
Gewalt und Fremdherrschaft im ‚Zeitalter der Extreme’
Einleitung
Das 20. Jahrhundert war ein „Zeitalter der Extreme“, und seine Auswirkungen betrafen Ost- und Ostmitteleuropa in besonderem Maße. Bereits im Ersten Weltkrieg zeigte sich die qualitativ neue Dimension einer „totalen“ Kriegführung, die durch technischen Fortschritt und neue, radikale Denkweisen ermöglicht wurde. Zunehmend erstarkende totalitäre politische Ideologien begünstigten die bis dahin unvorstellbare Eskalation der Gewalt im Zweiten Weltkrieg. Diese offenbarte sich in den Willkürherrschaften der deutschen und sowjetischen Besatzungsregimes, die sich besonders in Polen durch große Brutalität auszeichneten. Die Bevölkerung in den besetzten Gebieten wurde zum Objekt wirtschaftlicher Ausbeutung, sexueller Übergriffe und politischer Säuberungen. Wie stark die Gewalt eskalierte, zeigte sich vor allem in der Vernichtungspolitik der totalitären Systeme. Dabei blieb der systematische Massenmord der Deutschen an den europäischen Juden ohne Beispiel.
Der Fachbereich IV nimmt das 20. Jahrhundert in den beschriebenen Facetten in den Blick, vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Ostmitteleuropa. Dabei liegt ein zeitlicher Schwerpunkt der Projekte auf der deutschen Besatzung im Ersten und vor allem im Zweiten Weltkrieg, inklusive der Auswirkungen auf die Nachkriegsgesellschaften. Darüber hinaus fragt der Forschungsbereich aber auch nach der kommunistischen Herrschaft und ihren Folgen. In einem methodisch breiten Zugriff, der die Auswertung der Überlieferung aus deutscher und einheimischer Sicht etwa in traditionellem politischen Verwaltungsgut, in Egodokumenten, Justiz- und Firmenakten oder Medien des 20. Jahrhunderts ebenso umfasst wie Experten- und Zeitzeugeninterviews, untersuchen die einzelnen Projekte das Zeitalter der Extreme aus verschiedenen Perspektiven. Sie greifen dafür in komplementärer Weise ebenso auf sozial- und wirtschaftshistorische Ansätze zurück, wie auf Überlegungen der Mentalitäts- und Kulturgeschichte sowie aktuelle methodische Konzepte beispielsweise zu Tätern, Opfern und Geschlechterverhältnissen.
Teilprojekt 1
Okkupation und Ökonomie 1914-1945
Bearbeiter: Stephan Lehnstaedt
Hauptprojekt: Besatzungswirtschaft in Polen im Ersten und Zweiten Weltkrieg
Die Wirtschaft im besetzten Polen des Zweiten Weltkriegs stellt ein weitgehend vernachlässigtes Thema dar. Dies gilt gleichermaßen für den gesamten Ersten Weltkrieg in Osteuropa, der in Wissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung weitgehend ignoriert wird. Das Forschungsprojekt will in beiden Bereichen einen Beitrag leisten und zudem die Ökonomie der Okkupation in den Kontext des Kriegsgeschehens einordnen.
Die geplante Studie wird am Beispiel des besetzten polnischen Gebiets die Wirtschafts- und Ausbeutungspolitik im Ersten und Zweiten Weltkrieg vergleichen. Dabei werden die unterschiedlichen Okkupationsregime etwa im Generalgouvernement oder Warthegau 1939-1945 ebenso in den Blick genommen, wie die das deutsche Generalgouvernement Warschau und das österreichische Militärgouvernement Lublin im Ersten Weltkrieg. Der Vergleich soll die lokalen und übergreifenden Interessen der Besatzer und zugleich politische, ideologische und personelle Brüche bzw. Kontinuitäten aufzeigen. Ein spezielles Augenmerk gilt dabei der Durchsetzung der wirtschaftlichen Ziele, also gewissermaßen dem „Erfolg“ der Maßnahmen der verschiedenen Okkupationsregime. Folgende ineinander übergehende Fragekomplexe werden untersucht:
1. Die Rationalität von Herrschaftssystemen zwischen Repression und Nutzbarmachung aller Ressourcen. Beispielhaft hierfür steht die Frage nach Arbeitskräften, bei der hier weniger die Verschickung von Menschen nach Westen interessiert, als vielmehr die Kompensation dieses Arbeitskraftverlusts vor Ort. Die wichtigste Folge der Deportationen war für die Besatzer vor Ort die Reduzierung der polnischen Güter- und Lebensmittelproduktion, die durch die Indienstnahme von Juden als Arbeitkräfte zumindest teilweise kompensiert werden sollte. Die Interessenlage der Okkupanten zwischen Arbeitsmotivation und Beschäftigung einerseits sowie Zwang, Verschleppung und Judenmord andererseits, harrt in weiten Teilen noch ihrer Erforschung. Sie gibt exemplarisch Hinweise auf die Dichotomie von Ideologie und Wirtschaftslenkung, die angesichts eines rassistischen Fremdbildes bereits im Ersten Weltkrieg zu beobachten war. Polen war trotz des Abzugs von Personal, Geld und Rohstoffen dennoch ein relevanter Produktionsstandort für Deutschland (und Österreich). Auch anhand von Einzelbeispielen soll gezeigt werden, wie polnische Betriebe unter alter oder neuer Leitung Bedarfs- und Rüstungsgüter für die Besatzer produzierten, oder allgemein: Wie die Wirtschaft für die Kriegsbedürfnisse umstrukturiert wurde. Es ist danach zu fragen, ob diese Versuche auf Mikroebene exemplarisch für ein Bestreben stehen, auch gesamtwirtschaftlich einen maximalen Effekt zu erreichen.
2. Der Beitrag Polens für Finanzen und Konsum der Besatzer. Neben Rüstungsgütern und Zwangsarbeitern waren die Besatzer stets an einem direkten materiellen Gewinn aus dem Lande interessiert. Während die Beraubung der Juden während des Holocaust als relativ gut erforscht gelten kann, lässt sich dies für die polnische Bevölkerung oder die Zeit des Ersten Weltkriegs nicht sagen. Abgesehen von der individuellen Ausplünderung wurde unlängst die makroökonomische Finanzierung der deutschen Kriegswirtschaft bzw. des Privatkonsums durch die besetzten Länder im Zweiten Weltkrieg diskutiert. Eine detaillierte und tragfähige Untersuchung dieses Komplexes steht indes noch aus: Der Beitrag Polens für die Finanzen der Besatzer, aber auch in Form von Rohstoffen für die Produktion in der Heimat und von Nahrungsmitteln zur Versorgung der Bevölkerung, ist bislang nur in Grundzügen bekannt. Gemeinsam mit dem Arbeitseinsatz hatte diese Politik die direktesten Auswirkungen auf den Einzelnen. In dieser Hinsicht wird auch der (Stellen-)Wert des Individuums in der totalen Kriegswirtschaft beleuchtet.
3. Kontinuitäten und Brüche von Besatzungspolitik 1914-1945. Die deutschen Besatzungskonzeptionen waren teilweise bereits im Ersten Weltkrieg von großer Brutalität geprägt. Nicht nur die Umsetzung dieser Pläne im Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg zeigt Grundlinien deutscher Polenpolitik, auch die personellen Kontinuitäten sowie die schlichte Fortschreibung und Weiterentwicklung von Ideen deuten darauf hin. Die Dimension dieser Transfers, die in Teilen auch einen Lern- und Radikalisierungsprozess darstellten, ist weitgehend unerforscht. Das gilt insbesondere für die Perzeption des österreichischen Bündnispartners, dessen Politik auch vor dem Hintergrund des k.u.k.-Vielvölkerreichs gesehen werden muss.
Teilprojekt 2
Geschlechterbeziehungen und sexuelle Gewalt während der deutschen Besatzung Polens
Bearbeiterin: Maren Röger
Hauptprojekt: Geschichte und Nachgeschichte sexueller Kontakte während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg: Vergewaltigungen, (Zwangs-)Prostitution, Liebesbeziehungen (?) und deutsch-polnische „Wehrmachtskinder“
In allen besetzten Ländern Europas kam es im Zweiten Weltkrieg zu sexuellen Kontakten der deutschen Soldaten mit der jeweiligen einheimischen Bevölkerung. Auch an der Ostfront waren Vergewaltigungen, Zwangsprostitution in und jenseits der Lager, sowie „sexuelle Kollaboration“ mit dem Ziel zu überleben, Teil der Besatzungsrealitäten, obwohl dies aus ideologisch-rassischen Gründen von deutscher Seite ausdrücklich verboten war.
Diesem geschlechtergeschichtlichen Aspekt der deutschen Besatzungsregimes wurde bis vor wenigen Jahren weder für die west-, noch für die osteuropäischen Länder Aufmerksamkeit gewidmet. Inzwischen liegen erste Studien vor, die empirisch abgesicherte Einblicke in die Erscheinungsformen sexueller Gewalt und sexueller Beziehungen an der Ostfront bieten. Allerdings erlauben die bisherigen Forschungsergebnisse nur begrenzte Einsichten in die Geschlechterbeziehungen in den okkupierten polnischen Gebieten, wo es ebenfalls zu sexuellen Übergriffen durch Wehrmacht und SS-Truppen kam, die sowohl jüdische als auch nicht-jüdische Polinnen betrafen. Weitgehend unbekannt ist auch die „Nachgeschichte“ sexueller Kontakte in den Besatzungsgebieten, wozu öffentliche Diffamierungen ebenso gehörten wie Schwangerschaften. An diesen Forschungslücken setzt das Projekt an. Durch einen empirisch wie methodisch breiten Zugriff, der bislang unberücksichtigtes deutsches und polnisches Archivmaterial ebenso umfasst wie lebensgeschichtliche Interviews, wird eine multiperspektivische Untersuchung dieser Seite der Besatzungsgeschichte geleistet.
Dabei stehen folgende Aspekte im Mittelpunkt: Erstens soll eine umfassende Rekonstruktion sexueller Gewalttaten der deutschen Besatzer geleistet werden. In welchen Orten kam es zu Übergriffen? Was ist über die Täter bekannt? Zweitens wird der Frage nachgegangen, ob jenseits sexueller Gewalt Beziehungen zwischen Deutschen und Polinnen existierten. Dabei dürfte es sich angesichts der schlechten Versorgungslage hauptsächlich um das Phänomen der „Überlebensprostitution“ gehandelt haben. In diesem Zusammenhang interessieren auch Diskursstrukturen und Sanktionsmaßnahmen des polnischen Untergrunds. Drittens wird untersucht, wie in Nachkriegspolen mit den polnischen Frauen umgegangen wurde, die sich aus Zwang oder auch Zuneigung mit Wehrmachtssoldaten oder Angehörigen der Zivilbesatzung eingelassen hatten. Ob es Fälle öffentlicher Diffamierungen wie etwa in Frankreich, den Niederlanden oder der Sowjetunion gab, wo selbst Frauen attackiert wurden, die in deutschen Bordellen zwangsprostituiert wurden, ist für Polen noch unklar. Und schließlich soll, viertens, auch das Schicksal der Kinder, die bei erzwungenen wie freiwilligen Kontakten während der Besatzung gezeugt wurden, rekonstruiert werden. Über die „Wehrmachtskinder“ bzw. deutsch-polnischen „children born of war“ jenseits der Zwangsarbeiterkinder ist noch nichts bekannt.
Unterprojekt: Erzählungen des „Zeitalters der Extreme”: Zweiter Weltkrieg, Holocaust und Vertreibung in den deutschen und polnischen Massenmedien
Das Unterprojekt widmet sich den Erzählungen des „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm) in den deutschen und polnischen Massenmedien. Im 20. Jahrhundert stieg die Bedeutung von Presse, Film, Radio und Fernsehen exponentiell an, so dass es als „Jahrhundert der Massenmedien“ (Axel Schildt) bezeichnet werden kann. Insbesondere für die Vermittlung von Geschichtsbildern spielen die modernen Medien eine große Rolle. Tagespresse und TV-Dokumentationen sind die wesentlichen historischen Informationsquellen für weite Teile der Bevölkerung geworden – von Spielfilmen mit historischen Stoffen ganz zu schweigen, die in letzter Zeit regelmäßig Zuschauerrekorde im Fernsehen brechen. Daher werden Massenmedien sogar von Schulbuchforschern als historische Leitmedien der Gegenwart dargestellt, deren Bedeutung für die Gedenkkultur die von Schulbüchern oder die des Fachdiskurses bei weitem übertrifft.
Im Unterprojekt werden zum einen die bundesrepublikanischen Erinnerungsformen an die Zwangsmigration der Deutschen seit Einsetzen der Fluchtbewegungen im Jahr 1944 bis heute analysiert. So soll der Beitrag von 1.) technisch reproduzierbaren Massenmedien (Presse, Radio, TV, Film, Foto, Literatur, Schallplatte, etc.) und 2.) lokal gebundenen Medien (Ausstellung, Denkmal, Festumzug, Straßennamen, etc.) zur Gedenk- und Streitgeschichte an ‚Flucht und Vertreibung‛ dargestellt und analysiert werden. Ziel des Unterprojekts ist ein Sammelband mit Nachschlagewerkcharakter.
Zum anderen fokussiert das Unterprojekt filmische Erzählungen der traumatischen Ereignisse der Besatzung im Zweiten Weltkrieg und des Holocausts. Insbesondere die nach 1989 in Deutschland und Polen entstandenen diskursprägenden TV-Dokumentationen und Kinospielfilme werden nach ihren Geschichtsbildern befragt. Wie werden Verantwortlichkeiten dargestellt, wer wird als Täter und wer als Opfer? Wie werden die Deutungen narrativ und filmästhetisch umgesetzt? Diese Fragen werden eingebettet in eine Darstellung der relevanten öffentlichen Geschichtsdiskurse. Ziel des Unterprojektes ist in kleineren Aufsatzbeiträgen nicht zuletzt die Vermittlung der ‚public history‛ des Nachbarlandes (Hardtwig/Schug; Bösch/Goschler).
Teilprojekt 3
Zwischen nationaler Tradition, Systemsicherung und „proletarischer Waffenbrüderschaft“: Die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen als innerstaatliche und internationale Akteure in der Endphase der kommunistischen Herrschaft (1980-1989)
Bearbeiter: Dr. Jens Boysen (als Stipendiat der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit)
Gegenstand der Arbeit ist eine vergleichende Betrachtung der Rolle, welche die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen im politischen Gesamtsystem ihres jeweiligen Staates in den 1980er Jahren gespielt haben, als die kommunistische Herrschaft in Polen bereits von mehreren Seiten her – nicht zuletzt auch aus der herrschenden Partei PVAP heraus – unterminiert war und nur durch die unmittelbare Machtübernahme durch ein zivilmilitärisches Regime im Dezember 1981 auf einige Zeit noch halbwegs aufrechterhalten werden konnte. Angesichts der destabilisierenden Wirkung, die diese Entwicklung – wie es von der SED-Führung klar gesehen wurde – langfristig auf das gesamte „sozialistische Lager“ haben musste, und der vollständigen Abhängigkeit der DDR von dessen Existenz führten in den 1980er Jahren zu einer immer konservativeren Politik der SED im Innern und zugleich zu einem zunehmenden außenpolitischen Aktionismus, wobei die DDR-Führung zwischen (mindestens) drei aus ihrer Sicht letztlich unberechenbaren Partnern lavieren musste: dem ‚ideologisch unzuverlässigen’ Polen, der Bundesrepublik als dem offiziell gehassten Klassenfeind und zugleich faktischen ökonomischen Garanten der DDR sowie der Sowjetunion als ihrem politisch-militärischen Garanten, der aber unter Gorbačev die gemeinsame ideologische und geopolitische Basis schrittweise zu verlassen begann.
Die Einstellung bzw. das Verhalten der Armeen, d.h. vor allem der eng an die jeweils herrschende Partei angebundenen Offizierskorps, ist hier besonders interessant, da es in den frühen 1980er Jahren ein letztes Mal zu einem verschärften Wettrüsten kam, das eine gesteigerte innere Militarisierung zur Folge hatte. Auch der Umstand, das in Polen unter General Jaruzelski die Armee während mehrerer Jahre direkt und – trotz des formal weiterbestehenden „realen Sozialismus“ – unter Berufung auf ältere nationale Traditionen innenpolitische Macht ausübte, ist als Besonderheit zu untersuchen. Dagegen konnte bzw. wollte die DDR seit den 1970er Jahren auf eine solche nationale Begründung nicht mehr zurückgreifen und benötigte daher – als einziger KSZE-Staat – die Systemkonfrontation als legitimatorisches Motiv. Trotz aller Unterschiede waren die Offizierskorps des Warschauer Pakts ähnlich sozialisiert und kooperierten jahrzehntelang. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass die Sowjetunion im Rahmen ihrer jeweils aktuellen Sicherheitsinteressen den „Satellitenstaaten“ durchaus Freiräume beließ, wie auch die Tatsache, dass die Armee – im Unterschied zu den diversen paramilitärischen Truppen – in der DDR wie auch in Polen die Oppositionsbewegung letztlich nicht gewaltsam zu ersticken suchte.
Die Arbeit soll daher drei Dimensionen berücksichtigen: die jeweiligen zivil-militärischen Beziehungen im Innern, das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten zueinander bzw. zur Sowjetunion innerhalb des erodierenden Warschauer Pakts sowie die Bedeutung nationaler militärischer Traditionen bzw. anderer normativer Faktoren für die Bestimmung der eigenen gesellschaftlichen Position der Armeen.
Teilprojekt 4
Tatzeuge und Historiker der NS-Vernichtungspolitik in Polen. Eine intellektuelle Biographie Szymon Datners
Bearbeiterin: Dr. Katrin Stoll (als Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft)
Das Projekt befasst sich mit dem Holocaust-Überlebenden Dr. Szymon Datner (1902-1989), der in der Volksrepublik Polen zu den wichtigsten polnisch-jüdischen Historikern für die Geschichte der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs zählte. Datner war zwei Jahre im Białystoker Ghetto eingesperrt und gehörte nach der Flucht aus dem Ghetto unterschiedlichen Partisaneneinheiten an. Als Mitglied verschiedener Institutionen beteiligte er sich sowohl am Wiederaufbau jüdischen Lebens in Polen als auch an der Dokumentation und Erforschung der Verbrechen. Datner war nach der Befreiung Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und des jüdischen Komitees in Białystok, arbeitete für das Jüdische Historische Institut in Warschau und für die „Hauptkommission zur Untersuchung der Hitleristischen Verbrechen in Polen“.
Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf Datners Identität als Zeuge und Historiker der NS-Vernichtungspolitik sowie auf seine Rolle innerhalb der Gruppe der Überlebenden im Nachkriegspolen. Die zentralen Fragestellungen lauten: Welche Auswirkungen hatten die lebensgeschichtlichen Erfahrungen, die Bedingungsfaktoren der wissenschaftlichen Produktion und die Eingebundenheit in Institutionen auf die historiographische Tätigkeit und das wissenschaftliche Selbstverständnis Datners? Inwiefern ist sein Lebenslauf repräsentativ für die Gruppe der Holocaust-Überlebenden? Wie spiegelt sich in seiner Biographie der gesellschaftliche Umgang mit der jüdischen Minderheit? Das Projekt knüpft an das Forschungsparadigma „Opfer als Akteure“ sowie an Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte an. In Polen waren es die Mitarbeiter des Jüdischen Historischen Instituts und seiner Vorläuferorganisation, die eine Holocaustforschung begründeten. Die Tätigkeit Datners im Kontext verschiedener Institutionen und unter Berücksichtigung der Situation der Juden in Polen untersuchend, greift das Projekt ein zentrales Forschungsdesiderat im Bereich der polnisch-jüdischen Beziehungsgeschichte auf.
Teilprojekt 5
Bearbeitung: Piotr Szlanta
„Polen und der Erste Weltkrieg“
1914 brach der damals so genannte „Große Krieg“ aus, zu dessen wesentlichen Schauplätzen auch die polnischen Gebiete gerieten. Im Gegensatz zur breiten Historiographie über die Westfront sind die wechselhaften Ereignisse der ausgedehnten Ostfront und die weitreichenden Folgen der dortigen Kriegshandlungen und Besatzungsregime bis heute in Deutschland und Polen nicht umfassend aufgearbeitet worden. Erstaunlicherweise hat die Geschichtsschreibung hier eine ganze Reihe weißer Flecken aufzuweisen. Bisher fokussiert die Forschung zum Ersten Weltkrieg in Polen hauptsächlich rein politische und militärische Aspekte des Konflikts, der lange Zeit im Schatten des Zweiten Weltkrieges blieb. Erst in den letzten Jahren, im Zusammenhang mit dem vorstehenden 100. Jahrestag des Kriegsausbruches kann man ein wachsendes Interesse der Wissenschaftler und des breiteren Publikums an diesem Krieg beobachten.
Das praktische Ziel dieses Teilprojektes 5 ist mit einer breiten vielversprechenden, internationalen Forschungsinitiative verbunden. Das Deutsche Historische Institut Warschau beteilt sich mit zahlreichen weiteren Partnern an dem Vorhaben, eine internationale englischsprachige Online-Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg „1914-1918 Online” zu erstellen. Das Konzept der Enzyklopädie sieht vor, dass zu jedem Land ein großer Überblicksartikel sowie zahlreiche Spezialartikel nach neuestem Forschungsstand konzipiert und geschrieben werden. Das Teilprojekt wurde im August 2011 begonnen und hat zum Ziel, den großen Übersichtsartikel über Polen im Ersten Weltkrieg abzufassen. Es geht dabei um eine multiperspektivische Sicht auf die polnischen Teilungsgebiete wie auch auf den dann wieder entstandenen polnischen Staat. Auch die zahlreichen Spezialartikel sollen statt der bisher häufig praktizierten regionalen Fokussierung Schwerpunkte auf inhaltlichen Fragestellungen bevorzugen.
In den Haupt – und Nebenbeiträgen sollen unter anderen folgenden Themen berücksichtigt werden: Erwartungen und Idealvorstellungen der polnischen Gesellschaft angesichts eines europäischen Krieges vor 1914; Militärische, propagandistische und finanzielle Vorbereitungen der Polen im Zeitalter der wachsenden internationalen Spannungen in den Jahren 1908-1914; die Haltung der polnischen öffentlichen Meinung gegenüber dem Kriegsausbruch; der Krieg als Modernisierungsfaktor des polnischen Gesellschaft; Zwangsmigrationen; Dynamisierungen in verschiedenen Gesellschaftsklassen und Regionen, Methoden der Selbstmobilisierung und Lobbyismus für die Polnische Sache auf der internationalen Ebene, polnische Erfahrungen von Bruderkrieg und Kriegsgefangenschaft; Besatzung; Beziehungen zwischen Zivilisten und Militär; Internationalisierung der polnischen Sache während des Krieges, Wandlung der Haltung der Polen gegenüber den Teilungsmächten; Kulturelle und religiöse Antworten auf den Krieg, Radikalisierung und Demokratisierung der politischen Szene; Diskussion über die Gestalt des zukünftigen Polens; Stimmungen der Bevölkerungsschichten, die sich am Rande der bewussten nationalen Gemeinschaft befanden; Überlebensstrategien, multidimensionale nationale und soziale Spannungen; Etappen der Wiedergeburt von Polen; paramilitärische Gewalt in der Nachkriegszeit; Gefallenenkult und Gedächtniskultur; das instrumentalisierte Kriegsgedächtnis als politische Waffe 1918-1939 und nach 1945, die Debatte über den polnischen Anteil an der Kriegsschuldfrage; Polnische Kriegsmythen
Teilprojekt 6
Besatzung, Staatlichkeit und politische Bewegungen in Polen und dem Baltikum während des Ersten Weltkrieges (1915 – 1918)
Klaus Richter
In den großen Narrativen läutete der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch der multiethnischen Imperien das Zeitalter der Nationalstaaten in Ostmitteleuropa ein. Die nationalen Historiographien Polens und der baltischen Staaten setzen dabei in der Regel mit dem Zeitraum zwischen den Friedensverträgen von Best-Litowsk und Versailles ein und widmen dem Ersten Weltkrieg selbst, der als Konflikt der Imperien und nicht der Nationen in den imperialen Peripherien verstanden wird, wenig Aufmerksamkeit. Proto-staatliche Formationen in den besetzten Gebieten werden als kaum gedenkwürdige Ergebnisse der Kollaboration mit den Fremdherrschern betrachtet, finden entsprechend wenig Berücksichtigung in der Historiographie und kaum Rückbezüge in der Erinnerungskultur. Dabei muss von der Annahme ausgegangen werden, dass die verhandelten staatlichen Gebilde in den besetzten Gebieten Politikern sowie höheren Verwaltungsbeamten der ostmitteleuropäischen Staaten der Zwischenkriegszeit als Schule dienten. In dem vorgestellten Projekt soll untersucht werden, wie Staatlichkeit und deren Grundlagen verhandelt wurden, wie (begrenzte) Staatlichkeit unter Besatzungsherrschaft funktionierte, und welche Vorstellungen einer Nachkriegsordnungen (ko-)existierten.
Der Untersuchungsraum umfasst die während des Ersten Weltkrieges unter deutscher Besatzung stehenden Regionen Ostmitteleuropas, inbesondere die ehemals russischen Teile Polens und Litauens sowie Kurland (besetzt 1915), und die 1917 besetzten Livland und Estland. Konzepte der Regierung und Militärs des Deutschen Reichs bezüglich der zukünftigen Gestaltung dieser Gebiete reichten von der Schaffung abhängiger Satellitenstaaten zu Annexionsplänen. Für das Regentschaftskönigreich Polen sowie für einen geplanten monarchistischen litauischen Staat (und für Finnland) wurde die Einsetzung deutschstämmiger Könige vorgesehen. Baltendeutsche Kräfte in Lettland und Estland hingegen betrieben offen Pläne zur vollständigen Eingliederung der Gebiete ins Deutsche Reich. In allen Fällen (jedoch in verschiedenem Maße) wurden die Vertreter der Eliten vor Ort in die Planungen mit einbezogen und für Ämter vorgesehen. Bei diesen handelte es sich keineswegs um karrieristische Kollaborateure, die sich den Besatzern andienten, sondern um Personen, die vor dem Krieg führende Rollen in nationalistischen Kreisen inne hatten und/oder nach dem Krieg maßgeblich die Geschicke der neuen Staaten lenkten (z.B. Józef Piłsudski, Augustinas Voldemaras). In Lettland und Estland, wo besonders offen Pläne zur vollständigen Inkorporierung diskutiert wurden, hatten einheimische Politiker hingegen deutlich weniger Handlungsspielraum.
Die forschungsleitende Frage richtet sich hierbei auf die Sag- und Denkbarkeiten im Zuge der Aushandlungen (proto-)staatlicher Gebilde. Wie wurde über das Regentschaftskönigreich Polen gesprochen, wie über geplante Staaten auf dem Gebiet der späteren baltischen Staaten? Wo verlief die Grenzen zwischen Besatzung und Staatlichkeit? Diese Fragestellung beinhaltet eine starke begriffsgeschichtliche Komponente, die Konzepte wie „Autonomie“, „Unabhängigkeit“, „Nation“ und „Selbstbestimmung“ als höchst dynamisch versteht. Weitere Fragen beziehen sich auf den Einfluss regionaler Entwicklungen sowie des Kriegsverlaufs und internationaler Ereignisse auf diese Aushandlungen. Welchen Einfluss hatten revolutionäre und nationalistische politische Bewegungen? Wie wirkte sich die Alternative eines demokratischen Russlands auf die Kooperationsbereitschaft örtlicher Eliten mit den deutschen Besatzern aus? Hiermit verknüpft ist die Frage, welchen Sinn die ostmitteleuropäischen Bevölkerungen und ihre Eliten dem Ersten Weltkrieg gaben. Vor dem Hintergrund der Propagierung des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ durch Lenin und Wilson während des Krieges muss auch die Rolle der Minderheiten – insbesondere der Juden – in den Aushandlungen berücksichtigt werden. Ziel ist es, die Vorstellung vom Ersten Weltkrieg als Bruch, aus dessen Asche das Zeitalter der Nationalstaaten anbrach, zu hinterfragen und Kontinuitäten aufzuzeigen.
Die Ergebnisse des Projektes sollen zudem in die englischsprachige, unter internationaler Beteiligung entstehende digitale Enzyklopädie „1914-1918 online“ einfließen. Im Zusammenhang mit dem hier skizzierten Projekt sollen insbesondere Lemmata zu politischen Bewegungen und Agrarbewegungen in Ostmitteleuropa, zur Entstehung von Staaten sowie zur Historiographie des Ersten Weltkrieges entstehen. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse für einen Überblicksartikel zur Geschichte des Baltikums während des Ersten Weltkrieges berücksichtigt werden.
Projekt 7
Arbeit, politische Propaganda und der Einfluss der russischen Revolution auf Ostmitteleuropa während des Ersten Weltkriegs (1914-1918)
Paweł Brudek
Praca, propaganda polityczna i wpływ rewolucji rosyjskiej na Europę Środkowo-Wschodną w czasie I wojny światowej (1914-1918)
Paweł Brudek
I wojna światowa pozostaje wciąż tematem fascynującym, nieodkrytym. Mimo upłynięcia już prawie stu lat od jej wybuchu konflikt 1914-1918 na wschodzie Europy pozostaje bardzo słabo zbadany, przy czym dorobek historiograficzny poszczególnych krajów regionu dotyczący tej epoki rzadko jest tłumaczony na język angielski. Przed 1914 r. był to obszar peryferyjny trzech dominujących imperiów, niezwykle prosty do pokazania na mapach z jasno wytyczonymi granicami; ukrywających niezwykle skomplikowany świat pomieszanych narodów, kultur i organizacji politycznych. I wojna światowa zburzyła ten porządek, obalając całą jego strukturę opartą na trzech stolicach, trzech punktach ciężkości: Berlinie, Wiedniu i Petersburgu. Wojna w tej części świata zapowiadała zjawisko typowe dla XX-wieku: głęboką rewolucję w każdym możliwym wymiarze – politycznym, społecznym, kulturowym. Nigdy dotąd nie było możliwości stworzenia wielkiej bazy danych, umożliwiającej tak badaczom, jak laikom, poznawanie tej historii, tak już odległej, a zarazem tak bliskiej, z perspektywy krajów środkowoeuropejskich, i to bez wychodzenia z domu. Międzynarodowy projekt anglojęzycznej encyklopedii internetowej „1914 – 1918 online” powstający we współpracy z Niemieckim Instytutem Historycznym w Warszawie ma to umożliwić, będąc próbą połączenia zachodniej i wschodniej narracji o Wielkiej Wojnie. Prowadzone w ramach tego przedsięwzięcia naukowego badania koncentrują się na ukazaniu zmian społecznych spowodowanych przez wojnę na terytorium środkowo-europejskim, a więc Polski, Litwy, Łotwy, Estonii i Finlandii, w okresie 1914 – 1918, lub też czasie wybiegającym poza tą cezurę. Szczegółowe artykuły monograficzne encyklopedii które opracowuję dotyczą m.in. takich tematów jak wpływ rewolucji rosyjskiej w regionie oraz radykalizacja świata pracy, walki strajkowe od generalnego strajku w Rewlu/Tallinnie w 1915 r. aż do strajków na Górnym Śląsku poprzedzających wybuch II powstania śląskiego w 1920 r. Głównym celem jest ukazanie zmian politycznych jako siły pociągającej za sobą gwałtowne przeobrażenia społeczeństw; pokazanie zmian w formach uczestnictwa mas w życiu politycznym, momentu narodzin potężnej ideologii bolszewickiej i odpowiedzi na nią w postaci jej bezkrytycznego przyjęcia, albo zaciekłej obrony przed nią. Zmiany następowały zbyt szybko; efektem był tragizm walk wewnętrznych, już nie tylko politycznych, lecz przeradzających się w krwawą wojnę domową, która najostrzejszy, porównywalny z rosyjskim wymiar osiągnęła w Finlandii w 1918 r. Świat stał się znacznie bardziej skomplikowany; konflikty klasowe, walki klasy robotniczej o swoje prawa sprzęgały się z konfliktem etnicznym, gdy w wyniku takiego a nie innego rozwoju stosunków społecznych klasę posiadającą od klasy pracującej dzieliła także narodowość, jak to miało miejsce na Górnym Śląsku. I wojna światowa posługiwała się na masową skalę propagandą; jej narzędziem była wciąż dominująca prasa. Odrębny artykuł będzie więc poświęcony dziennikarstwu wojennemu i sytuacji narodowej prasy tego regionu, w realiach dominującej propagandy i cenzury, oraz rosnących problemów zaopatrzeniowych. Wojna fabrykowała mity, kształtujące społeczną świadomość, najpierw tą aktualną, później już historyczną, na przestrzeni całego XX wieku; przedmiotem badań będą więc polskie mity wojenne, te koncentrujące się wokół postaci Józefa Piłsudskiego i legionów, które stworzyły jednostronny obraz walki o niepodległość w świadomości Polaków. Skomplikowany proces budowy niepodległego państwa polskiego w latach 1914 – 1918 został więc uproszczony i zapamiętany w sposób często odległy od rzeczywistości, z pominięciem wielu istotnych aktorów wydarzeń. Z tym tematem w naturalny sposób łączy się inny, dotykający kwestii propagandy wojennej w całym regionie środkowo-europejskim, tłumaczenia celów wojny mieszkańcom tych krajów przez rosyjski, austro-węgierski i niemiecki aparat propagandowy. Po upadku imperiów młodym państwom pozostał ważny obowiązek: wytłumaczenia swoim społeczeństwom, czym była I wojna światowa. Nie inaczej było w Polsce; kwestia debaty o I wojnie światowej, budowania jej kultury pamięci i obchodzenia związanych z nią rocznic również mieści się w zakresie moich tematów badawczych w ramach encyklopedii „1914 – 1918 online”.
