Beendete Projekte

Folgende Projekte wurden am DHI in früheren Jahren bearbeitet. Berücksichtigt sind nur Projekte, die ab Ende 2016 beendet wurden. 



Maciej Górny: Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“

(bis Ende 2017)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Erdkunde eine neue Richtung, die mithilfe einer interdisziplinären Methodik, die auf Geographie, Ethnographie, Wirtschaftswissenschaft, Ethnopsychologie und Biologie basierte, eine Identifizierung und Analyse von Regionen und ihren Grenzen anstrebte. Neu war nicht nur die wissenschaftliche Methode, sondern auch eine weitgehende Nationalisierung des Faches. Unter dem Einfluss der zwei prominenten Wissenschaftler: Paul Vidal de la Blache und Friedrich Ratzel tendierten die Geographen immer mehr dazu, die geographischen Räume mit dem Nationalstaat in Verbindung zu setzen.

Der Erste Weltkrieg öffnete den Weg zur praktischen Umsetzung der neuen Raumkonzepte. Ratzels schwedischer Schüler Rudolf Kjellén interpretierte den Krieg als Kampf ums Überleben zwischen den als lebende Organismen aufgefassten Staaten. Aus dieser Perspektive wäre Deutschland wegen seiner zentralen Lage von allen Seiten angreifbar. Diese ungünstige Position konnte aber auch als ein Vorteil aufgefasst werden: Als die Chance auf eine dynamische Expansion, die man mit Umsiedlungen der undeutschen Zivilbevölkerung verbinden wollte. Ostmittel- und Südosteuropa spielten in dieser Weltanschauung eine besonders wichtige Rolle. Im Laufe des Krieges verzichteten die deutschen Geographen allerdings darauf, auf diesem Gebiet einzelne Regionen und Nationalitäten zu unterscheiden. Stattdessen erblickten sie dort die großen, von amorphen Menschenmassen bevölkerten Räume, die in ihren Augen im Grunde genommen eine auf den neuen Herrn wartende Einöde bildeten. Die ausgeprägte Politisierung der Erdkunde war während der Pariser Friedensgespräche 1918–1919 zu beobachten. Die Geographie erschien plötzlich als die Hüterin des Fachwissens, das die Zukunft der Welt mitgestaltet. 

Ähnliche Ansätze wurden in den Nachkriegsarbeiten Karl Haushofers und der ganzen deutschen Geopolitik-Schule weiterentwickelt. Die Bedingung der geographischen Kohärenz einer Region sei, den deutschen Geographen zufolge, seine ökonomische Selbständigkeit und die Eintracht der Natur- und Kulturlandschaft. Diese Perspektive bedeutet u.a., dass man die Grenzlinien, die entlang der Flüsse und Bergketten verlaufen, als wissenschaftlich unbegründet ansah, weil sie die natürlichen Regionen durchschneiden und den Lebensraum ihrer Bewohner beeinträchtigen würden. Und die irrtümlich gezogenen Grenzen – so Haushofer – seien die Voraussetzung für die künftigen Kriege. Er bevorzugte die Grenzen, die sich auf biologischen Prämissen stützen: auf die Klima- oder Pflanzengeographie. Haushofer wiederholte immer wieder, dass sogar diese ‚natürlichen‘ Grenzen eigentlich keine Linien auf der Karte – oder in der Landschaft – sondern Kampfgebiete der Kulturen und Nationalitäten seien. Die auftretenden Diskrepanzen der Sprache(n) und Kultur(en) auf einem Gebiet verhinderten oft jegliche klare Gliederung des Raumes auf der Karte.

Obwohl die deutschsprachige Geographie bis in die zweite Hälfte des Ersten Weltkriegs die dominierende Stellung im Rahmen dieses Diskurses einnahm, wurde die wissenschaftliche Landschaft durch die rapide Entwicklung der politischen Gruppierungen der kleineren Staaten und Nationen Ostmittel- und Südosteuropas gründlich verändert. Die mit diesen Gruppierungen, bzw. den Agenden der Nationalstaaten zusammenarbeitenden Experten erwiesen sich in den Kriegsjahren zumindest als ebenbürtige Partner der deutschen Kollegen (die – was aus der gruppenbiographischen Sicht als eine besonders interessante Eigenschaft dieser Konkurrenz erscheint – oft ihre ehemaligen Lehrer waren). Dabei waren die Ostmittel- und Südosteuropäischen Autoren besonders erfolgreich in der Wissenschaft und in der wissenschaftlich fundierten Propaganda. Es ist ihnen gelungen, die räumliche Vorstellung der „gerechten Grenzen“ zu beeinflussen. In den wissenschaftspolitischen Schriften der Ostmittel- und Südosteuropäischen Experten spielten geographische Regionen eine wichtige Rolle. Ihre Identifizierung bzw. diskursive Abschaffung diente der nationalen Expansion, der Integration des eigenen Staates und zugleich der Desintegration der Nachbarstaaten. Aus der Spannung zwischen nationaler Perspektive der Wissenschaftler und regionaler Problematik ihrer Forschungen ergibt sich eine interessante transnationale Verflechtungsgeschichte. 

In dem Projekt „Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939“ wurden die wissenschaftlichen und politischen Schriften solcher Autoren wie u.a. des Polen Eugeniusz Romer, des Serben Jovan Cvijić, des Ukrainers Stepan Rudnyćkyj, der Deutschen Albrecht Penck, Karl Haushoffer, Max Friederichsen und Joseph Partsch, des Ungarn Pál Teleki, des Rumänen Grigore Antipa oder des Slowenen Anton Melik analysiert. Im Rahmen des Projektes wurde die diskursive Analyse der publizierten Schriften und Archivmaterialien mit einer visuellen Analyse von Karten verbunden.


Ruth Leiserowitz: Studium im Europa des 19. Jahrhunderts. Wechselwirkungen zwischen transnationaler Verflechtung und nationaler Identität

Teilprojekt im Forschungsbereich 3 „Nationale Identität und Transnationale Verflechtung“
(2010–2016)

Warschau, das nach dem Novemberaufstand (1830/31) zum nationalen Zentrum Polens wurde und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer rasch wachsenden Metropole entwickelte, wies höchst unterschiedliche kulturelle Fixpunkte auf. Einerseits waren die Verbindungen nach Paris und Brüssel, zu den Zentren der großen Emigration überaus stark. Andererseits waren Stadt und Region administrativ seit 1831 Russland zugeordnet, nach 1863 als Weichselprovinz in das Zarenreich eingegliedert. Somit unterlagen sie kulturellen Orientierungen aus St. Petersburg. Hinzu kamen Impulse aus Verbindungen, die Warschauer Bürger mit Einwohnern anderer Städte der übrigen polnischen Teilungsgebiete, insbesondere  in Posen, Krakau oder Lemberg unterhielten. Daraus ergab sich bereits eine breite Palette von Möglichkeiten kultureller Kontakte. Welche präferierten die polnischen Bewohner, welche bevorzugten die Juden der Stadt, wie verorteten sich Einwohner dritter Herkunft? Bereits ein erster Blick auf akademische Biografien Warschauer Bürger des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die kulturellen Kontakte weit über die französischen, russischen und polnischen Bezüge  hinaus reichten, das Wissen und kulturelle Inhalte auch aus anderen Räumen und über kulturelle Grenzen hinweg einströmten. Die akademische Jugend studierte mangels eigener nationaler Bildungsstätten bzw. deren unzureichender Situation im gesamten europäischen Ausland und brachte von dort vielfältige Erfahrungen und Eindrücke mit. Die Intelligenz der Stadt pflegte das gesamte Jahrhundert hindurch transnationale Kulturformen und knüpfte transterritoriale Netzwerke, über die zahlreiche Ideen und Inhalte transferiert wurden. So konnte Warschau zu einer wichtigen Stadt im europäischen Kulturkontext werden. Diese europäische Verortung und Vernetzung in den Bereichen Kultur und Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert entstand und im übrigen auch Fundamente für politische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bildete, ist als Phänomen bisher wenig beachtet und erforscht worden.

Ziel des skizzierten Forschungsprojektes war es daher, europäische Verortungen von Warschauern in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht für das 19. Jahrhundert zu dokumentieren, Kultur- und Wissenschaftstransfer nachzuzeichnen sowie deren Einflüsse auf die diversen Diskurse in der Gesellschaft sowie auf Innovationen aufzuzeigen, wobei Schnittstellen zwischen polnischen und jüdischen Milieus und deren Aspirationen ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen. Dabei wurde von der Grundannahme ausgegangen, dass sich durch die Prozesse von europäischen Verortungen und Vernetzungen sowie durch den Transfer von Kultur und Wissenschaft dichte Verflechtungen im kontinentalen Raum entwickelten, die u. a. auch zahlreiche Wechselwirkungen mit den nationalen Identitäten der Warschauer hervorriefen.

Als Akteursgruppe der kulturell-wissenschaftlichen Landschaft wurden die Warschauer Bürger der Jahrgänge 1770–1870 in den Fokus der Untersuchung gestellt, die im Ausland studierten und deren mitgebrachte Erfahrungen und Kontakte später in das Warschauer Berufsleben einflossen. Im Mittelpunkt stand die Frage des Kultur- und Wissenschaftstransfers, worunter Übertragungen, Übernahmen sowie Bewegungsprozesse zwischen Kontexten, die Transformation einschließen können, ebenso verstanden wurden wie Spiegelungseffekte und Mechanismen der gegenseitigen Beeinflussung. Dabei handelt es sich um multiplexe und dynamische Prozesse, innerhalb derer ständig Mehrfachkodierungen von personaler und kollektiver Identität in Abhängigkeit von Kontext bzw. Referenzrahmen stattfinden. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Phänomen des Transfers um soziale Prozesse handelt, die zwischen persönlichen Motivationen und strukturellen Bedingungsgefügen angesiedelt waren.

Ausgehend von anderen Untersuchungen zu Transferprozessen des 19. Jahrhunderts wurde die Vermutung aufgestellt, dass diese sich nicht vorrangig in nationalen Polaritäten abspielen, sondern ihnen bei aller Heterogenität von vornherein eine ‚europäische Dimension’ eingeschrieben ist. Als Agenten des Transfers standen die Studenten aus Warschau bzw. diejenigen im Zentrum, die im Ausland studierten und dann im Warschau des 19. Jahrhunderts ihren berufliches Umfeld bzw. ihren Lebensmittelpunkt hatten. Ihre Erfahrungs- und Sozialprofile, ihre Interaktionen und kulturellen bzw. wissenschaftlichen Produkte sind wesentliche Bestimmungsfaktoren im gesamten Prozess des Kulturtransfers. Dabei lassen sich einerseits ebenfalls mehrpolige komplexe Transfervorgänge feststellen, die häufig auch über eine „Mittlerstation“ laufen, andererseits spielen gleichfalls Phänomene eines negativen Kulturtransfers eine Rolle. Angestrebt wurde, ausgehend von der Warschauer Gesellschaft, auf verschiedensten Gebieten Verknüpfungen und Übergangserscheinungen zwischen Kulturbereichen nachzuweisen, die bisher aus diversen Gründen oder aufgrund anderer Perspektiven einander gegenüber gestellt wurden.

Im weiteren Kontext wurde überdies folgenden Fragen nachgegangen: Wie entwickelten sich die weit reichenden transnationalen freundschaftlichen Netzwerke bzw. transnationalen Interaktionen? Kam es zu gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten bzw. wie entwickelte sich „Wissenschaft“ als regulative Idee für akademisches Arbeiten? Welche interdisziplinären, internationalen, interreligiösen und interjüdischen Schnittstellen entwickelten sich, und welche Auswirkungen hatten neue Kommunikationswege auf die Wahl der Studienorte und die Zunahme der Studentenzahlen (hier besonders unter dem Blickwinkel der neuen Eisenbahnverbindungen)? Welche Nachhaltigkeitseffekte ergaben sich aus der transnationalen Kommunikation zwischen einzelnen Metropolen, einer evtl. „Nationalisierung“ während des Studiums sowie dem Wechselspiel von Internationalisierung und Nationalstaat? Die Untersuchung sollte auch das deutsch-polnische Verhältnis abbilden, Aufschluss über den Stellenwert des Deutschen im lokalen Sprachenpluralismus und als Wissenschaftssprache geben sowie Hinweise auf eventuelle verdichtete Beziehungen zwischen Berlin und Warschau für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts liefern.


Karsten Holste: Stadtpolitiken in der sächsisch-polnischen Union. Eine mikrogeschichtliche Untersuchung der polnischen Kronstadt Fraustadt in transnationaler Perspektive

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“
(1.10.2016–30.9.2017)

Das Projekt, das auf ein besseres Verständnis der widersprüchlichen Entwicklungen von polnischen Städten zwischen dem Ende des 17. und der Mitte des 18. Jahrhunderts abzielt, wurde im Rahmen eines Langzeitstipendiums durchgeführt. Am Beispiel der an der schlesischen Grenze gelegenen großpolnischen Kronstadt Fraustadt (Wschowa) wurde untersucht, wie sich politische Rahmenbedingungen, Migration und Elitenkonflikte auf die wirtschaftliche und demographische Entwicklung einer Stadt auswirkten. Der Fokus auf Fraustadt war durch die große Bedeutung der Stadt für die polnische Krone, durch ihre auf Tuch- und Leinenweberei beruhende wirtschaftliche Leistungskraft und durch ihre Grenzlage begründet. In Fraustadt trafen politische und rechtliche Strukturen Polen-Litauens auf wirtschaftliche und personelle Verbindungen nach Schlesien, katholische gegenreformatorische Bemühungen auf eine traditionsreiche, eng vernetzte lutherische Stadtgemeinde. König und Adel erhoben Herrschaftsansprüche gegenüber selbstbewussten städtischen Eliten, die ihrerseits König und Adel für ihre internen Konflikte zu instrumentalisieren suchten.


Jens Boysen: „Waffenbrüder“ im sowjetischen Glacis. Die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen als nationale Systemträger und Bündnispartner im späten Realsozialismus (1968–1990)

Teilprojekt im Forschungsbereich 4 „Gewalt und Fremdherrschaft im ‘Zeitalter der Extreme’“
(1.12.2010–31.12.2016)


Gegenstand der Arbeit war eine vergleichende Betrachtung der Rolle, welche die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen im politischen Gesamtsystem ihres jeweiligen Staates in den 1980er Jahren gespielt haben, als die kommunistische Herrschaft in Polen bereits von mehreren Seiten her – nicht zuletzt auch aus der herrschenden Partei PVAP heraus – unterminiert war und nur durch die unmittelbare Machtübernahme durch ein zivilmilitärisches Regime im Dezember 1981 auf einige Zeit noch halbwegs aufrechterhalten werden konnte. Angesichts der destabilisierenden Wirkung, die diese Entwicklung – wie es von der SED-Führung klar gesehen wurde – langfristig auf das gesamte „sozialistische Lager“ haben musste, und der vollständigen Abhängigkeit der DDR von dessen Existenz führten in den 1980er Jahren zu einer immer konservativeren Politik der SED im Innern und zugleich zu einem zunehmenden außenpolitischen Aktionismus, wobei die DDR-Führung zwischen (mindestens) drei aus ihrer Sicht letztlich unberechenbaren Partnern lavieren musste: dem „ideologisch unzuverlässigen“ Polen, der Bundesrepublik als dem offiziell gehassten Klassenfeind und zugleich faktischen ökonomischen Garanten der DDR sowie der Sowjetunion als ihrem politisch-militärischen Garanten, der aber unter Gorbačev die gemeinsame ideologische und geopolitische Basis schrittweise zu verlassen begann.

Die Einstellung bzw. das Verhalten der Armeen, d.h. vor allem der eng an die jeweils herrschende Partei angebundenen Offizierskorps, war hier besonders interessant, da es in den frühen 1980er Jahren ein letztes Mal zu einem verschärften Wettrüsten kam, das eine gesteigerte innere Militarisierung zur Folge hatte. Auch der Umstand, das in Polen unter General Jaruzelski die Armee mehrere Jahre lang direkt und – trotz des formal weiterbestehenden „realen Sozialismus“ – unter Berufung auf ältere nationale Traditionen innenpolitische Macht ausübte, war als Besonderheit zu untersuchen. Dagegen konnte bzw. wollte die DDR  seit den 1970er Jahren auf eine solche nationale Begründung nicht mehr zurückgreifen und benötigte daher – als einziger KSZE-Staat – die Systemkonfrontation als legitimatorisches Motiv. Trotz aller Unterschiede waren die Offizierskorps des Warschauer Pakts ähnlich sozialisiert und kooperierten jahrzehntelang. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass die Sowjetunion im Rahmen ihrer jeweils aktuellen Sicherheitsinteressen den „Satellitenstaaten“ durchaus Freiräume beließ, wie auch die Tatsache, dass die Armee – im Unterschied zu den diversen paramilitärischen Truppen – in der DDR wie auch in Polen die Oppositionsbewegung letztlich nicht gewaltsam zu ersticken suchte.

Die Arbeit sollte daher drei Dimensionen berücksichtigen: die jeweiligen zivil-militärischen Beziehungen im Innern, das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten zueinander bzw. zur Sowjetunion innerhalb des erodierenden Warschauer Pakts sowie die Bedeutung nationaler militärischer Traditionen bzw. anderer normativer Faktoren für die Bestimmung der eigenen gesellschaftlichen Position der Armeen.


Urszula Zachara-Związek: The Habsburg Wives of Sigismund Augustus. Marrying Cultures – Clashing Cultures

Teilprojekt im Forschungsbereich 2 „Religion, Politik und Wirtschaft im vormodernen Polen“
(1.1.2014–31.12.2016)


Das Thema wurde im Rahmen des HERA-Projekts „Marrying Cultures. Queens Consort and European Identities 1500–1800“ realisiert. Sein Ziel war die Rekonstruktion der verschiedenen Aspekte des Kulturaustauschs, welcher mit den Ehen des polnischen Königs Sigismund August mit den habsburgischen Schwestern Elisabeth (Ehe von 1543 bis 1545) und Katharina (Ehe von 1553 bis 1572) verbunden war.

Als zentrale Frage wurde untersucht, ob bzw. welche kulturellen Neuerungen am königlichen Hof in Polen die Ehen des Königs Sigismund August mit den Erzherzoginnen mit sich brachten. Umfang und Bedeutung dieser Neuerungen wurden in Bezug auf höfisches Zeremoniell, Organisation des Hofes, Religion, Literatur, Musik usw. hinterfragt. In welchen Bereichen waren Innovationen möglich, in welchen waren nicht, und warum war das so? Darüber hinaus war zu untersuchen, in welchen Richtungen der Kulturaustausch ablief. Übernahmen die Habsburgerinnen auch Muster, die sie am jagiellonischen Hofe antrafen?

Ausgangspunkt der Forschungen war der Versuch, die Umgebung, in welcher die zukünftigen Ehepartner aufwuchsen, zu charakterisieren und das „kulturelle Kapital“ der Beteiligten herauszuarbeiten. Eine wichtige Frage war, inwieweit man für die Mitte des 16. Jahrhunderts von einer „Kultur der Habsburger“ und einer „Kultur der Jagiellonen“ sprechen kann. Natürlich waren dies keine homogenen, genau definierten Gebilde, doch lassen sich einzelne ihrer Elemente, etwa die Wahrnehmung der Rolle einer Königin und die Art und Weise der Umsetzung dieser Rolle, vergleichen. Damit verbunden war die Frage, inwiefern das Handeln einer Königin aus dem ihr aufgezwungenen Rahmen resultierte und inwiefern individuelle Eigenschaften es ihr ermöglichten, diesen Rahmen zu überschreiten.

Besonders ergiebig bei der Erforschung dieser Fragestellung war der Vergleich von Auftreten und Rolle der beiden Erzherzoginnen am jagiellonischen Hofe, leiblicher Schwestern, welche Gemahlinnen desselben Königs waren, wenngleich sich die Umstände der Eheschließungen unterschieden. Zum Zeitpunkt der Heirat mit Elisabeth war Sigismund August zwar bereits zum König gewählt, doch regierte er bis zum Tode seines Vaters nur in Litauen (seit 1544). Bei der Eheschließung mit Katharina war Sigismund August dann schon alleiniger Herrscher. Für Erzherzogin Katharina war es die zweite Ehe, zu berücksichtigen ist der Einfluss ihrer ersten, wenn auch kurzen Ehe mit Herzog Francesco III. Gonzaga von Mantua. Dennoch bot ein Vergleich der Rolle und des Agierens beider Königsgemahlinnen die Chance, Regelmäßigkeiten herauszuarbeiten und theoretische Modelle des Kulturtransfers auf sie anzuwenden.


Iwona Dadej: Geschlechterordnung in polnischen wissenschaftlichen Strukturen 1890–1952. Veränderungen, Kontinuitäten und Brüche

Teilprojekt im Forschungsbereich 4 „Gewalt und Fremdherrschaft im ‘Zeitalter der Extreme’“
(1.1.–31.12.2016)


Das Projekt, dem sich die Bearbeiterin als Langzeitgastforscherin widmete, trug ursprünglich den Titel „Ideelle Gemeinschaften zwischen utopischen Entwürfen und radikalen Projekten. Streifzüge durch reformerisches Gedankengut im polnischen Kontext, 1880–1965“ und befasste sich in seiner Anfangsphase mit utopischen Gedanken und Vorstellungen in Künstler- und akademischen Kreisen des polnischen Exils. Im Zentrum standen dabei zunächst radikale Gedankenexperimente von Vertretern dieser Kreise, die sich aus deren gesellschaftlichen Erfahrungen speisten und eine Plattform für zukunftsorientierte Vorstellungen und gegenwartskritisches Handeln bildeten. Diese Fragen sollten mittels der zwei zentralen analytischen Kategorien Nation und Geschlecht untersucht und die Wege des Transfers vom transnationalen zum partikularen Kontext nachgezeichnet werden.

In der ersten Jahreshälfte 2016 wurde die Konzeption des Projekts im Zuge der Bewerbung um Fördermittel beim Nationalen Wissenschaftszentrum (Narodowe Centrum Nauki) erweitert. Das erweiterte Projekt „Geschlechterordnung in polnischen wissenschaftlichen Strukturen 1890–1952. Veränderungen, Kontinuitäten und Brüche“ wurde bewilligt. Dank der zugesagten Finanzierung wird die Bearbeiterin die Arbeit am Projekt im Rahmen des dreijährigen Programms FUGA 5 ab dem 1. Januar 2017 am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften (IH PAN) fortsetzen.

Bei dem bewilligten Projekt geht es primär darum, die Beschäftigung polnischer wissenschaftlicher Strukturen und Denkkollektive mit Fragen des Geschlechterverhältnisses in der Langzeitperspektive – von den Anfängen bis zur Gründung der Polnischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1952 – zu untersuchen. Das Projekt baut zum Teil auf der ursprünglichen Idee auf, die utopischen Vorstellungen von Geschlechterordnung um 1900 und die damals entworfenen Zukunftsvisionen im Bereich der Geschlechterverhältnisse zu untersuchen. Daher werden auch die theoretischen Konzepte und Perspektiven übernommen, darunter die Untersuchung der utopischen Gedankenexperimente zu einer künftigen Geschlechterordnung in akademischen Kreisen. Analysiert werden u.a. die Wege des Transfers und der „Übersetzung“ der reformerischen Gedanken in den polnischen Kontext. Hierbei geht es um Zukunftsvisionen und radikale Manifeste, die Bilder von Frauen als wissenschaftlich kreative und produktive Protagonistinnen entwarfen, welche dadurch die Modernisierung der Gesellschaft mitgestalten (Mary E. Bradley, Meta von Salis-Marschlins). Der Wissenschaftsbetrieb kann als ein Ort beschrieben werden, der auch als Labor diente, in dem sich die Fortentwicklung der Geschlechterbeziehungen (zunehmende Präsenz von Frauen an Universitäten, Veränderung ihrer Stellung in Hierarchien und ihrer gesellschaftlichen Position) manifestierte. In dem Projekt werden allgemeine Konzepte der historischen Geschlechterforschung (wie Karin Hausens Thesen zur Geschlechterordnung) ebenso angewendet wie theoretische Zugänge und Konzepte der Wissenschaftsforschung (Theresa Wobbe, Margaret W. Rossiter, Londa Schebinger) und die empirisch fundierten Arbeiten deutscher Forscherinnen wie Petra Hoffman und Annette Vogt.

21
Nov
Kolloquium
Mikołaj Kunicki (University of Oxford, Great Britain)
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