Religion, Politik und Wirtschaft im vormodernen Polen


Einleitung

Das vormoderne Polen war ein regional, kulturell, ethnisch, konfessionell und ökonomisch stark diversifiziertes Gebilde, das in sozialer und kommunikativer Hinsicht zugleich ausgesprochen gering verdichtet war. Seit dem frühen Mittelalter erlebte es grundlegende Veränderungen, Innovationen, Modernisierungen, die aus Sicht der Eliten nicht zuletzt auf Reform und Erhalt der Herrschaft zielten. Während die führende Rolle des Adels innerhalb dieses Prozesses in der Forschung seit langem eingehend erörtert wird, erscheint ein potentiell wichtiger Faktor der Veränderungs- bzw. Modernisierungsprozesse noch relativ wenig thematisiert: Kirche, Religion und Wirtschaft. Über die Mobilisierungsimpulse und Modernisierungsschübe, die von der Kirchen- und Bekenntnispolitik, den kirchlich-konfessionellen Strukturen, den kontinental verflochtenen Eliten und Dynastien sowie intellektuellen und künstlerischen Zusammenhängen ausgegangen sind, wissen wir noch vergleichsweise wenig. Hierzu soll der Forschungsbereich mit Blick auf die Verdichtung von Herrschaft, Verwaltung und Wirtschaft im mittelalterlichen Polen und der Adelsrepublik neue Einsichten befördern. Im Mittelpunkt des Forschungsbereiches stehen die unmittelbaren Auswirkungen der Religion und Wirtschaft auf die Politik und deren zeitgenössische Erklärungsversuche. Einen Schwerpunkt bilden Fragen des interkonfessionellen und interreligiösen Kontakts, des Konfliktmanagements und der Mediation ebenso wie die Frage nach Monetarisierungen und Kommerzialisierungen im europäischen Kontext.


Teilprojekt 1

Religion und Politik in Mitteleuropa (mit besonderer Berücksichtigung Polen-Litauens) in der Frühen Neuzeit

Bearbeiterin: Almut Bues

Hauptprojekt: Religion und Politik in Mitteleuropa. Polen-Litauen und die römische Kurie in der Frühen Neuzeit

Die polnisch-litauische Rzeczpospolita stellte nach der Union von Lublin von 1569 eine der größten politischen Einheiten Europas dar, wurde jedoch von keiner (vom Zentrum ausgehenden) einheitlichen professionellen territorialen Verwaltung zusammengefasst. Die Weite des Territoriums brachte Schwierigkeiten in der Kommunikation mit sich, die Forscher wie Antoni Mączak immer wieder unterstrichen haben. Adlige Klientelsysteme, die informellen Machtsysteme Polen-Litauens in der frühen Neuzeit, funktionierten gut auf lokaler Ebene, sie konnten für die Gesamtheit der Rzeczpospolita fallweise mobilisiert werden, waren aber auf Dauer nicht effektiv. Die verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften wie Calvinisten, Antitrinitarier, Arianer, Mennoniten, Orthodoxe, Armenier, Muslime und Juden verfügten über ihre eigenen Netzwerke. Gleiches galt auch für deutsche, holländische oder schottische Minderheiten. Interdependenzen zwischen personalen Verflechtungen und „großer Politik“ waren in der Rzeczpospolita auch in der Kirchenpolitik gegeben. Rivalisierende regionale Einheiten und Ambivalenzen erschwerten für Außenstehende ein Zurechtfinden. Die Nuntien interpretierten ähnlich wie die kaiserlichen Gesandten die ihnen anfangs fremde polnische Realität äußerst persönlich und informell; hier spielte es eine große Rolle, wer wie vernetzt war, wobei Mehrfachbeziehungen möglich waren.

Noch zu wenig untersucht ist, inwieweit und wie die kirchlichen Strukturen in diese Geflechte hineinwirkten. Wolfgang Reinhard beschrieb die Kirche als Mobilitätskanal in der frühneuzeitlichen Gesellschaft; entsprechend ist nach der horizontalen und vertikalen Mobilität in Polen zu fragen. Die kirchlichen Kontakte gingen naturgemäß über den nationalen Rahmen hinaus. Kamen dadurch Modernisierungsschübe zustande? Welche Konkurrenzen entstanden dabei? Inwieweit ist ein Elitentausch festzustellen? Wo lagen die Grenzen kirchlicher Einflussnahme (die katholische Kirche erlitt in Polen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen Machteinbruch, zeitweise war über die Hälfte der Senatoren nicht katholisch)? Welche Bedingungen und Möglichkeiten gab es für Karrieren in der katholischen Kirche? Welches waren die Wege und wo lagen die Grenzen eines Aufstiegs? Wie verliefen die Kommunikationskanäle und wer waren die Beziehungsmakler? Sind Familienstrategien zu erkennen? Zu untersuchen sind die Karrieren von Geistlichen im weltlichen Staatsapparat. Ferner ist – aus der Sicht Zentrum-Peripherie – der Rolle Roms bei der Herausbildung von lokalen Eliten nachzugehen. Wie verhielten sich die römische Kurie und die verschiedenen Orden und was hatten sie zu bieten? Durch das System der Wahlmonarchie konnten theoretisch keine dauernden Abhängigkeiten geschaffen werden.

Teilprojekt 2

Silbernetzwerke, Monetarisierungsmomente, Kommerzialisierungszonen und Währungslandschaften. Die Edelmetalle im östlichen Mitteleuropa in ihren gesellschaftlichen, ökonomischen und fiskalischen Kontexten, ca. 800 – ca. 1200

Bearbeiter: Dariusz Adamczyk

Eines der interessantesten Phänomene in der Geschichte Ost-, Ostmittel- und Nordeuropas im frühen Mittelalter stellen die zahlreichen Funde von Silber in gemünzter wie ungemünzter (Schmuck, Barren, fragmentiertes Edelmetall) Form dar. Allein in Polen wurden Hunderte ins 9. bis 12. Jahrhundert datierte Schatzfunde mit importierten und einheimischen Münzen bzw. Münzfragmenten sowie mehr als 2000 Einzelfunde aus Siedlungen, Burgwällen und Gräberfeldern entdeckt. Sie suggerieren, dass die Nutzung von Silber als Zahlungsmittel sowie die Ausbreitung des Marktes und einer ökonomischen Handlungslogik im Leben der früh- und hochmittelalterlichen Gesellschaften weit fortgeschritten waren. Dennoch lässt das Vorhandensein von Silber nicht automatisch auf Monetarisierung und Kommerzialisierung schließen. Von zentraler Bedeutung erscheint folglich die Frage, welche Funktionen Münzen und Hacksilber, das sog. Ringgeld (Armbänder und Halsreife) und Barren im Austausch erfüllten. Beschränkte sich ihre Verwendung nur auf die Fernhandelsmärkte, oder zirkulierten sie auch im regionalen und lokalen Handel? Wie kann man den Grad der Monetarisierung „messen“ und ab wann von einer Kommerzialisierung sprechen? Welche Entwicklungen in welchen Regionen hat es zwischen dem 9. und dem späten 12. Jahrhundert gegeben? Deuten Funde von fragmentiertem Silber, entdeckt weit weg von Handelsemporien, auf ökonomische Funktionen hin, oder gibt es andere Erklärungsmuster für das Zerteilen von Münzen und Schmuck? Und schließlich: War die Monetarisierung ein linearer Prozess, oder wies sie mehr Brüche als Kontinuitäten auf?

Das Forschungsvorhaben soll aus drei Schritten bestehen:

1. Bis zum späten 11. Jahrhundert wurden die Münzen fast ausschließlich importiert und über die Netzwerke fremder Fernhändler verteilt, die eher auf interpersonalen Beziehungsgeflechten von Häuptlingen und dynastischen Eliten, Clans, Stämmen oder mobilen Handwerkern beruhten als auf anonymen, ausschließlich durch Angebot und Nachfrage geprägten Marktverhältnissen. Die Netzwerke – aufgefasst hier als analytisch-soziologische Kategorie – wiesen ihre eigenen Handelsformen und -strukturen auf, hinter denen jeweils eine spezifische Eigenlogik des Silbertransfers stand: Neben rein ökonomischen Motiven konnten Tribute, Abgaben und Erpressungen ebenso wie Geschenke und Gaben eine wichtige Rolle spielen. Die Netzwerke der Silberredistribution wiesen eine unterschiedliche Dauer auf, die mehrere Generationen umfassen konnte, wobei eine Veränderung ihrer Logik nicht ausgeschlossen war. Im Rahmen desselben Netzes konnten die Edelmetalle verschiedene Funktionen ausüben: Sie konnten als Zahlungsmittel ebenso dienen wie als Mittel zur Entrichtung von Tributen, Abgaben und Steuern oder zur Entlohnung von Gefolgsleuten oder politischen „Klienten“. Sie stellten zudem den Rohstoff dar, aus dem Schmuck, Barren und eigene Münzen hergestellt wurden. Nicht zuletzt diente das Silber als Prestige-, Magie- und Kultobjekt. Folglich müssen zuerst die Netzwerke der Silberredistribution rekonstruiert werden – also Gruppen von Gesellschaften, die über kommerzielle, ökonomische, politische, kulturelle oder andere Interaktionsformen besonders stark miteinander verknüpft waren. Dies soll geschehen, indem die Geografie und die Zusammensetzung der Funde skizziert, ihre archäologischen Kontexte aufgezeigt und schließlich die Einordnung in den historischen Zusammenhang anhand schriftlicher Quellen vorgenommen werden. Auf der anderen Seite werden aber auch die Verteilungsnetzwerke der einheimischen Denare zu berücksichtigen sein, die sich seit dem 11. Jahrhundert in verschiedenen Regionen Polens und der Elbegebiete herausbildeten („offizielle“ piastische Denare; Imitationen der Kreuzdenare; die sog. Łupawa-Denare; verschiedene Prägungen aus Parchim/Löddigsee, Oldenburg/Starigard und Alt-Lübeck) und die sich teilweise von jenen der Fremdmünzen unterschieden. Womöglich markieren sie auch den Übergang zu regionalen „Binnenmärkten“.

2. In einem zweiten Schritt soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Monetarisierungsprozesse fassbar machen lassen. Mit welchen Instrumenten und Indikatoren können sie „gemessen“ werden? Fest steht, dass die Verwendung von Silber ein regional und zeitlich differenziertes Phänomen war und selbst in benachbarten Regionen unterschiedlich verlaufen konnte. Um dieser Komplexität Rechnung zu tragen, müssen die Entwicklungen in ihrem jeweiligen historischen Kontext aufgefasst und nicht monokausal und eindimensional, sondern durch ein Bündel von Indikatoren erklärt werden. Folgende Merkmale werden als besonders relevant erachtet:
-    Fundort (Emporium, Agrarsiedlung, Burgwall usw.);
-    Dichte der Schatzfunde;
-    Dichte der Einzelfunde;
-    Grad der Münz- und Silberfragmentierung;
-    Umfang der Schatzfunde;
-    chronologische und regionale Struktur der Schatzfunde;
-    Vorhandensein von Gewichten und Waagen;
-    einheimische Münzprägung;
-    Kontexte der Silbergenerierung (exogene Impulse wie die Nachfrage nach bestimmten Gütern; endogene Impulse wie Bevölkerungsdichte; politische Faktoren wie die Entstehung von Macht- und Herrschaftszentren; magisch-rituelle Funktionen usw.).

Alle hier genannten Indikatoren müssen nicht zum gleichen Zeitpunkt und am gleichen Ort auftreten. Wichtig erscheint hier die Häufung mehrerer von ihnen in der konkreten historischen Konstellation. Außerdem ist zwischen den verschiedenen Handelsformen im Hinblick auf die Nutzung von Edelmetallen zu unterscheiden: dem Fernhandel, dem regionalen Austausch und dem Handel lokaler Märkte. Sie lassen sich generell wie folgt definieren:

Unter Fernhandel werden Kontakte zwischen den Münzemittenten und -exporteuren im Kalifat bzw. in Mittel- und Westeuropa einerseits und den Gesellschaften des „Barbaricums“ andererseits aufgefasst. Der Silbertransfer erfolgte grundsätzlich über Emporien und Seehäfen entlang der Ost- und Nordseeküsten oder auf den Landwegen zwischen den jüdischen/arabischen/chasarischen/armenischen/sächsischen Fernhändlern und den verschiedenen lokalen Gemeinschaften im ost- und ostmitteleuropäischen Binnenland.

Ein regionaler Handel spiegelte den Austausch zwischen einem Emporium und seinem breiten Hinterland wider. Schließlich fand der lokale Waren- und Geldverkehr zwischen benachbarten Siedlungen, Burgwällen und/oder Dörfern statt, die eine Art „Binnenmarkt“ bildeten. Die Herausbildung monetarisierter Nah- und Lokalmärkte setzte eine komplexere Arbeitsteilung voraus und begegnet im westslawischen Zusammenhang – und da nur ansatzweise – erst im ausgehenden 11. Jahrhundert.

Zu beachten ist allerdings, dass die oben angeführten Zirkulationssphären sich bisweilen überschneiden und die Grenzen zwischen ihnen fließend sein konnten.

3. In einem dritten Schritt sollen die Währungslandschaften kartiert und die Ergebnisse der Untersuchung in einer Monografie zusammengefasst werden.

28
Nov
Vortrag
Prof. Dr. Jaroslav Miller (Olomouc): Exporting Central Europe or History Discontinued? Postwar Political Exile in Australia: A Case Study of Czechoslovak Emigration, 1948–1989
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