konflikt in den Achtzigerjahren wieder stärker den Charakter einer ideologischen und politisch-kulturellen Auseinandersetzung angenommen, in dessen Zentrum die konkurrierenden Legitimitätsansprüche zweier politischer Systeme und Gesellschaftsphilosophien standen. Die Situation dieses grenzübergreifenden ideologischen Konflikts bot nun eine Reihe von Anknüpfungspunkten für die Anliegen des polnischen Exils: So bot die "Solidarität mit der Solidarność" westlichen Regierungen und gesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit, die Versprechen des sowjetischen Modernisierungsprojekts infrage zu stellen. Gerade als ein Akteur, der sich den gängigen Zuordnungsmustern westlicher Politik in rechts und links entzog, war die polnische Opposition jedoch auch für innerwestliche Debatten etwa um die Möglichkeit eines "dritten Wegs" jenseits von Ost und West von Relevanz. Aufgrund ihrer weltweiten Bedeutung stellte die "Solidarność" also auch einen vieldeutigen Signifikanten bereit, der es dem Exil ermöglichte, seinen Anliegen in unterschiedliche Zielöffentlichkeiten Geltung und Legitimität zu verschaffen.
Vor diesem Hintergrund eröffnen sich zwei Fragenkomplexe: Erstens stellt sich ganz allgemein die Frage danach, welche strategischen Grundentscheidungen, politisch-kulturellen Wertvorstellungen oder ideologischen Auseinandersetzungen sich in der westlichen Welt für die polnische Exilpolitik als besonders anschlussfähig erwiesen haben? Wie reagierte man etwa auf die offensive Außenpolitik der USA? Welche Bedeutung hatte demgegenüber die Friedensbewegung? Welche Rolle spielten die Institutionen des KSZE-Prozesses? Zweitens treten transfer- und verflechtungshistorische Fragen auf: Die Ideen und Wertvorstellungen, die westliche Akteure mit dem Signifikanten "Solidarność" verbanden, deckten sich mitunter nicht mit dem Selbstverständnis polnische Oppositioneller; gleichzeitig waren diese Fremdinterpretationen seitens internationaler Akteure womöglich wichtig, um Unterstützung zu erhalten. Wie reagierte man also polnischerseits auf die Art und Weise, in der die "Solidarność" in internationalen Debatten auftauchte? Wurden hier programmatische Zugeständnisse gemacht? Andererseits dürfte das Auftreten dieses Signifikanten den internationalen Handlungs- und Kommunikationsraum des Kalten Kriegs auch verändert haben. Inwieweit löste also das Auftreten einer breiten polnischen Oppositionsbewegung im Westen Diskussionen über das Verhältnis von Menschenrechts- und Friedenspolitik, über die Haltung zum Realsozialismus, über die Versprechen marxistischer Gesellschaftsmodelle, über das Verhältnis von Religion und Politik oder über Totalitarismus- und Demokratietheorie aus?
