
Piastische Herrschaft im europäischen Kontext
Einleitung
Ausgehend von einem methodischen Ansatz, der sich gleichermaßen für die anthropologischen, kultur- und diskursgeschichtlichen wie die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen mittelalterlicher Herrschaft interessiert, stellt der Forschungsbereich die dynastische Herrschaft der Piasten ins Zentrum seines Erkenntnisinteresses. Wie wurde diese Herrschaft begründet, durchgesetzt und auf Dauer gestellt? Welche Mechanismen, Instrumente und Verfahren der Herrschaftsausübung, der Verständigung zwischen Fürsten und Gefolgsleuten bzw. Amtsträgern kamen zur Anwendung? Wie erfolgten die Interessenausgleiche und Konsensbildungen zwischen dem Herrscher und den Großen? Und wie wurde die Kommunikation und Interaktion zwischen Herrscher und politischen Eliten bzw. zwischen dem Herrschaftsapparat und der Gesellschaft bzw. den Untertanen gestaltet? Wie wurden in diesem Beziehungsgeflecht die wirtschaftlichen und militärischen Grundlagen königlicher bzw. herzoglicher Macht und Herrschaftsausübung begründet, aufrechterhalten und ausgeweitet?
Die einzelnen Projekte des Forschungsbereiches gehen diesen Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven nach. Sie untersuchen nicht nur die Organisationsformen und Repräsentations-weisen von Macht und Herrschaft, sondern fragen auch nach deren Wirkungen und Effekten. Sie interessieren sich für deren Rezeption und Wahrnehmung ebenso wie für die Reaktionen, auf die diese Herrschaft innerhalb wie außerhalb des mittelalterlichen Polen stieß. Obwohl schwerpunktmäßig auf das piastische Polen fokussiert, gehen alle Projekte von einer vergleichenden Perspektive aus, die das mittelalterliche Polen auch in seinen europäischen Voraussetzungen und Bezügen untersucht, nach potentiellen Vorbildern, Parallelen und Beeinflussungen der für die Länder der Piasten betrachteten Organisationsformen, Repräsentations- und Wirkungsweisen von Macht und Herrschaft fragt und zu diesem Zweck den Blick nicht nur in Richtung Reich und westliches Europa, sondern auch auf die benachbarten ost(mittel)europäischen Herrschaftsbildungen lenkt.
Teilprojekt 1
Divisio regni. Modelle der Aufteilung der weltlichen Macht im Piasten-, Přemysliden-und Árpadenreich im 11. und frühen 12. Jahrhundert
Bearbeiter: PD Dr. Daniel Bagi
Der Fachausdruck divisio regni ist einerseits ein unentbehrlicher Terminus der mittelalterlichen politischen Sprache, der tief in der biblischen Kultur des europäischen Okzidents verwurzelt ist. Andererseits handelt es sich um einen seit der Zeit der Merowinger und Karolinger ständig präsenten Bestandteil der dynastischen Hauskämpfe und ein Instrument der politischen Praxis, mit dessen Hilfe Machtfragen geregelt werden konnten (Kasten). Das Phänomen begegnet im gesamten europäischen Abendland, aber auch in den in seinem Bannkreis bis zum Ende des 10. Jahrhunderts entstandenen ostmitteleuropäischen Machtgebilden. Betroffen ist durch divisio regni allerdings auch der europäische Osten, wenn auch viel später, d.h. seit dem Aufstieg der Moskauer Rus’ und der Verwurzelung der Theorie vom Dritten Rom, mit der das Verbot der Zerstückelung der russischen Länder für die Herrscher – übrigens auch aus theologischen Gründen – zu einem Imperativ wurde. Eine Grundlage der Problematik der Divisio regni ergibt sich aus den frühchristlichen christologischen Disputen, wie sie in den während des 4. bis 8. Jahrhunderts entstandenen ersten Bibelexegesen, aber auch in anderen theologischen Diskursen über die Einheit bzw. Trennbarkeit begegnen. Auch der Streit um die Heilige Dreifaltigkeit sowie die Erörterungen des Hl. Augustin über die Civitas Dei bieten einen wichtigen Ausgangspunkt. Divisio regni verweist in diesem Kontext auf das Verbot, das einheitliche Regnum Dei zu teilen. Sie beruht in diesem Sinn auf einem, allerdings schon von der patristischen Literatur kontrovers interpretierten Bibelzitat aus dem Lukas-Evangelium (omne regnum in se ipsum divisum desolabitur).
Im politischen Sinne tritt die Problematik der Divisio regni zunächst nach dem Machtantritt der Merowinger zum Vorschein, indem die Dynastie in der eigenen Machtpraxis den Reichs- und Machtaufteilungen folgte. Weder die von den merowingischen noch von den karolingischen Herrschern verfolgten Primogeniturmodelle haben an dieser Praxis etwas ändern können. Erst seit der Mitte des 10. Jahrhunderts setzte sich ein neu interpretiertes Reichsteilungsverbot durch, das zu einem der wichtigsten Grundprinzipien des Ottonenreiches wurde. Auch im östlichen Mitteleuropa, wo die Piasten, Árpaden und Přemysliden im Laufe des 10. Jahrhunderts jeweils großräumige Machtgebilde konzentrierten konnten, wurde dynastische Herrschaft grundsätzlich nach karolingisch-ottonischem Vorbild organisiert (in Böhmen neu organisiert). Das hat automatisch die Einführung und Adaptation der wichtigsten politisch-theologischen Grundsätze der christlichen Herrschaftsordnung nach sich gezogen. Gleichzeitig lebten die alten, aus dem Gentilismus (Wenskus, Szűcs) übernommenen, autochthonen Traditionen fort und bestimmten das Handeln der Mitglieder dieser Dynastien vom politischen Denken bis ins Alltagsleben. Konkret spiegelt sich diese Problematik im Dilemma wieder, ob die Macht innerhalb der Familie nach den alten Gewohnheiten territorial, instrumental und altersabhängig geteilt werden kann, oder eine Teilung nach den Regeln der christlichen Monarchien verboten werden muss. Dieses Dilemma lag als Schatten auf der ersten Epoche der Geschichte der Piasten, Árpaden und Přemysliden und führte im Laufe des 11. Jahrhunderts zum Auftauchen verschiedener Modelle der Machtaufteilung. Da den Dynastiemitgliedern im 11. Jahrhunderts keine früher erlernten diesbezüglichen Praktiken zur Verfügung standen, kam es zwangsmäßig zu Konflikten bzw. Hauskämpfen, deren Ausgänge verschieden waren.
Das Teilprojekt beabsichtigt, die verschiedenen Modelle und Lösungsarten der Machtverteilung zu ordnen und am Beispiel der drei ostmitteleuropäischen Dynastien vergleichend zu untersuchen. Der Untersuchungszeitraum wird dabei einerseits vom Zeitpunkt der Herrschaftsbildungen bzw. „Staatsgründungen“ durch die fraglichen Dynastien (zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts bzw. um die Jahrtausendwende), andererseits durch den Zeitpunkt bestimmt, zu dem um die Mitte des 12. Jahrhunderts die parallele Art und Weise der Herrschaftsausübung der drei Dynastien endete.
Teilprojekt 2
Hauptprojekt: Herrschaftsverständnis im Reich, England und Polen im Spiegel der Historiographie des 12./13. Jahrhunderts
Bearbeiter: Grischa Vercamer
Herrschaft im 12. Jahrhundert – was bedeutete das konkret? Es ist hierfür zunächst zu unterscheiden zwischen theoretischen Ansätzen bzw. moralisch oder theologisch-kirchlich motivierten Wunschvorstellungen (politischer Augustinismus, Cicero-Rezeption, auch Zeitgenossen wie Johannes von Salisbury, Abaelard oder Bernhard von Clairvaux, sowie die Aristotelesrezeption) und der Realität. Diese letztgenannte, pragmatische Ausprägung der Herrschaft passte sich in den verschiedenen europäischen Ländern des 12. und 13. Jahrhunderts den unterschiedlichen natürlichen und anthropologischen Bedingungen an. Traditionell suchte die Geschichtswissenschaft diese konkrete Ausformung von Macht über Gesetzestexte, Urkunden, Heiratsverhalten, Itinerarien etc. zu fassen. Erst die jüngere Forschung hat erkannt, dass die ältere Rechtsgeschichte zwar eine durchaus gewollte Norm mittelalterlicher Herrschaft darstellen kann, die sich aber in vielen Fällen nicht mit der Realität decken lässt. Verstärkt wird daher nach anderen Quellen gesucht, die uns ein annäherndes und alternatives Bild der realen Umstände zeichnen lassen. In der deutschen Forschung sind in der jüngeren Zeit besonders zwei Forschungsstränge hervorgetreten, an die sich das Projekt anlehnen will: Einerseits handelt es sich um die Vorstellungswelten mittelalterlicher Chronisten (Hans-Werner Goetz) und andererseits um die mittelalterliche Ritualforschung (besonders Gerd Althoff).
Während die erstgenannte Richtung davon ausgeht, dass wir über die Chroniken einen wichtigen Zugriff auf die (politische) Vorstellung des jeweiligen Chronisten von seiner Zeit haben, so ergänzt die zweite Richtung, indem sie betont, dass bislang von der Forschung oftmals missachtete Beschreibungen von Zeichen, Ritualen und Kommunikationsformen in den Chroniken einen zentralen Stellenwert im mittelalterlichen Wertesystem hatten. Beiden liegt letztlich zugrunde, dass der Chronist nicht notwendigerweise die realen Ereignisse wiedergibt – hier stehen Intention des Autors, Gedächtnisverformungsprozesse usw. im Wege – , sondern seine Auslegung dieser Ereignisse. Wir haben es also mit einer Interpretation zu tun, die aber der Vorstellung eines Zeitgenossen entspringt. Daher bietet es sich an, auf die Herrschaft in einer abstrakten Weise anhand von konkreten Beispielen in den Chroniken zu blicken. Es wäre vor diesem Hintergrund zumindest unwichtiger, ob der jeweilige Herrscher/Protagonist in der Chronik tatsächlich exakt so gehandelt hat, vielmehr wird eine Vorstellung von ‚Herrschaft’ und ‚Ordnung’ transportiert und teilweise wertend kommentiert, wie sie eben im Kopf eines gebildeten Menschen des 12. Jahrhunderts existiert hat.
Gerade das 12. Jahrhundert, auf welches sich das Projekt zeitlich konzentrieren will, bietet sich für dieses Unterfangen besonders an, da bedeutende europäische Wandlungsprozesse in diese Zeit fallen (das Ende des Investiturstreits mit allen Konsequenzen für den Anspruch auf Universalmacht, die geistlichen Ordensgründungen, die so genannte ‚Renaissance des 12. Jahrhunderts’ – also Universitätsentstehungen und Mobilität einer größeren Zahl von Scholaren und Studenten –, die mittelalterliche Ostsiedlung, die Kreuzzüge und die damit verbundene Entwicklung eines europäischen Rittertums, Entstehung der volkssprachigen Literatur), die selbstverständlich ihrerseits Wirkung auf die Herrschaftsentwicklung in den verschiedenen Ländern zeigten. Auch tritt das als Landeschronistik bezeichnete Schriftgut im 12. Jahrhundert in allen diesen Ländern (außer im Reich) an zentrale Stelle oder die Chronistik setzt überhaupt erst ein (im Fall von Dänemark, Polen und Böhmen). Wir treffen in den drei zugrunde liegenden Herrschaftsgebieten auf zum Teil sehr gegensätzliche Grade der vorstaatlichen Strukturen – England mit seinem bereits gut strukturierten normannischen Verwaltungsapparat, Polen mit dem Senioratsprinzip und der Einführung moderner Strukturen (Verdichtung der fürstlichen Herrschaft, Ansiedlung von westlichen Siedlern) und das Reich mit seinem Versuch allumfassende Herrscherrechte besonders in Italien aufrecht zu erhalten, sowie mit den Problemen die das Wahlkönigtum auslöste. All diese Faktoren nötigten die Herrscher zu unterschiedlichen Maßnahmen und sie hatten unterschiedlichen Einfluss auf ihre Machtausübung sowie deren Wahrnehmung durch die Zeitgenossen.
Somit ist das in den Chroniken geäußerte ‚Herrschaftsverständnis’ gleichzeitig Ausdruck der Idee eines sozialen Ordnungssystems nach dem eine Gesellschaft funktionierte. Es soll also keineswegs um eine reine Aufzählung herrschaftlicher Handlungen in den drei Ländern gehen, sondern es steht vielmehr im Vordergrund, die Vorstellung der Chronisten von Herrschaft und somit gesellschaftlicher Ordnung zu fassen. Der Zugriff hierfür erfolgt über sechs ausgewählte Chroniken der Zeit (je zwei pro Land; in die nähere Auswahl kommen im Fall Englands: Roger of Hoveden, William of Malmesbury, William of Newburgh; im Fall des Reiches: Erlung von Würzburg, Otto von Freising/Rahewin, Gottfried von Viterbo, Otto von St. Blasien; im Fall Polens: Gallus Anonymus und Vincentius Kadłubek), die in extenso durchgearbeitet und analysiert werden müssen. Heuristisch scheint es dabei angemessen, alle Beispiele zu sammeln und zu kategorisieren, in denen in den zugrunde gelegten Chroniken herrschaftliche Handlungen beschrieben werden. Es bietet sich dabei an, nach Kategorien zu arbeiten und die gefundenen Beispiele diesen zuzuordnen (z.B. Herrscher als Richter, Herrscher als Krieger/Heerführer, Herrscher gegenüber anderen Herrschern, Herrscher gegenüber seinen geistlichen und weltlichen Würdeträgern usw.), um ein hohes Maß an Vergleichbarkeit zwischen den Chronisten, aber auch Ländern zu gewähren. Die herrschaftliche Tätigkeit in der vollen Breite, wie sie in den Chroniken dargestellt wird, dient dabei als Matrize, über die sich die gesellschaftliche Ordnung abzeichnet, deren oberste Instanz die Herrschaft ist. Um dem Verständnis des jeweiligen Autoren näher zu kommen, muss dessen Werdegang und Horizont (War er gereist? Hatte er im Ausland studiert? Kam er gar aus dem Ausland? War er eher klösterlich oder weltlich geprägt? Wo hat er gearbeitet?) genau betrachtet werden. Auch die Strukturen und Wandlungsprozesse im Laufe des 12. Jahrhunderts in den drei Ländern müssen hierbei sehr genau abgewogen werden. Die Umstände des Schreibprozesses müssen also geklärt werden, um der Vorstellung der Autoren näher zu kommen.
Aufgrund der kategorisierten Beispiele kann eine Interpretation der Herrschafts- und Gesellschaftsvorstellung der Chronisten vorgenommen und anschließend verglichen werden. Zu erwarten ist, dass die Vorstellungen der Chronisten dieser drei unterschiedlichen Länder eben auch unterschiedlich – aufgrund der kulturellen Einflüsse – ausfallen. Es geht also nicht unbedingt um das Finden von Gemeinsamkeiten, wie es ein Vergleich etwa der ostmitteleuropäischen Länder (Polen, Böhmen, Ungarn), die alle eine relativ zeitgleiche Entwicklung durchmachten, mit sich bringen würde, sondern um das Herausfiltern der Unterschiede in der Wahrnehmung von Herrschaft und der sozialen Ordnung aufgrund von unterschiedlichen Strukturen in den Ländern. Es geht also nicht darum das Bild eines Herrschers zu präsentieren, obgleich die oben genannten Kategorien danach klingen, sondern es geht um die Vorstellung der herrschaftlichen Tätigkeit im Ganzen im Rahmen der historiographischen Werke. Dabei muss besonders ins Gewicht fallen, auf welche narrative Weise der Chronist herrschaftliche Tätigkeit vorstellt. Was hebt er hervor, was lässt er weg? Warum legt er seine Erzählung so und nicht anders an? Fragen, die erst durch den intensiven Vergleich geklärt werden können.
Insgesamt erscheint dabei die vergleichende, länderübergreifende Analyse sinnvoll, da sie uns vor einem monokausalen Erklärungsmodell von ‚Herrschaft’ und ‚sozialer Ordnung’ bewahrt. Es gab keine allumfassende Rechtsauffassung von Macht in Europa, sondern diese wurde oft ad hoc (je nach Anlass ausgeübt). Indem drei kerneuropäische Länder dem Projekt zugrunde gelegt werden, soll außerdem dazu beigetragen werden, anachronistische Sichtweisen der Geschichtswissenschaft vornehmlich des 19./20. Jahrhunderts auf ein west- und osteuropäisches Europa weiter aufzulösen.
Unterprojekt 1: Freie (liberi) und Niederadelige als herrschaftliches Instrument gegenüber dem Hochadel.
Seit Jahrzehnten ist dem Historiker das Phänomen Stadt – Adel – Herrscher bekannt, wobei der Herrscher meist an einer Machtbalance zwischen Städten und landsässigem Adel interessiert war, um so seine eigene Herrschaft zu sichern. Auch das Phänomen der Ministerialität (der unfreien Dienstmannen) als ausgleichendes Element zwischen Adel und Herrscher war in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen (Karl Bosl, Jan Ulrich Keupp). Jedoch ist dem Niederadel (im Unterschied zum Ministerialen also ein Freier) für das Hoch- und Spätmittelalter als einem bewussten Herrschaftsinstrument erst in den letzten Jahren vermehrt der Raum eingeräumt worden, den er verdient (Werner Hechberger). Meist handelt es sich bei dieser Schicht um eine freie Kriegerschicht, die aufgrund ihrer kleinen Güter kaum ein besseres Leben als die unfreie bäuerliche Schicht führte. Das Streben nach politischer Beteiligung oder Teilhabe an der Macht war hier lange nicht so ausgeprägt wie beim Hochadel. In den letzten Jahren wurde herausgefunden, dass die Fluktuation zwischen den bäuerlich-unfreien Schichten und der niederadeligen Schicht größer war als bisher angenommen (Joachim Schneider). Der Hochadel ab ca. 1200 mochte sich zwar durch Heirats- und Standesverhalten nach unten hin abgrenzen (Tobias Weller), aber dem Niederadel gelang das nicht im gleichen Maße. Zahlenmäßig bildete der Niederadel fast in allen mittelalterlichen regna unter den Höhergestellten einer Gesellschaft – neben dem spätmittelalterlichen Bürgertum – eine mächtige Gruppe, die der Herrscher nicht ohne weiteres übergehen konnte. Im hoch- und spätmittelalterlichen Lehensystem war kein Platz für unmittelbaren Kontakt zwischen König/Kaiser und den Niederadeligen, weil Letztgenannte meist im direkten Vasallenverhältnis zu dem jeweiligen Territorialfürsten standen. Da sich das Lehensystem in vielen herrschaftlichen Gebilden aber erst spät, teils unvollständig, oder sogar gar nicht durchsetzte, konnte der Herrscher durch unmittelbare Begünstigungen (Vergabe von Privilegien oder Güter) diese Schicht für sich und als Gegenbalance zum Hochadel/ zu den Mächtigen einnehmen. Besonders im Reich haben die älteren Verfassungshistoriker (Otto Brunner, Theodor Mayer) sich zu sehr von dem Idealbild beispielsweise des Sachsenspiegels von Eike von Repgow (ca. 1226) leiten lassen, das aber nicht der vielfältigen Realität im Reich entsprach.
Ausgehend von dem Beispiel der Freien (liberi) in Preußen unter dem Deutschen Orden (13.-15. Jahrhundert) im Vergleich zu den kleineren Rittergeschlechtern in Polen und auch des Reichs, soll hier ein europäisches Phänomen untersucht werden.
Teilprojekt 3
Zur Organisation und Wirkungsweise mittelalterlicher Herrschaft in Polen
Bearbeiter: Eduard Mühle
Unterprojekt 1: Piotr Włostowic. Lebenswelt und Wirkungskreis eines piastischen Amtsträgers in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts
Piotr Włostowic, seit 1118 Palatin am Hof Herzog Bolesławs III., zählt zu den wenigen namentlich bekannten, zugleich herausragenden piastischen Amtsträgern des hohen Mittelalters. Vermutlich zu Beginn des 12. Jahrhunderts geboren führte er ein äußerst bewegtes Leben, in dessen Verlauf er allein zweimal alle seine Ämter verlor, vertrieben und geblendet wurde, um am Ende dennoch wieder als Palatin des Herzogs zu begegnen. Kein Wunder, dass die „Pyotrkonis gesta“ schon bald nach dem auf die Jahre 1151/53 datierten Tod des Breslauer Adligen reichen Stoff für Legendenbildungen geboten haben. Leben und Taten des Petrus Vlostides oder Peter Wlast haben denn auch einen vergleichsweise ausführlichen Niederschlag in einer – textgeschichtlich freilich äußerst komplexen, in der Forschung daher kontrovers diskutierten – mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Überlieferung gefunden. Seit dem 19. Jahrhundert haben sie dann auch regelmäßig die Geschichtswissenschaft bewegt. Auf die vielfältigen Fragen, die die Gestalt des comes Wratislaviensis aufgeben – etwa jene nach seiner Herkunft (entstammte er einem fremden, skandinavischen oder rus’ischen Fürstengeschlecht oder einer schlesischen Stammesdynastie?), nach den Grundlagen und Folgen seiner politisch-familiären Verbindungen (über seine Ehe mit der Tochter des Fürsten von Černigov Oleg Svjatoslavić war er verwandtschaftlich sowohl mit den Rjurikiden, mit den byzantinischen Komnenen als auch den Piasten verbunden) oder jene nach seiner Rolle als einer der reichsten Breslauer Grundherrn und großzügiger Kirchenstifter – sind sehr unterschiedliche Antworten gegeben worden. Es liegt auf der Hand, dass die divergierenden Deutungen dabei in hohem Maße von den gegenwarts- und geschichtspolitischen Interessen ihrer Zeit geprägt worden sind. Die positivistische Schule des späten 19. Jahrhunderts, die deutsche Ostforschung der 1930-40er Jahre oder die marxistisch-volkspolnische Geschichtsschreibung der 1940-60er Jahre haben jeweils ganz verschiedene, stets dem Interessenhorizont ihrer Zeit verhaftete Bilder vom Leben und Wirken des Breslauer Amtsträgers entworfen.
Ziel des Teilprojektes ist eine erneute Auseinandersetzung mit der Gestalt des Piotr Włostowic, mit den zeitgenössischen Rahmenbedingungen, Hintergründen und Voraussetzungen seines historischen Wirkens. Dabei soll nicht nur den Erscheinungsformen, Mechanismen und Durchsetzungsweisen hochmittelalterlicher Herrschaft nachgegangen, sondern zugleich der Versuch unternommen werden, auch die wirtschaftliche und die geistlich-kulturelle Lebenswelt eines führenden piastischen Amtsträgers zu beschreiben. Auf diese Weise soll die geplante Studie zugleich ein kultur-, sozial- und mentalitätsgeschichtliches ‚Gesamtbild’ des piastischen Polen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zeichnen. Die um das Thema in der bisherigen Geschichtsschreibung geführten Kontroversen bieten zudem eine hervorragende Möglichkeit, auf einer historiographiegeschichtlichen Metaebene darüber hinaus auch exemplarisch den Konstruktionscharakter und die Gegenwartsgebundenheit geschichtswissenschaftlicher Mittelalterbilder zu reflektieren.
Unterprojekt 2: Die Chronik der Polen des Magister Vincentius
Die Chronistik des früh- und hochmittelalterlichen Polen umfasst nicht mehr als fünf Texte, von denen lediglich zwei – die Chronik des Gallus Anonymus und jene des Magisters Vincentius (genannt Kadłubek) – ins beginnende 12. bzw. ins ausgehende 12., beginnende 13. Jahrhundert zurückgehen. Die übrigen Werke – die Großpolnische Chronik, die Schlesisch-polnische Chronik und die Chronik des Dzierzwa – sind erst um die Wende des 13. zum 14. Jahrhundert entstanden und schöpfen in hohem Maße aus den beiden älteren Werken. Den Cronicae et gesta ducum sive principum des Gallus Anonymus und der Chronica Polonorum des Vincentius kommt daher herausragende Bedeutung zu. Sie bilden – auch angesichts einer bis um 1200 ausgesprochen schwachen polnischen Urkundentradition – die zentralen Schriftquellen piastischer (Herrschafts)Geschichte.
Von der polnischen Forschung werden beide Texte seit langem intensiv untersucht. Dessen ungeachtet sind sie außerhalb der polnischen Historiographie noch immer viel zu wenig als Geschichtsquellen (bzw. als literarische Texte) von gesamteuropäischem Rang und allgemein-mediävistischer Bedeutung präsent. Allenfalls ansatzweise wird außerhalb der polnischen Mediävistik gelegentlich Bezug auf die Chronik des Gallus genommen, die außer in polnischer (mehrfach), russischer (1961), ungarischer (2007) und tschechischer (2009) Übersetzung seit längerem (1978) auch in einer deutschen, seit kurzem auch in einer englischen Übersetzung und Kommentierung (2003) vorliegt. Die Chronik des Magister Vincentius ist dagegen außerhalb Polens beinahe unbekannt; sie wird allenfalls in allgemeinen literatur- und gattungsgeschichtlichen Werken mit aufgeführt und in einigen wenigen historiographiegeschichtlichen Spezialuntersuchungen berücksichtigt, kaum aber als Zeugnis europäischer Geschichte des 12. Jahrhunderts breiter wahrgenommen. Die Gründe dafür dürften zum einen in der äußerst komplexen und schwierigen, sehr blumigen und metaphorischen Sprache (ornatus difficilis) des Vincentius, zum anderen sicher auch darin liegen, dass der Text außer im lateinischen Original vollständig bislang nur in einer polnischen, auszugsweise in einer russischen Übersetzung vorliegt. Es erscheint daher außerordentlich wünschenswert, ihn der nichtpolnischen Forschung und Lehre in Gestalt einer parallelen lateinisch-deutschen, für den mit dem polnischen Mittelalter nicht vertrauten deutschsprachigen Leser entsprechend eingeleiteten und erläuterten Ausgabe zugänglich zu machen.
Da der Autor der ältesten polnischen Chronik ein landfremder Anonymus aus dem romanischen Sprachgebiet war, ist die Chronik des Vincentius das älteste von einem Polen verfasste Geschichtswerk. Es ist von einem hohen literarischen und sprachlich-stilistischen Anspruch geprägt und bewegt sich ganz auf der Höhe der zeitgenössischen europäischen Geisteskultur. Tatsächlich können die Cronica de gestis (illustrium) principum ac regum Polonie (so ein möglicher, von Oswald Balzer rekonstruierter Titel des im Original nicht erhaltenen Textes) als ein herausragendes Produkt der „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ betrachtet werden. In vier Büchern wird die Geschichte Polens von ihren sagenhaften, in der Antike angesiedelten Anfängen bis zum Jahr 1202 geschildert. Anders als der Anonymus, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts noch eine reine Dynastie- bzw. Herrschergeschichte schrieb, preist Vincentius nicht nur die Taten der sagenhaften und realen polnischen Könige und Herzöge, sondern rückt darüber hinaus auch bereits die politische Nation der Poloni ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit; er verleiht damit dem im Verlauf des 12. Jahrhunderts aufgekommenen Emanzipationswillen der weltlichen und geistlichen Großen Ausdruck.
Die ersten drei Bücher des Werkes sind in der ungewöhnlichen Form eines Dialoges zwischen zwei realen Gestalten des polnischen Kirchenlebens des 12. Jahrhunderts, dem Gnesener Erzbischof Johannes (gest. 1167) und dem Krakauer Bischof Matthäus (gest. 1166), gestaltet, wobei Matthäus die einzelnen Episoden der polnischen Geschichte erzählt und Johannes die Rolle des Kommentators übernimmt und einerseits Parallelen aus der Antike, andererseits moralische und rechtliche gelehrte Überlegungen einstreut. Erst das vierte Buch nimmt die Form einer fortlaufenden Erzählung des Chronisten an, wenngleich auch hier weiterhin Passagen wörtlicher Rede der Protagonisten begegnen. In der heute bekannten Form bricht der Text des vierten Buches etwas unvermittelt ab, so dass vermutet wird, dass das Werk entweder unvollendet geblieben oder der Schluss verloren gegangen ist.
In seinem gelehrten Text erweist sich der Chronist als ein hoch gebildeter Geistlicher, der seine erstaunliche Kenntnis antiker Schriftsteller, des kanonischen und römischen Rechtes sowie der zeitgenössisch umlaufenden mittelalterlichen Literatur nur während eines Studiums in Norditalien (Bologna) und/oder Frankreich (Paris) erworben haben kann. Im Jahr 1189 wird er in einer Urkunde des Krakauer Herzogs Kasimirs, der ihn vermutlich zur Abfassung des Werkes inspiriert oder aufgefordert hat, als magister bezeichnet. Das Auslandsstudium, spätere Schenkungen eigener Erbdörfer an die Zisterzienserklöster Sulejów und Koprzywnica, insbesondere aber sein Krakauer Bischofsamt (1208-1218) weisen Vincentius als Sohn einer der führenden polnischen Adelsfamilien seiner Zeit aus. Seine Erhebung zum Bischof erfolgte im Rahmen der ersten kanonischen Bischofswahl, die im piastischen Polen 1207 als ein erstes Teilergebnis der Kirchenreformbewegung durchgesetzt werden konnte. Im Jahr 1218 trat Vincentius freiwillig vom Bischofsamt zurück, um sich in das Zisterzienserkloster Jędrzejów zurückzuziehen, wo er 1223 starb.
Seine Chronik, an der Vincentius nach heutiger Ansicht der Forschung wohl nur bis 1207 gearbeitet hat, verdrängte im Krakauer Umfeld rasch den älteren Text des Gallus Anonymus und war seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert in ganz Polen verbreitet; insbesondere im 15. Jahrhundert erfreute sich der Text (als didaktisch-rhetorisches Lehrwerk) großer Popularität; 28 der 32 heute noch erhaltenen Handschriften stammen aus dieser Zeit; die älteste Handschrift stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, ist also über hundert Jahre jünger als das verlorene Original. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte eine erste Druckausgabe, die 1712 nachgedruckt wurde; im 19. Jahrhundert wurde der Text dann gleich viermal ediert (1824, 1862, 1864, 1872), wobei sich allein die im zweiten Band der Monumenta Poloniae Historica erschienene Edition von August Bielowski 1872 auf alle damals erreichbaren Handschriften stützte (und 1893 von Max Perlbach im Band 29 der MGH Scriptores in Auszügen wiedergegeben wurde). Sie galt bis zur Vorlage einer neuen kritischen Edition durch Marian Plezia in Band 11 der Monumenta Poloniae Historica. Nova Seria im Jahr 1994 als die beste und zuverlässigste Textgrundlage.
Für die geplante lateinisch-deutsche Ausgabe wird die Edition von 1994 als der heute maßgebliche Text zugrunde gelegt. Von diesem soll allenfalls in wenigen Ausnahmefällen abgewichen werden, wenn sich im Prozess der Übersetzung an einzelnen Stellen Zweifel einstellen und alternative Lesarten als überzeugendere Varianten aufdrängen; systematische eigenständige Untersuchungen und Kollationierungen können zu diesem Zweck nicht erfolgen. Die deutsche Übersetzung wird sich darum bemühen, einerseits die sprachlich komplexen, oft nur schwer verständlichen, für Interpretationen daher offenen Eigenheiten des Originals wiederzugeben, andererseits einen heute lesbaren Text zu bieten, der das Werk in erster Linie für den Historiker erschließt. Die Übersetzung wird daher eine geschichtswissenschaftliche, keine philologische Interpretation darstellen. Um den Text für den mit dem polnischen Mittelalter nicht vertrauten Leser möglichst umfassend zu erschließen, werden notwendige Erläuterungen zu Personen und Orten in einem ausführlichen Personen- und Ortsnamensregister angebracht werden. Da die kritische Edition von 1994 kein Sachregister bietet, soll die geplante lateinisch-deutsche Ausgabe zudem ein separates, an den lateinischen Begriffen orientiertes Sachregister enthalten. Im Text selbst sollen unter dem (zeichenmäßig kürzeren) lateinischen Text auf der jeweils linken Seite in einem Buchstabenapparat notwendige Hinweise auf alternative Lesarten und in einem Zahlenapparat zum Verständnis unerlässliche Sachkommentare (einschließlich Angaben zu Stellen aus der Bibel, der antiken Literatur, aus Texten des kanonischen und römischen Rechts u. a. Texten, die Vincentius wörtlich oder in Umschreibungen entlehnt hat) angebracht werden.
Der zweisprachigen Textausgabe wird eine ausführliche Einleitung vorangestellt, in der der Autor, das werk, die Überlieferung und Rezeption des Textes vorgestellt sowie technisch-praktische Hinweise zru Einrichtung der Ausgabe und eine Bibliographie geboten werden.
Teilprojekt 4
Die piastischen Dynasten und die Bischöfe. Rivalität – Kooperation – Koexistenz
Bearbeiterin: Dr. Ewa Wółkiewicz
Ziel des Teilprojektes ist eine Untersuchung der Strukturen der weltlichen Herrschaft aus der Perspektive der Beziehungen zwischen der fürstlichen Landesherrschaft und der Kirche. Die Untersuchung konzentriert sich auf das Polen der Piasten vor dem Hintergrund der benachbarten Staaten verfolgt chronologisch eine längere Perspektive, die die Zeit vom 11. bis zum 15. Jahrhundert umfasst. Eine solche Forschungsperspektive wird vor allem durch die Quellenlage bestimmt, die relativ gut über das Beziehungsgeflecht zwischen der weltlichen und geistlichen Macht informiert. Die Erforschung der Frühgeschichte der polnischen Kirche wurde in der letzten Zeit durch zahlreiche wertvolle Arbeiten bereichert, die die älteren Forschungsergebnisse zusammenfassen (z.B. Józef Dobosz) oder die Problematik in einen möglichst breiten universalgeschichtlichen Kontext stellen (z.B. Roman Michałowski). Letzterer Forschungsansatz scheint besonders lohnend zu sein, wenn man die heimische Quellenbasis berücksichtigt. Dennoch konzentrierten sich die polnischen Historiker bisher vor allem auf faktographische Folgerungen sowie auf Fragen zur politischen Theorie und zur Ideengeschichte (etwa auf den Verlauf der Christianisierungsprozesse, den Aufbau der Kirchenorganisation, den ideologischen Wert der christlichen Religion für die Autorität der fürstlichen Herrschaft, die Rezeption der westeuropäischen Reformideen und – wenn es um die sakrale Kunstgeschichte geht – die Kunstströmungen). Etwas am Rande des Forschungsinteresses blieben in der letzten Zeit die organisatorischen und materiellen Grundlagen der polnischen Kirche sowie die Rolle und Ziele der fürstlichen Herrschaft bei deren Gestaltung.
Das vorliegende Projekt knüpft an das vor mehr als zehn Jahren von Sławomir Gawlas formulierte Paradigma der Modernisierung der Herrschaftsstrukturen unter den Bedingungen des sozial-verfassungsrechtlichen Entwicklungsrückstandes der Länder Ostmitteleuropas im Vergleich zu den zivilisatorischen Zentren des mittelalterlichen Westeuropas an. Zu den Hauptaufgaben wird die Beantwortung der Frage gehören, inwiefern die aus dem Westen einströmenden Modernisierungsimpulse auf den Charakter der Abhängigkeit zwischen den Herrschern aus der Piastendynastie und den Bischöfen der polnischen Kirchenprovinz Einfluss hatten. Hierbei können drei Hauptteile des Projekts unterschieden werden:
1. Der Piastenstaat und die Rezeption sowie die Funktion des Modells ‚Reichskirche’ im 10.-12. Jahrhundert. Einen wichtigen Bezugspunkt für die Erforschung der skizzierten Problematik in Mitteleuropa bilden die im Reich vorherrschenden Verhältnisse. Denn die Kirchenorganisation in Polen, Böhmen und Ungarn wurde im 10. und 11. Jahrhundert unter dem gewaltigen Einfluss der deutschen Kirche, häufig auch unter dem der aus dem Reich stammenden Geistlichen geformt. Es ist davon auszugehen, dass zusammen mit den Menschen auch fertige Organisations- und Ideenmodelle aus den Gebieten westlich von Elbe und Oder vordrangen. Uns werden vor allem diejenigen interessieren, die sich auf die Idee der fürstlichen Dominanz über die Kirche und ihre praktische Realisierung beziehen. Das erste Ziel des Projekts wird es daher sein zu bestimmen, in welchem Grade das unter der Herrschaft der Ottonen und Salier entwickelte Modell der Reichskirche, die eng an die Königsherrschaft gebunden war und zu ihren Gunsten eine Reihe von Diensten materieller, militärischer und verwaltungstechnischer Natur leistete, die Staaten des „Jüngeren Europa“ beeinflusste. Unter Berücksichtigung der Hauptmerkmale des Reichskirchensystems sollten also ihr Vorkommen oder ihr Fehlen in der ostmitteleuropäischen Realität in folgenden Einzelfragen verifiziert werden (Teilnahme und Führungsrolle des Herrschers bei Kirchensynoden; „Personalpolitik“ des Herrschers in der Frage der Bistumsbesetzungen sowie der Karrierewege und Beziehungen der Bischofskandidaten zum Fürstenhof; materielle Profite und Dienstleistungen aus Kirchengütern zugunsten des Herrschers, vor allem während der herrschaftlichen Umritte (servitium regis); Delegierung weltlicher Prärogativen und der damit verbundenen Einkünfte an die Bischöfe, wobei Parallelen zwischen der Verleihung von Grafschaften im Reich und der Kirchenkastellaneien in Polen zu beachten sind; militärische Pflichten der Bischöfe und deren Teilnahme an den Kriegszügen des Herrschers; Funktionen und Prinzipien der bischöflichen Münzprägung).
Die Analyse der genannten Probleme unter Berücksichtigung der polnischen, böhmischen und behelfsweise auch der ungarischen Quellen sollte die Frage beantworten, in welchem Grad die mitteleuropäischen Herrscher die kirchliche Organisation als Mittel der Herrschaftsausübung behandelten und wie stark das für die ottonisch-salischen Verfassungsrealien typische Modell ‚Herrscher-Kirche’ nach Mitteleuropa vordrang und dabei modifiziert und den lokalen Bedürfnissen angepasst wurde.
2. Das 13. Jahrhundert als Umbruchzeit. Die gregorianische Reform hat nicht zum vollständigen Niedergang der fürstlichen Hegemonie über die Kirche geführt, und dennoch beobachten wir seit dem Ende des 11., am deutlichsten jedoch im 12. und 13. Jahrhundert im Reich einen Lockerungsprozess in den Beziehungen zwischen dem Herrscher und der Kirchenorganisation sowie im Aufbau bischöflicher Landesherrschaften. Dieses zuletzt genannte Phänomen kann man als eine spezifische Evolution des ‚Systems’ der monarchischen Kirche interpretieren, innerhalb dessen die durch die Herrscher mit weltlichen Vorrechten ausgestatteten Bischöfe die Landesherrschaft ausübten, womit sie sich den weltlichen Reichsherrschern anglichen. Das zweite Projektziel ist der Nachweis des Einflusses der Reichsverfassung auf die sozialen und verfassungsrechtlichen Verhältnisse in Mitteleuropa während der Territorialisierungsphase gerade aus kirchlicher Perspektive. Die mehr oder weniger gelungenen Versuche, eine Landesherrschaft aufzubauen, sind hier im 13. Jahrhundert sehr gut fassbar, vor allem im Fall der Bischöfe von Breslau, denen es – als einzigen innerhalb der Kirchenprovinz Gnesen – gelang, ein souveränes Fürstbistum zu errichten. Aufmerksamkeit verdienen auch die über ein eigenes Fürstentum verfügenden Bischöfe von Kammin, sowie die Bistümer Krakau, Leslau, wo die Aufbauprozesse einer Territorialherrschaft entweder vereitelt oder aus anderen Gründen retardiert wurden. Sowohl der Emanzipationsprozess der Kirche von weltlicher Oberherrschaft als auch die bereits erwähnten Bestrebungen beim Aufbau der Landesherrschaft führten im 13. Jahrhundert zu heftigen Konflikten der Bischöfe mit den polnischen Fürsten.
Dies bietet die günstige Möglichkeit, die Funktions¬mechanismen der fürstlichen und kirchlichen Macht unter den Bedingungen von Konflikt und Krise zu untersuchen. Folgende Probleme sind dabei von besonderem Interesse: a.) die Bedeutung der Immunität; b.) Gestaltungsmechanismen der territorial zusammenhängenden Kirchenherrschaften auf dem Weg der herzoglichen Schenkungen und weiterer Gütertransaktionen verschiedener Art; c.) die Nutzung moderner Standards des Herrschaftsaufbaus durch die Hierarchen (Kolonisation; Lehnswesen; Burgenbau und Stadtlokationen); d.) die von den Bischöfen bei der Verfolgung ihrer Herrschaftspläne bzw. in den Konflikten mit den Fürsten eingesetzten Legitimierungsstrategien und Propagandamittel; e.) das Vorgehen im Konfliktfall und die Methoden der Konfliktlösung.
3. Der Bischof als Landesherr im 14. – 15. Jahrhundert. Der dritte Projektteil, der die Zeit vom Ende des 13. bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts umfasst, wird sich der Frage nach dem Funktionieren der bischöflichen Landesherrschaften widmen, die in Schlesien und Pommern entstanden. Als Folge der skizierten Prozesse an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts haben sich zwei souveräne Landes¬herrschaften entwickelt, die den Bischöfen von Breslau und Kammin unterstanden. Die Hierarchen erreichten darin einen herrschergleichen Status, der ihre Stellung an die der Reichsbischöfe annäherte. Bemerkenswert ist, dass dies an der Grenze des Reiches und Polens geschehen ist, auf Gebieten also, die im 13. Jahrhundert einem sehr gründlichen, von oben gesteuerten Modernisierungsprozess, der deutschen Besiedlung und der Feudalisierung unterzogen wurden, wo die lokalen slawischen Eliten durch Neusiedler ersetzt wurden und die ursprünglich starke fürstliche Macht eine vorübergehende Schwächung erfuhr. Analysiert werden dabei folgende Aspekte: a.) die Beziehungen zwischen der weltlichen und geistlichen Macht der Bischöfe und ihre Wahrnehmung durch die Zeitgenossen; b.) die Beziehungen der Bischöfe zu benachbarten weltlichen Herrschern (Pommern und Schlesien) sowie zur obersten Herrschaft – dem Kaiser bzw. dem böhmischen König – sowie deren Konsequenzen für die politische Stellung der Bischöfe als Fürsten in überregionaler Hinsicht; c.) die Verhältnisse innerhalb der Landesherrschaften, die darin herrschenden Strukturen und die Herrschaftsmechanismen, u.a. die Frage der bischöflichen Umritte und Residenzen, die Rolle des Hofes und des Lehnssystems, Herrschaftszeremoniell, schließlich die Beziehungen des Bischofs zu den eigenen Untertanen (vor allem der Ritterschaft, den Städten und anderen kirchlichen Institutionen).
Teilprojekt 5
Silber und Macht. Funktionen und Bedeutung von Edelmetallen für die piastische Herrschaft, 930-1100
Bearbeiter: Dr. Dariusz Adamczyk
„Gold wurde nämlich zu seiner Zeit von allen für so gemein gehalten wie Silber, Silber aber hielt man für so wohlfeil wie sonst Stroh... Denn zu seiner [Bolesław Chrobrys] Zeit trugen nicht nur die Leute des Gefolges, sondern überhaupt auch die Edelleute Goldketten von ungeheurem Gewicht, sie waren überreich an solchem Geldüberfluss. Die Frauen des Hofes aber gingen mit goldenen Kronen, Halsbändern, Stäbchenketten, Armreifen, Goldbrokat und Edelsteinen so beschwert einher, dass sie, wären sie nicht von anderen gestützt worden, das Metallgewicht nicht hätten tragen können.” Diese Passage aus der Chronik des so genannten Gallus Anonymus spiegelt die gesellschaftliche Bedeutung von Edelmetallen wider. Die Zirkulation von Silber hing zwischen dem 10. und frühen 12. Jahrhundert mit dem Prozess der Reichs- und Herrschaftsbildung im östlichen Europa eng zusammen: von der Kiever Rus´ über Skandinavien bis hin zu den „Staaten” der Piasten, Premysliden und Arpaden. Der für den Herrschaftsaufbau nötige materielle Mehrwert wurde nicht nur durch die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion erzielt. Im Gegenteil: Tribute und Abgaben, Beute und Kontrolle der Silberströme und des Fernhandels, also die Verfügung über Edelmetalle und Luxusgüter besaß zentrale Bedeutung für die neuen Eliten, ihr Prestige, ihren gesellschaftlichen Status. Nicht „Land mit Menschen”, sondern Silber und „mobile” Güter stellten die Grundlagen ihres Reichtums dar. So wurden die Waldprodukte und Menschen der Großregion in die Handelsströme eingespeist und gegen Edelmetalle bzw. Luxusgüter eingetauscht.
Die Verfügung über Edelmetalle half den neuen Dynastien im östlichen Europa, sich Ruhm und „guten” Ruf zu verschaffen und neue Gefolgsleute zu gewinnen, die mit Silber entlohnt werden konnten. Somit trug das Edelmetall zur Festigung ihrer Herrschaft bei. Die Verfügung über Silber stellte Führungsqualitäten unter Beweis und verbesserte die „politische” Situation des Besitzers. Die Notwendigkeit, Edelmetalle anzuhäufen, sie zur Schau zu stellen und zu verteilen, um so viele „Klienten” wie möglich zu gewinnen, diente demzufolge der Machtsicherung und -verteilung. Die große Zahl der gemachten Silberfunde spiegelt diesen Prozess gut wider. Bis 2008 wurden in „Polen“ in 158 Schatzfunden gut 37.000 arabische und in ca. 280 Depositen über 100.000 westeuropäische bzw. skandinavische Münzen gefunden, die zwischen dem 9. und frühen 12. Jahrhundert dorthin gelangten. Im 10.-11. Jahrhundert wurde ein Gutteil dieses Silbers (neben Pommern) in Großpolen deponiert, wo sich auch das Machtzentrum der Piasten befand. Demnach stand und fiel ihre Macht zwischen ca. 930 und 1100 mit dem Zugriff auf die Silberströme. Der Bedarf an Silber beeinflusste folgerichtig die Richtungen wie die Dynamik der piastischen Expansion. Den Münzfunden nach zu urteilen, klingte sich das im Entstehen begriffene Gnesener Reich ab den 930er Jahren in die arabischen Silberströme ein. Ibrahim ibn Jaqub berichtet um 965, dass Mieszko seine Gefolgsleute in Silberstücken entlohnte, die er früher als Tribute, Abgaben oder Zölle erhob. Das in dieser frühen Phase der Reichsbildung in der Nähe der Burgen gesammelte Silber konnte somit den Gefolgsleuten der ersten Piasten gehört haben. Die Akkumulationsquelle der materiellen und finanziellen Mittel, die für die frühe, stammesübergreifende Herrschaftsbildung unentbehrlich waren, stellten folglich Tribute (erhoben in Naturalien und Silber), Beute und Handel dar. Die über Tribute und Dienstsiedlungen bezogenen Felle, Honig, Wachs sowie die erbeuteten Menschen tauschte die Elite gegen Silber und Luxusgüter ein. Mit diesen wurde wiederum die Gefolgschaft entlohnt. Prestige und Edelmetalle waren also die Grundlage der Herrschaft, eine Bedingung für die Machtrepräsentation, dank der der Fürst neue Anhänger gewinnen oder Krieger bezahlen konnte.
Die mit der Schrumpfung und schließlich dem Versiegen des arabischen Silberzustroms ins polnische Binnenland zusammenhängende Verschiebung der Handelsrouten im ausgehenden 10. Jahrhundert führte zu einer Umorientierung hin zum Heiligen Römischen Reich. Im frühen 11. Jahrhundert scheint – zumindest der Anzahl der Schatzfunde nach – die Thesaurierung von sächsischem Silber den Höhepunkt erreicht zu haben. Die eingangs zitierte Passage aus der Gallus-Chronik bezieht sich auch auf diese Zeit. Erst seit etwa Mitte des 11. Jahrhunderts nahm die Deponierung in Großpolen ab. Die allgemeine politische und ökonomische Lage hat sich nach 1031 und dann nach Břetislavs Raubzug von 1038 erheblich verschlechtert. Kasimir dem Erneuerer gelang es zwar im Jahr 1047, Masowien und ein wenig später Schlesien wieder zu erlangen. 1054 musste er sich allerdings in Quedlinburg verpflichten, von der letzterwähnten Provinz einen Tribut in Höhe von 500 grivny Silber und 30 grivny Gold an die Přemysliden zu entrichten (der allerdings in den 1060er Jahren aufgehoben wurde). Dass die Piasten an Edelmetallen auch in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts brennend interessiert waren, zeigt die Tatsache, dass Boleslaw der Kühne den 1074 nach „Polen“ geflohenen Kiever Fürsten Izaslaw seines Schatzes beraubte.
Bislang fehlt eine Monographie, die die Silberfunde im Hinblick auf die piastische Herrschaft in einem breiteren geografischen und chronologischen Kontext untersucht und die Expansionsdynamik bzw. die „Überdehnung“ des Gnesener Reiches mit dem Bestreben, die Silberströme „anzuzapfen“, zu erklären versucht. Hier setzt das Projekt an, das folgende Aspekte erforschen soll:
• zunächst anhand der neulich kontrovers geführten Debatten die ökonomischen, politischen und magischen Funktionen von Silber im östlichen Europa und besonders im Piasten-Reich;
• danach anhand der Topografie und Zusammensetzung der Silberfunde – freilich unter Hinzuziehung schriftlicher und archäologischer Quellen – die Entwicklung und Expan-sionsdynamik des Gnesener Reiches im 10. – frühen 11. Jahrhundert im Hinblick auf die piastischen Bemühungen, den Zugriff auf Silberströme zu gewinnen und aufrechtzuerhalten;
• und schließlich die Frage, inwieweit der schrumpfende Münzzufluss und die eigene, seit dem späten 11. Jahrhundert verstärkt einsetzende Münzprägung für die Herrschaftsausübung der Piasten einen Wandel bewirkten.
Teilprojekt 6
Hauptprojekt: Das piastische Polen in seinen internationalen Beziehungen
Bearbeiter: Dr. Norbert Kersken
Das piastische Polen zeichnet sich aufgrund seiner geographischen Lage und des Fehlens „natürlicher“ Grenzen durch eine besondere Intensität seiner internationalen Beziehungen und eine ausgesprochene Determiniertheit seiner staatlichen Existenz durch die Art dieser Außenbeziehungen aus. In der geplanten Untersuchung soll es darum gehen, das piastische Polen systematisch in seinen internationalen Beziehungen und Bindungen zu konturieren, diese in seiner zeitlichen Dynamik und Veränderung zu beschreiben, die Medien, Konstellationen und Foren zu erfassen, in denen sich internationale Politik konkretisierte und schließlich zu versuchen, die Bedeutung dieser internationalen Kontakte für Entwicklung und Konturen des pi-astischen Polen zu ermessen.
Forschungen zu internationalen Beziehungen sind in der mediävistischen Forschung der ver-gangenen Jahrzehnte eher randständig gewesen. Dies dürfte auf verschiedene Hintergrundkonstellationen zurückzuführen sein: Zum einen galt die Rede über den Staat lange Zeit mit Blick auf das Mittelalter als anachronistisch; der Staat war zudem in der mittelalterlichen deutschen Geschichte keine Größe, die mit Nationalstaatskategorien des 19./20. Jh.s kompati-bel war; ferner war der deutsche Nationalstaat des 19./20. Jh.s und besonders in der Zeit nach 1945 kein kategorialer Ansatzpunkt, der sich erfolgreich forschungsleitend für die mittelalter-liche Geschichte erwiesen hätte. Zum andern war die Frage nach der Geschichte der internationalen Beziehungen – die zudem den Staatsbegriff voraussetzten – eine Fragestellung, die ausschließlich einer traditionellen Politikgeschichte verpflichtet schien, und die überdies der vermeintlich vornationalen mittelalterlichen Realität nicht angemessen erschien. Erst seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zeichnet sich in dieser Hinsicht eine Neubewertung und Wende in der mediävistischen Forschung ab. Zur Erklärung dieser Neuansätze ist auf verschiedene wissenschaftliche Akzentverschiebungen hinzuweisen: Es manifestierte sich erstens eine verstärkte Hinwendung zu spätmittelalterlichen Themen und Fragestellungen. Diese Hinwendung zum Spätmittelalter hat dazu geführt, dass auch die beiden „Großdynastien“ der spätmittelalterlichen deutschen Geschichte die Luxemburger und die Habsburger, verstärkt in den Blick gerieten und auch in monographischen Abrissen gewürdigt wurden; beide Dynastien agierten transnational und mittels klug arrangierter Heiratspolitik. Der zweite Gesichtspunkt betrifft methodische Innovationen. Fruchtbare Anregungen hat die Mediävistik der vergangenen zwei Jahrzehnte mit Blick auf die hier in Rede stehende Fragestellung vor allem durch die historische Konfliktforschung und die historische Ritualforschung erhalten. Beide Ansätze sind zwar zunächst einer sozialgeschichtlichen Fragestellung entwachsen, haben aber ein noch wenig erschlossenes Potential für die Erforschung der internationalen Beziehungen. In der Konfliktforschung sind Ansätze und Erfahrungen aus der Bearbeitung von Konflikten zwischen sozialen Gruppen auch auf Konflikte zwischen staatlichen Herrschaftsbildungen übertragbar, in der Ritualforschung sind kommunikationsgeschichtliche Beobachtungen auf internationale Beziehungen und Kontakte anwendbar. Ein dritter Forschungsimpuls ist in Weiterungen der Adelsforschung der letzten Jahre zu sehen. Eine neue Hinwendung zum fürstlichen Adel hat neuartige Forschungen zu den äußeren Beziehungen einzelner fürstlicher Familien und ihre Heiratspolitik angeregt.
Die Anwendung dieser neuen Forschungsmethodiken auf die internationalen Beziehungen hat die Diplomatiegeschichte und die Geschichte der internationalen Beziehungen im Mittelalter einerseits aus den Bindungen an die traditionelle Staatengeschichte gelöst, andererseits aber erkennen lassen, dass Diplomatiegeschichte zu Recht auf mittelalterliche Strukturen und Erscheinungen anwendbar ist. Hierbei ist sie nicht nur als Teil der Rechts- und Verfassungsgeschichte zu verstehen, sondern kann neue Aufschlüsse im Bereich der Herrschafts- und Kommunikationsgeschichte, in der Symbolgeschichte und in der Geschichte des kulturellen Austauschs liefern.
Das neue Interesse an „außenpolitischen” Fragestellungen hat sich auch auf zwei Themenkomplexe erstreckt, die für die vorliegende Untersuchung Bedeutung haben. Das betrifft zunächst die Erforschung der Außenbeziehungen des Heiligen Stuhls, der politischen Instanz, die in Europa am frühesten ein System der ständigen Pflege internationaler Kontakte aufbauen konnte. Von zentraler Bedeutung hierfür war das päpstliche Legatenwesen; es wurde aber auch ein unmittelbares System politischer Kontakte und kirchlicher Raumerfassung ausgebildet (Hans-Joachim Schmidt). Mit Blick auf Polen liegt hier für einen Teilaspekt dieser Beziehungen die wichtige Studie von Erich Maschke vor. Die inzwischen weitgediehene Erfassung der Quellengrundlage, die für die polnisch-päpstlichen Beziehungen schon früh begonnen wurde und weit fortgeschritten ist (Bullarium Poloniae 1982/2006), hat in den vergangenen Jahren zu einer Reihe neuer wissenschaftlicher Bemühungen um die päpstlichen Außenbeziehungen geführt. Ein zweites thematisches Feld, auf dem die Fragestellung nach den internationalen Beziehungen in der jüngsten Vergangenheit erprobt wurde, ist die Erforschung der Außenbeziehungen von Städten. Hierbei geht es primär um Städte mit einem ausgeprägten eigenständigen Handlungsprofil, die Reichsstädte (Pierre Monnet) und die Hansestädte, zu deren Außenbeziehungen zwar ältere Forschungen vorliegen, aber zu denen neue kulturwissenschaftliche Ansätze innovative Einsichten erbracht haben (Thomas Behrmann).
Die Anwendung und Übertragung dieser neuen Fragestellungen und Methodiken für die Erforschung des piastischen Polen birgt ein mehrfaches Innovationspotential. Zunächst wird eine Frage- und Arbeitsweise vom quellenreichen Westeuropa auf das viel quellenärmere östliche Europa übertragen; zweitens wird die diplomatiegeschichtliche Fragestellung vom letzten Jahrhundert des Mittelalters, in der die internationale Diplomatie, gefördert durch die Erfordernisse durch die Herausforderungen in der Hussitenzeit und durch die osmanische Bedrohung, schon vielfältige stabile Strukturen ausgebildet hatte, auf die Jahrhunderte vor dem mittleren 14. Jh. übertragen und erprobt; drittens sollen Ansätze der institutionenbezoge-nen diplomatiegeschichtlichen Forschung und der personenbezogenen adelsgeschichtlichen Forschung zusammengebracht werden.
Mit Blick auf die politische Geschichte Polens liegt es nahe, die Untersuchung in drei zeitliche Abschnitte zu gliedern. Der erste Abschnitt wird die Zeit bis zum vorläufigen Ende einer einheitlichen politischen Zentralgewalt in Polen umfassen; ob als periodisierender Schnitt der Tod Boleslaws III. 1138 oder das Ende der Senioratsverfassung mit dem Tod Mieszkos III. 1202 zu wählen sein wird, sollte mit Blick auf die vorliegende Thematik später entschieden werden. Der zweite Abschnitt behandelt die Zeit, in der Polen politisch in eigenständigen Fürstentümern existierte, also von der Mitte des 12. Jh.s oder von 1202 bis zur Wiedererrichtung einer politischen Zentralgewalt; auch hier ist über die genaue Periodisierung, die Anset-zung der Zäsur mit der Krönung Przemysłs II. 1295 oder erst mit der Krönung von Władysław Łokietek 1320, noch zu entscheiden. Die Untersuchung der Außenkontakte in diesem Zeitabschnitt verspricht besondere Aufschlüsse für die spezifische Entwicklung der einzelnen Fürstentümer hinsichtlich ihrer außenpolitischen Aktivität und Attraktivität. Im dritten Abschnitt soll die Zeit der letzten Piasten, die Herrschaft von Władysław Łokietek und von Ka-simir III., behandelt werden. Der Tod Kasimirs III. bedeutet nicht nur das Ende der Piasten in männlicher Linie, sondern stellt auch für die vorliegende Fragestellung, die polnischen Außenbeziehungen, eine eigengewichtige Zäsur dar; das spätmittelalterliche Polen existierte politisch in Personalunion mit zunächst Ungarn, dann mit Litauen, was für die Außenbeziehungen neue prägende Elemente und eine neue Dynamik mit sich brachte. Dies lässt einen so zu setzenden thematischen Abschluss gut begründet erscheinen.
Jeder der drei Abschnitte soll einen systematischen Überblick über die nichtpolnischen Regionen, Staaten, Regionen enthalten, zu der die piastischen Herrscher Beziehungen unterhielten. Hierbei wird es in einem Kapitel um die Beziehungen zu den direkten Nachbarn gehen, um Beziehungen zum Reich, sodann zu bestimmten Territorien des Reichs, zu denen Polen direkte nachbarschatliche Beziehungen unterhielt (Brandenburg, Pommern); es wird sodann um die Beziehungen zu Dänemark, zu den baltischen Nachbarn (Pommerellen, Deutscher Ordensstaat, Litauen), zu den ostslavischen Nachbarn (Kiever Rus und Nachfolgestaaten), sodann zu Ungarn und Böhmen (ungeachtet der Frage seiner staatsrechtlichen Zugehörigekeit zum Reich). Ein weiteres Kapitel wird Beziehungen zu nichtbenachbarten Staaten und politischen Mächten thematisieren; hier ist an die Kontakte zum Heiligen Stuhl, zu England, Frankreich sowie zur „Hanse“ zu denken.
Unterprojekt 1: Deutsch-polnische Geschichte im Mittelalter
Die deutsche und die polnische Geschichte sind seit ihrer Formierung im 10. Jahrhundert eng miteinander verbunden. Gegenüber dem älteren Konzept einer vorrangig nationalgeschichtlich angelegten Beziehungsgeschichte sollen Anregungen der neueren Transfer- und Verflechtungsgeschichte („Histoire croisée“) aufgegriffen werden. Kulturgeschichtliche Kontakt- und Austauschvorgänge und ihre Träger und Produkte werden in ihrer Prozesshaftigkeit und Dynamik in den Blick genommen und versucht multiperspektivisch zu erfassen. In Anleh-nung an das seit 2005 erscheinende elfbändige Publikationsvorhaben „Deutsch-Französische Geschichte“ soll – herausgegeben von Dieter Bingen, Hans-Jürgen Bömelburg und Peter Oliver Loew – eine fünfbändige „Deutsch-Polnische Geschichte“ erstellt werden. Ein besonderes Merkmal ist, dass jeder Band von einem deutschen und einem polnischen Historiker gemeinsam erarbeitet wird. Der erste Band, der das Mittelalter bis in das erste Viertel des 16. Jahrhunderts behandeln soll, wird vom Bearbeiter gemeinsam mit Przemysław Wiszewski (Wrocław) abgefasst. Neben einem chronologischen Teil sollen in einem systematischen Teil („Fragen und Perspektiven”) verschiedene Felder deutsch-polnischen Verflechtungs- und Transfergeschichte im Mittelalter entfaltet werden. Dazu gehören die früh- und hochmittelalterliche Germania Slavica, die frühen Akkulturationsvorgänge, die mit den Schlagworten Christianisierung und Europäisierung gefasst werden, der hochmittelalterliche Landesausbau sowie die Deutung landesgeschichtlicher Entwicklungen, etwa in Schlesien oder Preußen als Konkretisierungen deutsch-polnischer Beziehungen. Wirkungsgeschichtlich wichtig sind aber auch die Ausbildung von Stereotypenbildungen oder die Formung mittelalterlicher Vorgänge als Folie neuzeitlicher nationaler Diskurse.
Unterprojekt 2: Narrative Quellen Ostmitteleuropas im Mittelalter
Die historiographiegeschichtliche Forschung der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte hat in hoher Intensität eine große Zahl von Einzeltexten untersucht: text-, quellen- und überlieferungskritische Fragen thematisiert, begriffs- und ideologiekritische Einzelheiten kontextuali-siert und ihre Entstehungs- und Wirkungszusammenhänge erhellt. Die Methodik der meisten Arbeiten war vielfach geleitet von der Analyse eines Geschichtswerks, seines Vergleichs mit einzelnen anderen Texten oder die Untersuchung bestimmter Fragen im Spiegel chronikalischer Texte. Allerdings überschritten die Forschungen bislang selten den regional- oder nationalgeschichtlichen Rahmen.
Wenn nun das östliche Mitteleuropa als historische Großregion angesprochen wird, die nicht als Addition von Nationalgeschichten hinreichend beschrieben wird, sondern sich strukturell durch Entwicklungsgemeinsamkeiten, die nicht nationalgeschichtlich determiniert sind, aus-zeichnet, so hat dies Auswirkungen für die Historiographiegeschichte. Historiographiegeschichte des östlichen Europa sollte in dieser Sichtweise transregional und transnational ange-legt werden. Eine neue Historiographiegeschichte für das östliche Mitteleuropa sollte einer-seits die bewährten Leistungsmerkmale der traditionellen Quellenorientierung bewahren, andererseits aber Erkenntnisse und Einsichten der Forschung der vergangenen Jahre einbringen. Es wäre eine Überforderung für einen einzelnen Wissenschaftler angesichts der Publikationsdichte in den verschiedenen Sprachen, diese Aufgabe monographisch zu bewältigen, auf der anderen Seite soll eine lose, sammelbandartige Nebeneinanderstellung einzelner Gesichtspunkte vermieden werden. Stattdessen soll ein Gemeinschaftswerk erstellt werden, das von einer kleinen Zahl von Historikern, die ein gemeinsames Verständnis der Problematik vereint, gemeinsam konzeptionell entwickelt und umgesetzt wird. Die Projektleitung liegt beim Bear-beiter und Dániel Bagi (Pécs/Warszawa).
Die Darstellung soll auf zwei Säulen beruhen: einem lexikalischen Darstellungsteil, der möglichst alle Autoren und anonym überlieferten Texte vorstellt und einem zweiten Teil, in dem eine synthetische Zusammenschau nach Zeit, Regionen, Textgruppen vorgenommen und schließlich systematische Sonden gelegt werden, um die historiographische Kultur Ostmitteleuropas, die Textentstehung, die Textüberlieferung, die historiographische Formung, die lebensweltliche, kulturelle und politische Prägung und Formung chronikalischer Werke und die historiographische Produktion von Geschichtsbildern zu konturieren.
Teilprojekt 7
Kultur, Identität und Repräsentation in den Urkunden des schlesischen und pommerschen Fürsten (ca. 1200 - ca. 1330)
Bearbeiter: Dr. des. Sébastien Rossignol
In diesem Projekt wird die Bildung neuer lokaler und regionaler Identitäten und Formen der Herrschaftsrepräsentation in Schlesien und Pommern des 13. und 14. Jahrhunderts untersucht, und zwar anhand der fürstlichen Urkunden der Piasten und Greifen. Diese zwei Regi-onen sind für eine solche Untersuchung besonders geeignet, da sie verschiedenen kulturellen und politischen Einflüssen unterworfen waren und sich im fortwährenden Wandel befanden, was die Herausbildung neuer Identitätsformen zwangsweise nötig machte. Urkunden bezeu-gen in ihrem Inhalt und in ihrer Form Herrschafts- und Repräsentationsansprüche der Fürsten.
Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts entwickelten sich die Herzogtümer Schlesien zu unabhängigen Fürstentümern, die in der folgenden Zeit schrittweise in immer kleinere Territorien zerfielen. Diese Zersplitterung war die Folge von Erbteilungen innerhalb der Dynastie der Piasten, teilweise auch von Konflikten und Abmachungen zwischen den regierenden Fürsten. Trotz dieser Situation war anscheinend ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vorhanden, das dadurch bedingt war, dass sämtliche Fürsten derselben regierenden Familie gehörten. Die Schwäche der isolierten Teilfürsten wurde von böhmischer Seite ausgenutzt und seit 1327 wurden schrittweise die schlesischen Fürsten Vasallen des böhmischen Königs. 1348 verzichtete der polnische König Kasimir der Große endgültig auf die Oberhoheit über die ehemaligen Fürstentümer Schlesien. Dieser Prozess der Zersplitterung bietet eine gute Möglichkeit für eine Studie über den Verlauf der Desintegration von Macht und vor allem darüber, wie sich die Herrscher in solcher Situation – im Spannungsfeld zwischen Konkurrenz und Zusammengehörigkeit – mit - und gegeneinander verhielten. Obwohl ihre Mittel meistens bescheiden waren, mussten sich die Teilfürsten zwangsweise bemühen, ihre Position zu rechtfertigen – eine Identität und eine Repräsentation ihres Territoriums zu entwickeln. Es bleibt also zu beobachten, wel-che Gelegenheiten diese aufstrebenden neuen Mächte nutzten und auf welche Weise sie sich gegenüber den anderen demonstrativ behaupteten.
Polnische Fürsten und Könige versuchten mehrmals, Pommern zu erobern, wobei die polni-sche Oberherrschaft sich jedoch nie dauerhaft etablieren konnte. Teile Pommerns wurden im 13. Jahrhundert in das dänische Königreich und ins Heilige Römische Reich integriert. De facto übernahm aber ein einheimisches Geschlecht, die Greifen, die Kontrolle über die Regi-on. Obwohl die politische Situation sich mehrfach durch Teilungen innerhalb der Greifendy-nastie und wegen polnischer, dänischer und deutscher Ansprüche änderte, behielt Pommern immer einen eigenständigen Status. Verschiedene kulturelle Einflüsse haben sich in Pommern immer getroffen und gemischt. Kontakte mit Skandinavien waren seit der frühesten Geschichte der Region allgegenwärtig, wie sowohl durch die Erwähnung fremder Kaufleute in den Schriftquellen als auch durch die eine Mischkultur bezeugenden archäologischen Funde und Befunde suggeriert wird. Im 12. Jahrhundert kamen äußere Einflüsse aus Rügen hinzu, das Teil Dänemarks und später ein Herzogtum des Reiches wurde, sowie aus den neuen Fürstentümern von Brandenburg und Mecklenburg, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Pommern Gestalt nahmen. In dieser Situation zwischen so vielen kulturellen Einflüssen und sich fortwährend wandelnden kulturellen und politischen Konstellationen bietet Pommern ein einzigartiges Forschungsobjekt, um die Bildung lokaler Traditionen zu beobachten.
Als direkte Zeugnisse der Selbstrepräsentation der mittelalterlichen Fürsten sind in erster Linie Urkunden auf uns gekommen. Obwohl die Urkunden der schlesischen Piasten und der pommerschen Greifen nur zum Teil von eigenen Kanzleimitgliedern und oftmals – im fort-schreitenden 13. Jahrhundert aber immer weniger – von den Empfängern angefertigt wurden, kann man davon ausgehen, dass die Urkunden dem Willen und den Ansprüchen an Autorität und Repräsentation des Ausstellers entsprachen. Die schrittweise Herausbildung von unab-hängigen Kanzleien bezeugt schon an sich die Entwicklung eines Bewusstseins für die Not-wendigkeit, die eigene Machtrepräsentation eigenhändig zu gestalten. In der äußerlichen Form und im Diktat boten diplomatische Dokumente ausreichend Möglichkeiten für die Her-ausbildung von eigenen Traditionen, Ausdrucksformen und lokalen Besonderheiten.
Speziell untersucht werden sollen in Anbetracht der vorgestellten Fragestellung die Protokolle der Urkunden. Für das Frühmittelalter wurde der Aussagewert der Intitulatio für die Herrschaftsrepräsentation von Herwig Wolfram bereits anschaulich dargestellt. Heinrich Fichte-nau hat erstmals um die Mitte des vorigen Jahrhunderts dezidiert die Aufmerksamkeit der Forschung auf die Arenga gelenkt. Seitdem steht außer Zweifel, dass dieser Urkundenteil viele Aussichten für Forschungen über Schriftlichkeit, Schriftkultur und Herrschaftsrepräsen-tation erlaubt. Regional und zeitlich eng fokussierte Untersuchungen haben zu verschiedenartigen Schlussfolgerungen geführt, die beweisen, dass im Mittelalter die Arenga weder ein-heitlich noch unvoreingenommen behandelt wurde. Zusätzlich können auch Unterschiede in den äußeren Merkmalen der Urkunden – Schrift, feierliche Initialen, Anfangszeilen, Verzierungen – mitberücksichtigt werden. Es wird zu beobachten sein, ob die kompliziertesten und kunstvollsten Arengen in Urkunden auftauchen, die in ihrer äußerlichen Form als besonders feierlich erscheinen.
Teilprojekt 8
Piastische Burgwälle in einer frühmittelalterlichen Wasserlandschaft in Großpolen
Bearbeiter: Dr. George Indruszewski
Seit dem ausgehenden 9., beginnenden 10. Jahrhundert haben sich die Piasten im östlichen Europa sukzessive als ein bedeutender politischer Faktor etabliert. Ihre zuerst in Großpolen entstandene Herrschaftsbildung haben sie räumlich nach und nach erweitert und bis bis zum Ende des 10. Jahrhunderts zu einem echten frühmittelalterlichen „Staat“ entwickelt. Dieses historische Phänomen hat nicht nur in den schriftlichen Quellen deutliche Spuren hinterlassen, sondern auch in der Landschaft – in Form von z. B. Burgwällen, Gräberfeldern bzw. Friedhöfen, Siedlungen und seit der zweiten Hälfte des 10. Jh. auch in Gestalt von Kirchen und Pfalzen. Diese Merkmale wurden ohne große Veränderungen bis in das 12.-13. Jh. beibehalten, als eine neue wirtschaftliche, militärische, kirchliche und soziale Organisation einen neuen historischen Prozess, den hochmittelalterlichen Landesausbau, einleitete. Von diesen materiellen, in die Landschaft eingeschriebenen Spuren ragen die großpolnischen Burgwälle besonders hervor, da ihre Hinterlassenschaft gleich mehrere Machtattribute der frühen Piasten verkörpern (militärische, ökonomische, soziale und sakrale Zentralfunktionen).
Das Projekt konzentriert sich auf die Entstehung, Entwicklung, und räumliche Verbreitung piastischer Burgwälle innerhalb des Kerngebietes des so genannten Polanen-Stammes. Die in den Quellen als civitas, urbs, oder castrum, castellum, oppidum bezeichneten Burgzentren können auf Grund ihrer Lokalisierung, Größe und ihrer spezifischen Beziehung zum Wassernetzwerk als die wichtigsten Elemente in der frühmittelalterlichen anthropogenen Gestaltung der Naturlandschaft angesehen werden. Das Projekt soll diesem spezifischen Zusammenhang im Kontext der Herrschaftsbildung nachgehen und die die natürlichen und menschenbestimmten Zusammenhänge zwischen der Ortsauswahl, des Zeitpunkts der Anlage von Burgzentren und ihr Verhältnis zur Umwelt bzw. Umgebung untersuchen. Dabei gilt ein besonderes Interesse dem Mechanismus der Einrichtung und Errichtung der verschiedenen Burgwälle im Sinne herausragender Bauprojekte. Die Ergebnisse sollen zunächst beleuchten welche Gründungsprinzipien für die Errichtung eines Burgzentrums den Vorrang hatten und in welchem Zusammenhang sie in welchem Maße mit topographischen, demographischen, militärischen oder ökonomischen Faktoren standen. Nicht zuletzt sollen die wichtigsten, archäologisch gut erforschten Burgzentren des piastischen Kerngebietes räumlich in Bezug auf das – wassergestützte – Kommunikations- und Verkehrsnetzwerk analysiert werden, in das sie eingebunden waren und dem sie – in welchem Maße ? – ihr Anlage verdankten. Dazu soll mit Hilfe einer historisch-archäologischen Simulation die innere Infrastruktur des piastischen Kerngebietes virtuell rekonstruiert und theoretisch erklärt werden. Mit Hilfe der verfügbaren archäologischen, historischen, geologischen und sprachwissenschaftlichen Quellen wird eine Rekonstruktion der frühmittelalterlichen großpolnischen Landschaft unternommen, die eine Rekonstruktion des Verkehrs- und Kommunikationsnetzwerkes einschließt. Anhand einer räumlichen Lokalisierung sowie geoklimatischer und landschaftlicher Belege soll die Rekonstruktion die spezifische Vernetzung der Burgwälle durch die Wasserwege erweisen und besser verständlich machen. Auf diese Weise wird die Rolle und Bedeutung der Wasserwege für die Vernetzung der Burgwälle und Siedlungskomplexe in einer einheitlichen piastischen Machtstruktur qualitativ erläutert und – soweit möglich - quantifiziert.
Das Projekt möchte im Ergebnis einen Beitrag zum Problem der Herkunft der ersten Piasten und ihrer Herrschaftsbildung leisten und – mit Hilfe analytischer Computerprogramme - u.a. der Frage nachgehen, welches der verschiedenen in der aktuellen Diskussion als lokaler Ausgangspunkt der piastischen Herrschaft erörterter Burgzentrum – Gnesen, Giecz, Kalisch, Posen – am ehesten in dieser Eigenschaft angesprochen werden kann. Die Ergebnisse der Projektarbeit sollen Niederschlag in einem hoch auflösenden digitalen Geländemodell (DGM), einer kartographischen Präsentation und einer Datenbank der wichtigsten Funde und Befunde finden.
