Regionalität und Regionsbildung


Einleitung

Regionalismus ist ein integraler Bestandteil kultureller Entwicklungen der europäischen Geschichte, auch wenn es sich um eine häufig vernachlässigte oder gering geschätzte Sichtweise handelt. In den letzten Jahrzehnten kann eine zunehmende Bedeutung regionaler Forschungsperspektiven beobachtet werden.

Zum einen werden diese heuristisch benutzt, um den wirtschaftlichen, sozialen und  strukturellen Wandel zu analysieren. Dabei steht der Ansatz im Vordergrund,  neben nationalen und staatlichen auch andere Kategorien zu fokussieren. Der Blick auf die Region gestattet größere Präzision besonders hinsichtlich lokaler und zeitlicher Dimensionen und  ermöglicht infolgedessen eine genauere Nachzeichnung und Analyse der beobachteten Entwicklungen. Daraus ergeben sich neue Impulse auch für den historischen Vergleich.

Zum anderen ermöglicht diese Perspektive eine historische Analyse regionaler Kategorien sowohl im strukturellen als auch im diskursiven Kontext. In der bisherigen Forschung stand vor allem der Zusammenhang mit der Nationsbildung, mit reduzierender Fokussierung auf den Regionalismus als angeblichen Vorgänger oder aber als Konkurrent zum Nationalismus, im Vordergrund. Zuletzt entstanden zahlreiche Studien zu regionalen Identitäten und Bewegungen, deren Ziel es ist, Alternativen zur Schwerpunktsetzung der historischen Identitätsforschung auf die Nation aufzuzeigen.

Der Forschungsbereich „Regionalität und Regionsbildung“ knüpft an diese Impulse an, geht aber über den bisherigen Forschungshorizont hinaus. Die Region ist Teil eines Ganzen und somit einer (oder mehreren) anderen, übergeordneten Größe(n) räumlich und funktional untergeordnet. So erlaubt die Anwendung von regionalen Kategorien die Auseinandersetzung mit  Prozessen von Assimilierung und Ausdifferenzierung als „dialektische Einheit“. Das Thema ist in  kulturellen sowie politischen Diskursen der Gegenwart präsent und gewinnt infolgedessen gesellschaftliche Relevanz.

Beschreiben lassen sich Regionen durch kognitive Karten, funktionale oder kulturelle Handlungsräume bzw. durch sozioökonomisches Potential. Einerseits bieten sich komparative Analysen an, andererseits spielen auch  Wechselwirkungen und Verflechtungen  zwischen den Entitäten eine Rolle. Regionalitäten bilden daher funktional variable Konfigurationen, die im historischen Wandel untersucht werden sollen.

Die Region wird in allen Teilprojekten als Gegenstand von Diskursen und sozialer Praxis betrachtet. Deshalb werden Fragen der strukturellen Regionalisierungsprozesse einerseits und der Regionalismusdiskurse andererseits in den Vordergrund gestellt: Welche Regionalitäten formieren sich in welchem Kontext, mit welchem Bezug auf welche „übergeordneten“ Entitäten? Welche regionalen Strukturen entstehen und welche Regionen werden – im diskursiven Sinne – „gedacht“? Wer sind die Akteure der Regionsbildung? Wie äußern sich Eigen- und Fremdwahrnehmungen von Region? Welchem historischen und funktionalen Wandel unterliegen diese Figurationen? Welche Legitimationskraft besitzen sie in Vergangenheit und Gegenwart?

Durch ihre historische Entwicklung in allen Perioden vom Mittelalter bis zur Gegenwart bilden  Ostmittel- und Südosteuropa den idealen Untersuchungsraum für überregionale Vergleiche. Diese Potentiale sollen in den einzelnen Vorhaben für die Zeit vom 16.-20. Jahrhundert genutzt werden. Vor dem Hintergrund eines solchen allgemeinen Fragenkatalogs öffnet sich die Thematik für inter- und transdisziplinäre Zugänge. Dies betrifft – auch mit Rücksicht auf die aktuelle Forschungsrelevanz in den betreffenden Fächern – neben Geschichte vor allem Humangeographie, Geopolitik, Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Ethnologie, Soziologie und Sozialgeschichte sowie Wirtschaftswissenschaft.


Teilprojekt 1

Adlige Identitäten und Repräsentationskulturen im Königlichen Preußen des 17. und 18. Jahrhunderts

Bearbeiterin: Sabine Jagodzinski

Für den Adelsstand der Frühen Neuzeit war die repräsentative Darstellung seiner Identität im Sinne der Verortung von Person und Geschlecht sowie ihrer Bedeutung und Loyalität existentiell, in der Region des Königlichen Preußen jedoch nicht ganz einfach. Dieser wird während der Inkorporation unter die polnische Krone (1454–1772) von der historischen Forschung eine gewisse Autonomie und ein daraus resultierendes Landesbewusstsein bescheinigt. Das Königliche Preußen war wirtschaftlich heterogen, mehrsprachig, mehrkonfessionell, ständisch und städtisch sowie von einer wechselvollen Konfliktgeschichte geprägt. Man kann also auch regionsintern von sich überlappenden regionalen Bezugskategorien sprechen. Einerseits waren die Adligen eine Elite, die – in Konkurrenz oder Zusammenwirken mit städtischen Eliten in Danzig (Gdańsk), Elbing (Elbląg) und Thorn (Toruń) – auf ihre materielle wie rechtliche Absicherung bedacht war. Prestigeerhöhung und genealogische wie repräsentative „Öffentlichkeitsarbeit“ waren dazu von grundsätzlicher Bedeutung. Andererseits gab es innerhalb ihrer Gruppe wirtschaftliche, konfessionelle sowie politisch bedingte Unterschiede.

Umso wichtiger sind in dieser Hinsicht die Fragen des Forschungsbereichs nach Ausdifferenzierungen, Integration und Abgrenzung für das Selbstverständnis und die Repräsentationskulturen der adligen Geschlechter. Zeigte sich im Königlichen Preußen eine adlige „Regionalidentität“ oder ein „Kosmos regionaler Identitäten“ (Bömelburg) in visuellen, materiellen oder performativen Repräsentationsmaßnahmen? Und wenn ja, wie funktionierten sie? Welcher Mittel künstlerisch-materieller Kultur bedienten sich Magnaten und wohlhabende Szlachta, um ein gedachtes oder reales, regionales oder überregionales adliges Bewusstsein darzustellen? An welche Traditionen und Erfahrungen knüpften die Geschlechter dabei an?

Diese Fragen für die Region des „anderen Preußen“ (Friedrich) sind mit dem Potential und den Quellen der Kunst- und Kulturwissenschaft zu klären. Bislang konzentrierten sich kunsthistorische Arbeiten zu der Region auf das künstlerische Schaffen für die Städte, Bürger, Kirchen, den Hof oder den Deutschen Orden. Für den Adel und sein künstlerisch-mäzenatisches Wirken sowie die gegenseitige Beeinflussung von Bürgern und Adligen auf diesem Gebiet hingegen bestehen noch große Lücken. Zweifelsohne liegt das in Teilen an der wenig komfortablen Quellenlage, da die Adelssitze mitsamt ihren Interieurs auseinandergerissen oder zerstört wurden. Untersucht werden sollen deshalb Werke der bildenden wie angewandten Künste und der Architektur, die die religiösen, memorialen und repräsentativen Denk- und Funktionsräume der einflussreichen Adelsgeschlechter prägten. Dazu gehören Adelssitze mit ihrer künstlerischen Ausstattung, Kirchen, Grabmäler, Stiftungen, Sammlungen usw. Betrachtet werden die Objekte selbst oder – im Falle ihres Verlustes – die Spuren, die sie in Inventaren, Briefen oder Beschreibungen hinterlassen haben.

Aufgrund der medialen und entstehungsgeschichtlichen Vielfalt werden verschiedene methodische Zugänge kombiniert, so z.B. die Forschungen zu materieller Kultur und Kulturtransfer, Regionsbildungs- und Raumdiskursen mit ikonographischen, funktionsanalytischen, kunstsoziologischen und rezeptionsästhetischen Ansätzen. Bei der Untersuchung sind Faktoren wie die verzweigten Familienstrukturen des Adels, der starke städtische Einfluss und das Verhältnis zu anderen Regionen zu berücksichtigen. In einer transregionalen Perspektive sollen deshalb auch das benachbarte Herzogtum Preußen, die ähnlich strukturierte Lausitz während der sächsisch-polnischen Union oder Gebiete Kronpolens in den Blick genommen werden.


Teilprojekt 2

Podlachien und die Niederlausitz: Image und Verinnerlichung im kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Bearbeiterin: Aleksandra Kmak-Pamirska

Das Ziel des Projekts ist die Rekonstruktion des Images der Randregion aus der Außenperspektive. In einer vergleichenden Analyse werden zwei Randregionen im 19. Jahrhundert und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts untersucht: Podlachien und die Niederlausitz. Diese Räume werden – im Verhältnis zu anderen polnischen und deutschen Gebieten – sowohl in struktureller Hinsicht als auch hinsichtlich des gesellschaftlichen Bewusstseins der Einwohner – als Randregionen wahrgenommen. Beide Regionen wurden bei bisherigen regionalen Forschungen meist übergangen, da Regionen, die eine größere Rolle im gesellschaftlichen und historischen Bewusstsein spielten (z.B. Galizien, Pommerellen, Ober- und Niederschlesien), den Schwerpunkt bildeten. Die Fokussierung des Vorhabens auf Podlachien und die Niederlausitz schließt somit eine Lücke der Regionalforschung.

Das zentrale Forschungsproblem stellt die Erörterung des Images der Randregion dar, das von außen konstruiert wurde. Welches Image Podlachiens und der Niederlausitz wurde in den Zentralregionen geschaffen? Die Analyse berücksichtigt auch den Faktor Zeit, das heißt die Frage, wann die jeweilige Randregion größere Bedeutung für die Zentren erlangte und welche Rolle sie dabei spielte. Im Rahmen der Forschung wird versucht, die Nutzung historischer, kultureller und politischer Motive in den Zentralregionen für die Darstellung der Einheit von Zentrum und Peripherie sowie für die Verinnerlichung dieses Images in den Randregionen zu ergründen.

Eine wichtige Frage ist dabei die nach den Urhebern des Images von Podlachien und der Niederlausitz und ihren Beweggründen. Die Milieus, die die Entstehung des Images der Randregion aktiv beeinflussten, werden unter quantitativem und qualitativem Aspekt analysiert. Die Analyse beinhaltet die Faktoren Herkunft, gesellschaftlicher und beruflicher Stand sowie politische Aktivität. Daraus kann erschlossen werden, in welchem Maße das Image Podlachiens und der Niederlausitz von Bewohnern der zentralen Regionen geprägt wurde und wie stark daran aus Podlachien und der Niederlausitz stammende Personen beteiligt waren, die ihren Wohnort aufgaben, um einer Arbeit in den Zentralregionen  nachzugehen. Zudem werden die Milieus und Kontakte der Akteure, die das Image Podlachiens und der Niederlausitz prägten, betrachtet (z.B. Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Politiker).

Einen weiteren Analyseschwerpunkt stellen die Spezifika der Randregionen dar, die in der zentralen Sichtweise bewusst vernachlässigt wurden, das heißt der Teil der peripheren Regionalität, der sich im gesamtgesellschaftlichen kulturellen Diskurs nicht zur Assimilation eignete. In Bezug auf Podlachien betrifft dies z.B. das Konglomerat aus kulturellen Elementen litauischer, (bela-)russischer und tatarischer Tradition. Hinsichtlich der Niederlausitz geht es vor allem die niedersorbische Kultur.

Bei der vergleichenden Analyse der beiden untersuchten Randregionen zeigen sich zwischen ihnen viele Ähnlichkeiten auf den Ebenen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur (einschließlich Religion). Alle genannten Bereiche beeinflussen sich gegenseitig und lassen sich mit Hilfe eines Modells wechselseitiger Abhängigkeiten beschreiben. Dessen endgültige Ausarbeitung erfordert eine weitere Prüfung der Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie.  

Es sollen Antworten auf folgende Fragen gefunden werden:

  1. Welches Image der Randregionen (Podlachien und Niederlausitz) wurde in den Zentralregionen geschaffen?
  2. Wie konstituierten sich die Kategorien Region und Regionalität? Welche Aspekte der peripheren Regionalität wurden im zentralen Diskurs berücksichtigt und welche übergangen?
  3. Welche Milieus spielten eine aktive Rolle bei der Entstehung des Images der Randregionen? Aus welchen Milieus stammten die wichtigsten Akteure und welche Kontakte und Verbindungslinien lassen sich zwischen Zentrum und Peripherie identifizieren?
  4. Wann stand die Randregion im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Zentren?
  5. Auf welchem Fundament wurde eine eventuelle Einheit zwischen den Rand- und den zentralen Regionen gegründet? Welche historischen, kulturellen, sozialen und politischen Motive wurden in den Zentralregionen für die Darstellung der Einheit von Zentrum und Peripherie genutzt?
  6. Wurde das neue Image in den Randregionen internalisiert?

Teilprojekt 3

Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939

Bearbeiter: Maciej Górny

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Erdkunde eine neue Richtung, die mithilfe einer interdisziplinären Methodik, die auf Geographie, Ethnographie, Wirtschaftswissenschaft, Ethnopsychologie und Biologie basierte, eine Identifizierung und Analyse von Regionen und ihren Grenzen anstrebte. Neu war nicht nur die wissenschaftliche Methode, sondern auch eine weitgehende Nationalisierung des Faches. Unter dem Einfluss der zwei prominenten Wissenschaftler: Paul Vidal de la Blache und Friedrich Ratzel tendierten die Geographen immer mehr dazu, die geographischen Räume mit dem Nationalstaat in Verbindung zu setzen.

Der Erste Weltkrieg öffnete den Weg zur praktischen Umsetzung der neuen Raumkonzepte. Ratzels schwedischer Schüler Rudolf Kjellén interpretierte den Krieg als Kampf ums Überleben zwischen den als lebende Organismen aufgefassten Staaten. Aus dieser Perspektive wäre Deutschland wegen seiner zentralen Lage von allen Seiten angreifbar. Diese ungünstige Position konnte aber auch als ein Vorteil aufgefasst werden: Als die Chance auf eine dynamische Expansion, die man mit Umsiedlungen der undeutschen Zivilbevölkerung verbinden wollte. Ostmittel- und Südosteuropa spielten in dieser Weltanschauung eine besonders wichtige Rolle. Im Laufe des Krieges verzichteten die deutschen Geographen allerdings darauf, auf diesem Gebiet einzelne Regionen und Nationalitäten zu unterscheiden. Stattdessen erblickten sie dort die großen, von amorphen Menschenmassen bevölkerten Räume, die in ihren Augen im Grunde genommen eine auf den neuen Herrn wartende Einöde bildeten. Die ausgeprägte Politisierung der Erdkunde war während der Pariser Friedensgespräche 1918–1919 zu beobachten. Die Geographie erschien plötzlich als die Hüterin des Fachwissens, das die Zukunft der Welt mitgestaltet.

Ähnliche Ansätze wurden in den Nachkriegsarbeiten Karl Haushofers und der ganzen deutschen Geopolitik-Schule weiter entwickelt. Die Bedingung der geographischen Kohärenz einer Region sei, den deutschen Geographen zufolge, seine ökonomische Selbständigkeit und die Eintracht der Natur- und Kulturlandschaft. Diese Perspektive bedeutet u.a., dass man die Grenzlinien, die entlang der Flüsse und Bergketten verlaufen, als wissenschaftlich unbegründet ansah, weil sie die natürlichen Regionen durchschneiden und den Lebensraum ihrer Bewohner beeinträchtigen würden. Und die irrtümlich gezogenen Grenzen – so Haushofer – seien die Voraussetzung für die künftigen Kriege. Er bevorzugte die Grenzen, die sich auf biologischen Prämissen stützen: auf die Klima- oder Pflanzengeographie. Haushofer wiederholte immer wieder, dass sogar diese ‚natürlichen‘ Grenzen eigentlich keine Linien auf der Karte – oder in der Landschaft – sondern Kampfgebiete der Kulturen und Nationalitäten seien. Die auftretenden Diskrepanzen der Sprache(n) und Kultur(en) auf einem Gebiet verhinderten oft jegliche klare Gliederung des Raumes auf der Karte.

Obwohl die deutschsprachige Geographie bis in die zweite Hälfte des Ersten Weltkriegs die dominierende Stellung im Rahmen dieses Diskurses einnahm, wurde die wissenschaftliche Landschaft durch die rapide Entwicklung der politischen Gruppierungen der kleineren Staaten und Nationen Ostmittel- und Südosteuropas gründlich verändert. Die mit diesen Gruppierungen, bzw. den Agenden der Nationalstaaten zusammenarbeitenden Experten erwiesen sich in den Kriegsjahren zumindest als ebenbürtige Partner der deutschen Kollegen (die – was aus der gruppenbiographischen Sicht als eine besonders interessante Eigenschaft dieser Konkurrenz erscheint – oft ihre ehemaligen Lehrer waren). Dabei waren die Ostmittel- und Südosteuropäischen Autoren besonders erfolgreich in der Wissenschaft und in der wissenschaftlich fundierten Propaganda. Es ist ihnen gelungen, die räumliche Vorstellung der „gerechten Grenzen“ zu beeinflussen. In den wissenschaftspolitischen Schriften der Ostmittel- und Südosteuropäischen Experten spielten geographische Regionen eine wichtige Rolle. Ihre Identifizierung bzw. diskursive Abschaffung diente der nationalen Expansion, der Integration des eigenen Staates und zugleich der Desintegration der Nachbarstaaten. Aus der Spannung zwischen nationaler Perspektive der Wissenschaftler und regionaler Problematik ihrer Forschungen ergibt sich eine interessante transnationale Verflechtungsgeschichte.

In dem Projekt „Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939“ werde ich die wissenschaftlichen und politischen Schriften solcher Autoren wie u.a. des Polen Eugeniusz Romer, des Serben Jovan Cvijić, des Ukrainers Stepan Rudnyćkyj, der Deutschen Albrecht Penck, Karl Haushoffer, Max Friederichsen und Joseph Partsch, des Ungarn Pál Teleki, des Rumänen Grigore Antipa oder des Slowenen Anton Melik analysieren. Im Rahmen des Projektes möchte ich die diskursive Analyse der publizierten Schriften und Archivmaterialien mit der visuellen Analyse der Karten verbinden.


Teilprojekt 4

Regionale Differenzierung, Ethnizität und Geschichtskultur:
Kaschubei im 20. Jahrhundert


Bearbeiter: Miloš Řezník

Durch die Pluralisierung und Hybridisierung des Beziehungsgeflechts zwischen kollektiver Zugehörigkeit und persönlicher Identität nimmt in der aktuellen Forschung die Aufmerksamkeit für jene Identifikationsformen zu, die als Übergangs- oder Mischformen traditioneller Typen erscheinen. Vor diesem Hintergrund erfahren Untersuchungen zu europäischen Bewegungen zwischen Territorialität (Regionalität) und Ethnizität in verschiedenen Disziplinen eine deutliche Intensivierung: Aus ehemaligen Marginalfällen und Randerscheinungen werden Themen, an denen neue Potentiale der Erforschung von Identitäts- und Territorialdiskursen und entsprechenden Praktiken erarbeitet werden.

Das Projektvorhaben knüpft an die bisherige Forschung zu Territorialdiskursen und ethnisch-regionalen Bewegungen an und entwickelt sie weiter. Sein zentrales Thema bildet die „innere“ Regionalisierung und Differenzierung des Heimat- und Territorialdiskurses in der kaschubisch-pommerschen Bewegung und Kultur des 20. Jahrhunderts. Dadurch konzentriert sich die Forschung nicht auf die kaschubische ethnisch-sprachliche Bewegung im engeren Sinne, sondern sie bezieht deren stark regionalistische, über die Grenzen der ethnischen Gruppe hinaus offene Komponente mit ein. Gefragt wird danach, wie einzelne Teile und Orte im Kontext verschiedener Heimatvorstellungen ausdifferenziert werden: Welche strukturellen, geografischen, kulturellen und historischen Aspekte wurden zu einer Regionalisierung der Heimat benutzt, mit welchen Symbolen, Werten, Funktionen, Zeichen und sonstigen Konnotationen wurden sie in Verbindung gebracht und welche Identifikationsfunktionen übernahmen sie im Kontext des kaschubisch-pommerschen Diskurses? Wie wird ihre Entitativität begründet? Dabei stehen eher langfristigere Tendenzen im Vordergrund des Interesses.

Das Kernanliegen des Vorhabens wird mit der Perspektive der Geschichtskultur im weiteren Sinne kombiniert. Dabei wird gefragt, wie die diskursiven Regionalisierungsprozesse durch Geschichtsrezeption getragen und mitgestaltet wurden, wie also die „endogenen“ kaschubisch-pommerschen Regionalitäten durch den Geschichtsdiskurs untermauert wurden und in welchem identifikatorischen sowie funktionalen Bezugsrahmen sie als Regionalitäten verortet wurden.

Der chronologische Schwerpunkt liegt auf der Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts (Formierung der jungkaschubischen Bewegung) bis in die 1960er Jahre (neue Institutionalisierung und Übergang zur regionalistischen kaschubisch-pommerschen Formel), also über die Zäsuren von 1914/18 und 1939/45 hinweg, mit einem Ausblick auf die weiteren Dekaden des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Kaschubei, Pommerellen/Pommern und die Kaschuben gelten in dem Projekt als heuristischer und empirischer Konkretfall, an dem Fragen transregionaler und komparativer Forschung untersucht werden.


Teilprojekt 5

Eine ostmitteleuropäische Wirtschaftsregion als Handlungsbereich jüdischer Unternehmer im 18. Jahrhundert

Bearbeiterin: Maria Cieśla
 
Im Rahmen des Forschungsprojekts soll eine ostmitteleuropäische Wirtschaftsregion aus der Perspektive der Mitglieder der jüdischen Wirtschaftselite betrachtet werden. Die methodische Grundlage der Untersuchung bildet die Analyse der Netzwerke, welche von jüdischen Unternehmern gebildet wurden. So wird die Region als ein von Menschen konstituierter Handlungsraum verstanden. Zudem werden die jüdischen Netzwerke als Teil adeliger Klientelsysteme beschrieben.

Die Analyse der Rolle individueller Akteure ist besonders für die Geschichte der Juden relevant. In der bisherigen Forschung wurden die polnisch-litauischen Juden fast ausschließlich als eine anonyme gesellschaftliche Gruppe betrachtet. Wie Untersuchungen zur westlichen jüdischen Diaspora zeigen, eröffnet eine Einbeziehung der individuellen Perspektive der Forschung neue Zugänge zu Fragen im Zusammenhang mit der Rolle und den Funktionen, die die jüdische Bevölkerung innerhalb der christlichen Gesellschaft ausübte. Gleichzeitig erlaubt es die Herstellung eines Bezugs zum Klientelsystem der örtlichen Magnaten, die gesellschaftliche Stellung der Juden in der der polnisch-litauischen Adelsrepublik auf innovative Art und Weise zu beschreiben und bei der Darstellung ihres gesellschaftlichen Handeln über starre Standesgrenzen hinauszublicken.

Im Zentrum des Projekts stehen folgende Fragen: Wodurch wurden die Grenzen der von den jüdischen Unternehmern konstituierten Wirtschaftsregion bestimmt (Beziehung zu politischen Grenzen in der Region)? Welche Strategien benutzten diese Unternehmer, um persönliche Netzwerke aufzubauen? Welche ethnische und soziale Zusammensetzung hatten diese Netzwerke? Weist die Struktur dieser Netzwerke besondere regionale Charakteristika auf? Welche Rolle spielten die jüdischen Netzwerke innerhalb des adeligen Klientelsystems?

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Brüder Ickowicz, „Hofjuden“ der Familie Radziwiłł, Pächter der radziwillschen Güter und Kaufleute, die in den 30er bis 50er Jahren des 18. Jahrhunderts im Großfürstentum Litauen tätig waren. Die Brüder – zu jener Zeit die mächtigsten und reichsten Juden im Großfürstentum – waren bereits Gegenstand früherer Untersuchungen, doch wurden bislang weder ihr (regionaler) Aktionsraum noch ihre persönlichen Netzwerke analysiert. Die Quellenbasis der Untersuchung bilden die Korrespondenz und Geschäftspapiere der Brüder Szmojło und Gedal Ickowicz.


Teilprojekt 6

Projekt: Stadtpolitiken in der sächsisch-polnischen Union. Eine mikrogeschichtliche Untersuchung der polnischen Kronstadt Fraustadt in transnationaler Perspektive

Bearbeiter: Karsten Holste

Seit Oktober 2016 wird das Projekt, das auf ein besseres Verständnis der widersprüchlichen Entwicklungen von polnischen Städten zwischen Ende des 17. und Mitte des 18. Jahrhunderts abzielt, im Rahmen eines Langzeitstipendiums des Deutschen Historischen Instituts Warschau durchgeführt. Am Beispiel der an der schlesischen Grenze gelegenen großpolnischen Kronstadt Fraustadt (Wschowa) soll untersucht werden, wie sich politische Rahmenbedingungen, Migration und Elitenkonflikte auf die wirtschaftliche und demographische Entwicklung einer Stadt auswirkten. Der Fokus auf Fraustadt ist durch die große Bedeutung der Stadt für die polnische Krone, durch ihre auf Tuch- und Leinenweberei beruhende wirtschaftliche Leistungskraft und durch ihre Grenzlage begründet. In Fraustadt trafen politische und rechtliche Strukturen Polen-Litauens auf wirtschaftliche und personelle Verbindungen nach Schlesien, katholische gegenreformatorische Bemühungen auf eine traditionsreiche, eng vernetzte lutherische Stadtgemeinde. König und Adel erhoben Herrschaftsansprüche gegenüber selbstbewussten städtischen Eliten, die ihrerseits König und Adel für ihre internen Konflikte zu instrumentalisieren suchten.

28
Jun
Kolloquium
Klaus Dittrich (Institute of Education, Hong Kong)
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