Nationale Identität und transnationale Verflechtung


Einleitung

Nachdem der Nationalstaat lange Zeit bevorzugter Gegenstand der Geschichtswissenschaft war, nimmt die historische Forschung im Zuge ihrer Entgrenzung stärker die Bedeutung grenzübergreifender Verflechtungen, Wahrnehmungen und Transfers in den Blick. Dabei zeigt sich, dass die Intensivierung transnationaler Kontakte und Interdependenzen ein Phänomen ist, das nicht erst mit der sogenannten „Globalisierung“ einsetzt, sondern dessen Ursprünge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Die Entstehung moderner Kommunikations- und Verkehrsmittel, aber auch das Aufkommen von Wissenssystemen oder politischen Ideologien mit universellem Anspruch bewirkten, das eine bis dahin nicht gekannte Steigerung der Mobilität, eine Verdichtung grenzübergreifender Netzwerke sowie eine Intensivierung interkultureller Wahrnehmungen und Transfers zu einem Charakteristikum des 19. und 20. Jahrhunderts wurden.

Diese Verdichtung grenzübergreifender Kontakte hat zu dem paradoxen Ergebnis geführt, dass es mit der Ausbreitung des „Projekts der Moderne“ (Shmuel N. Eisenstadt) zwar zu einer internationalen Angleichung kam, die sich von Formen der politischen und sozialen Organisation bis hin zu individuellen Lebensstilen erstreckt. Gleichzeitig wurden die Ideen und Institutionen der Moderne jedoch immer auch in partikulare Kontexte integriert und verstärkten damit das Gefühl kultureller Differenz. Am deutlichsten wird dieses Spannungsverhältnis an der Ausbreitung des Nationalstaats: Einerseits wurde dadurch einer bestimmten Form der politischen Organisation zur weltweiten Dominanz verholfen; andererseits geriet aber gerade der Nationalstaat zu einer der wichtigsten Ausdrucksformen partikularer Identität. Nirgends zeigt sich dieses Spannungsverhältnis zwischen internationaler Angleichung und nationaler Differenzierung in der Folge transnationaler Verflechtungen deutlicher als in Ostmitteleuropa: Ein Charakteristikum dieser Region ist, dass sie über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhundert in imperiale Herrschaftsverbände integriert war. Weiter führte das für diesen Zeitraum charakteristische Wohlstands- und Liberalitätsgefälle zwischen West und Ost dazu, dass Phänomene wie Emigration und Exil zu wichtigen Faktoren aufstiegen. Im Zuge der durch diese Prozesse ausgelösten Transfers und Wahrnehmungen entwickelte sich ein Zugehörigkeitsgefühl zur westlichen Moderne zu einem wichtigen Bestandteil des Selbstverständnisses der Mehrzahl der ostmitteleuropäischen Gesellschaften. Gleichzeitig war jedoch gerade das 19. Jahrhundert der Zeitraum, in dem diese Gesellschaften ein gesteigertes Bewusstsein ihrer spezifischen soziokulturellen Identität herausbildeten.

Das Spannungsverhältnis von nationaler Identität und transnationaler Verflechtung steht daher im Zentrum des Forschungsbereichs III. Insbesondere soll untersucht werden wie Mobilität oder auch längerfristiges Exil zur Herausbildung von transnationalen Verflechtungen führten. Die Untersuchung der dadurch ausgelösten Kulturtransfers soll einerseits Aufschluss über die Entwicklung eines nationalen Selbstverständnisses vor einem europäischen Hintergrund geben. Mit dieser Themenstellung soll ein Beitrag dazu geleistet werden, eine zentrale Frage der Geschichte Polens und Ostmitteleuropas aus einer nationalen Engführung herauszulösen, um sie im Kontext grenzübergreifender Wirkungszusammenhänge zu betrachten. Andererseits zielt diese Themenstellung auch darauf ab, mit spezifischer regionalhistorischer Fachkompetenz auf unterschiedliche Weise in die „allgemeine“ Geschichte hineinzuwirken. So stellt sich etwa die Frage, inwieweit das westliche „Zentrum“ von der östlichen „Peripherie“ zur Selbstdefinition herausgefordert wurde, als ostmitteleuropäische Exilanten und Wissenschaftler  ihre Zugehörigkeit zur westlichen Moderne behaupteten. Darüber hinaus war die Verdichtung grenzübergreifender Kontakte im 19. Jahrhundert ein Phänomen von internationaler Bedeutung, so dass sich auch überregionale Vergleichsmöglichkeiten bieten. Schließlich bietet historische Polen- und Ostmitteleuropaforschung, die grenzübergreifende Verflechtung untersucht, auch Möglichkeiten, die Reichweite und Tragfähigkeit wichtiger Forschungsansätze transnationaler Geschichtswissenschaft zu prüfen.


Teilprojekt 1

Studium im Europa des 19. Jahrhunderts. Wechselwirkungen zwischen transnationaler Verflechtung und nationaler Identität

Bearbeiterin: Ruth Leiserowitz

Warschau, das nach dem Novemberaufstand (1830/31) zum nationalen Zentrum Polens wurde und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer rasch wachsenden Metropole entwickelte, wies höchst unterschiedliche kulturelle Fixpunkte auf. Einerseits waren die Verbindungen nach Paris und Brüssel, zu den Zentren der großen Emigration überaus stark. Andererseits waren Stadt und Region administrativ seit 1831 Russland zugeordnet, nach 1863 als Weichselprovinz in das Zarenreich eingegliedert. Somit unterlagen sie kulturellen Orientierungen aus St. Petersburg. Hinzu kamen Impulse aus Verbindungen, die  Warschauer Bürger mit Einwohnern anderer Städte der übrigen polnischen Teilungsgebiete, insbesondere  in Posen, Krakau oder Lemberg unterhielten. Daraus ergab sich bereits eine breite Palette von Möglichkeiten kultureller Kontakte. Welche präferierten die polnischen Bewohner, welche bevorzugten die Juden der Stadt, wie verorteten sich Einwohner dritter Herkunft? Bereits ein erster Blick auf akademische Biografien Warschauer Bürger des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die kulturellen Kontakte weit über die französischen, russischen und polnischen Bezüge  hinaus reichten, das Wissen und kulturelle Inhalte auch aus anderen Räumen und über kulturelle Grenzen hinweg einströmten. Die akademische Jugend studierte mangels eigener nationaler Bildungsstätten bzw. deren unzureichender Situation im gesamten europäischen Ausland und brachte von dort  vielfältige Erfahrungen und Eindrücke mit. Die Intelligenz der Stadt pflegte das gesamte Jahrhundert hindurch transnationale Kulturformen und knüpfte transterritoriale Netzwerke, über die zahlreiche Ideen und Inhalte transferiert wurden. So konnte Warschau zu einer wichtigen Stadt im europäischen Kulturkontext werden. Diese europäische Verortung und Vernetzung in den Bereichen Kultur und Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert entstand und im übrigen auch Fundamente für politische  Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bildete, ist als Phänomen bisher wenig beachtet und erforscht worden.
 
Ziel des skizzierten Forschungsprojektes ist es daher, europäische Verortungen von Warschauern in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht für das 19. Jahrhundert zu dokumentieren, Kultur- und Wissenschaftstransfer nachzuzeichnen sowie deren Einflüsse auf die diversen Diskurse in der Gesellschaft sowie auf Innovationen aufzuzeigen, wobei Schnittstellen zwischen polnischen und jüdischen Milieus und deren Aspirationen ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen. Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass sich durch die Prozesse von europäischen Verortungen und Vernetzungen sowie durch den Transfer von Kultur und Wissenschaft dichte Verflechtungen im kontinentalen Raum entwickelten, die u. a. auch zahlreiche Wechselwirkungen mit den nationalen Identitäten der Warschauer hervorriefen.

Als Akteursgruppe der kulturell-wissenschaftlichen Landschaft werden die Warschauer Bürger der Jahrgänge 1770–1870 in den Fokus der Untersuchung gestellt, die im Ausland studierten und deren mitgebrachte Erfahrungen und Kontakte später in das Warschauer Berufsleben einflossen. Im Mittelpunkt steht die Frage des Kultur- und Wissenschaftstransfers, worunter Übertragungen, Übernahmen sowie Bewegungsprozesse zwischen Kontexten, die Transformation einschließen können, verstanden werden wie auch Spiegelungseffekte und Mechanismen der gegenseitigen Beeinflussung. Dabei handelt es sich um multiplexe und dynamische Prozesse, innerhalb derer ständig Mehrfachkodierungen von personaler und kollektiver Identität in Abhängigkeit von Kontext bzw. Referenzrahmen stattfinden. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Phänomen des Transfers um soziale Prozesse handelt, die zwischen persönlichen Motivationen und strukturellen Bedingungsgefügen angesiedelt waren.

Ausgehend von anderen Untersuchungen zu Transferprozessen des 19. Jahrhunderts kann hier die Vermutung aufgestellt werden, dass diese sich nicht vorrangig  in nationalen Polaritäten abspielen, sondern ihnen  bei aller Heterogenität von vornherein eine ‚europäische Dimension’ eingeschrieben ist. Als Agenten des Transfers stehen die Studenten aus Warschau bzw. diejenigen, die im Ausland studierten und dann im Warschau des 19. Jahrhunderts ihren berufliches Umfeld bzw. ihren Lebensmittelpunkt hatten. Ihre Erfahrungs- und Sozialprofile, ihre Interaktionen und kulturellen bzw. wissenschaftlichen Produkte sind wesentliche Bestimmungsfaktor im gesamten Prozess des Kulturtransfers. Dabei lassen sich einerseits ebenfalls mehrpolige komplexe Transfervorgänge feststellen, die häufig auch über eine „Mittlerstation“ laufen, andererseits spielen gleichfalls Phänomene eines negativen Kulturtransfers’ eine Rolle. Angestrebt wird, ausgehend von der Warschauer Gesellschaft, auf verschiedensten Gebieten Verknüpfungen und Übergangserscheinungen zwischen Kulturbereichen nachzuweisen, die bisher aus diversen Gründen oder aufgrund anderer Perspektiven einander gegenüber gestellt wurden).   
 
Im weiteren Kontext sollen überdies folgenden Fragen nachgegangen werden: wie entwickelten sich die weit reichenden transnationalen freundschaftlichen Netzwerke bzw. transnationalen Interaktionen? Kam es zu gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten bzw. wie entwickelte sich „Wissenschaft“ als regulative Idee für akademisches Arbeiten? Welche interdisziplinären, internationalen, interreligiösen und interjüdischen Schnittstellen entwickelten sich und welche Auswirkungen hatten neue Kommunikationswege auf die Wahl der Studienorte und die Zunahme der Studentenzahlen (hier besonders unter dem Blickwinkel der neuen Eisenbahnverbindungen)? Welche Nachhaltigkeitseffekte ergaben sich aus der transnationalen Kommunikation zwischen einzelnen Metropolen, einer evtl. „Nationalisierung“ während des Studiums sowie dem Wechselspiel von Internationalisierung und Nationalstaat? Von Interesse sind ferner jene Segmente der Untersuchung, die das deutsch-polnische Verhältnis abbilden und die unter anderem Aufschluss über den Stellenwert des Deutschen im lokalen Sprachenpluralismus und als Wissenschaftssprache geben sowie Hinweise auf eventuelle verdichtete Beziehungen zwischen Berlin und Warschau für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.


Teilprojekt 2

Panoptikum. Die Geschichte des Strafvollzugs im geteilten Polen-Litauen

Bearbeiter: Felix Ackermann

Im Fokus dieses Forschungsvorhabens steht der Transfer von Praktiken kultureller, religiöser und politischer Differenzierung im Gefängnis. Das Projekt untersucht diese anhand der Anwendung neuer Strafgesetze in preußischen, russländischen und Habsburger Gefängnissen auf dem Gebiet des geteilten Polen-Litauen. Dabei werden zwei Entwicklungslinien der untergegangenen Rzeczpospolita zusammengeführt. Einerseits bestraften die drei Teilungsmächte Vertreter bestimmter sozialer Gruppen für ihre kulturellen, religiösen und politischen Aktivitäten zur Wiederherstellung der staatlichen Souveränität. Andererseits setzte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in ganz Europa die Vorstellung von einem neuen, humaneren und effizienteren Strafvollzug durch. Der Widerspruch beider Linien wird aufgezeigt, indem das Projekt anhand der (in Städten gelegenen) Strafanstalten Ideen-, Rechts- und Alltagsgeschichte zusammenführt. Diese werden in eine globale Geschichte des Bestrafens eingefügt.

Mittels des „wandernden Konzepts“ (Stanziani 2009) des Panoptikums soll das Projekt aufzeigen, wie die Rezeption von Ideen, Wissen und Praktiken nicht allein von West nach Ost verlief. Es untersucht, wie die Grundidee des durch Michel Foucault bekannt gewordenen Prinzips der zirkular angelegten Überwachung von Gefangenen im Osten der geteilten Rzeczpospolita entdeckt wurde. Von dort gelangte die Idee der zirkular angeordneten Disziplinierung durch Jeremy Bentham in den Westen des Kontinents und nach Amerika, bevor sie in Form der Architektur moderner Gefängnisse wieder nach Westeuropa diffundierte und kurze Zeit später nach Mittel- und Osteuropa „zurückkehrte“. Mit dem Nachzeichnen dieses ideen- und architekturgeschichtlichen Transfers fügt das Forschungsprojekt Polen und Litauen in den Kontext einer globalen Wissensgeschichte ein. Als Ergebnis des beschriebenen Prozesses entstanden von den 1880er Jahren an im preußischen und im russischen Teilungsgebiet Polen-Litauens moderne Gefängniskomplexe wie die Festungsanlage in der großpolnischen Stadt Wronke oder das 1904 fertig gestellte Łukiszki-Gefängnis im litauischen Wilna.

Mit Hilfe eines kulturwissenschaftlichen Zugangs werden diese Gefängnisse nicht nur als gebaute Ideen analysiert. Ins Zentrum der Betrachtung rückt die alltägliche Handhabung des Strafvollzugs durch die Teilungsmächte sowie ihre Wahrnehmung durch die Insassen sowie die Bevölkerung außerhalb der Gefängnismauern. Dabei wird auf vielfältige Widersprüche zwischen den Idealen der Reformbewegung und den Haftbedingungen sowie Folgen der Haft für die Häftlinge eingegangen. Zentrale Kategorien zur Analyse dieser sozialen Räume sind Arbeit und Religion.

Die Geschichte des Strafvollzugs im geteilten Polen-Litauen soll konsequent als histoire croisée auf mehreren Ebenen geschrieben werden: Erstens als Geschichte des ideengeschichtlicher Transfers von Vorstellungen über die Funktion von Strafen in drei unterschiedlichen Imperien, zweitens als Geschichte der administrativ-politischen Kooperation der Teilungsmächte bei der Verfolgung ihrer Gegner und drittens als verwobene Geschichte ganz unterschiedlicher Nationsbildungen ohne eigene staatliche Strukturen. Eine besondere Herausforderung des Projekts besteht darin, auf den etablierten Forschungen zur Transfergeschichte des polnischen Adels in den drei Teilungsgebieten aufzubauen und die Gefängnisse als heterotopische Orte zu lesen, in denen nicht nur Angehörige der Adelsnation inhaftiert wurden, sondern auch andere Schichten der polnischen und litauischen Gesellschaft sowie Angehörige moderner Nationen, die erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in Abgrenzung zu Polen entstanden.

Mit Methoden der Historischen Stadtanthropologie werden über Wronke und Wilna hinaus weitere Gefängnisse in Minsk und Lemberg als Mikrokosmen dieser Entwicklung untersucht. Dazu wird eine Vielzahl von Primärquellen herangezogen, die über die administrative Korrespondenz zu Fragen des Strafvollzugs hinaus Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel, Biographien sowie zeitgenössische Abhandlungen umfassen.

23
Aug
Kolloquium
Sofiya Grachova (Zentrum für Holocaust-Studien, München)
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