Das Palais Karnicki – Architektur und Geschichte des Sitzes des Deutschen Historischen Instituts Warschau

Seit dem Jahr 2002 nutzt das Deutsche Historische Institut Warschau das Palais Karnicki in der Ujazdowskie-Allee 39. Es handelt sich um ein herausragendes Werk der Neorenaissance in Warschau, errichtet im Jahre 1877 nach einem Entwurf des Architekten Józef Huss [Abbildung 1]. Die Architektur des Palais ist deutlich von italienischen Vorbildern geprägt, weist aber auch starke Berliner Einflüsse auf. Huss, einer der wichtigsten Vertreter des Historismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Polen, hatte einen Teil seiner Ausbildung an der Berliner Bauakademie absolviert. Es spricht viel dafür, dass das Palais Karnicki nach dem Vorbild eines Berliner Gebäudes errichtet wurde, nämlich dem Gerson Haus in der Bellevuestr. 10 (entworfen von Georg Friedrich Hitzig).

Das Palais Karnicki, der Warschauer Sitz des Senators Jan Karnicki, entstand als kleines aber vornehmes Stadtpalais an einer repräsentativen Straße. Das Gebäude wurde auf einem Rechteck errichtet, fast einem Quadrat. Im nordwestlichen Teil des Hinterhofs wurde ein Hinterhaus für die Bediensteten gebaut, mit dem Hauptgebäude durch einen kleinen Korridor verbunden. Die einer Villa ähnliche Fassade des Gebäudes [Abbildung 2] zeichnet sich durch Formen der späten italienischen Renaissance aus.

Die beiden höheren Stockwerke werden voneinander durch Gesimse abgetrennt, geschmückt durch ein Krönungsgesims und Kragsteine [Abbildung 3]. Über diesem findet sich noch eine Attika. Die Loggia mit korinthischen Säulen [Abbildung 4] im ersten und zweiten Stockwerk trägt zur Harmonie des Gesamteindrucks bei.

Die Fenster in der Loggia sind im ersten Stock oben rund und im zweiten Stock rechteckig [Abbildung 5]. Eine eigene Form haben auch die Fensterumfassungen an dem Teil der Fassade, der unmerklich vorgeschoben ist. Im ersten Stock tragen Pilaster Teile des Gebälks. Im zweiten Stock wurden dagegen bescheidenere Fensterumfassungen mit einfachen Gesimsen über den Fenstern verwendet. Sehr kunstvoll hat Huss auch die rechte Seite der Fassade über dem Gebäudeeingang bearbeitet. Außer Fenstern befinden sich dort Blenden (d.h. blinde Fenster), die über eine gemeinsame Fensterumfassung verfügen, was dazu beiträgt, dass dieser Teil der Fassade breiter erscheint.

Von Huss’ architektonischer Kreativität zeugt auch die Einfahrt, die in den Hof führt, in dem sich über viele Jahre hinweg, bis nach dem Krieg, eine Grünanlage befand. Dieser bescheidene aber vornehme Teil des Gebäudes wird durch toskanische Pilaster unterstrichen, die Gurtbogen tragen. Diese runden Gurtbogen werden der flachen Decke entgegengesetzt, was dazu beiträgt, dass die Einfahrt geräumiger erscheint. Die Fassade im Hinterhof erhielt viel bescheidenere Formen als die Fassade auf der Straßenseite, aber auch sie wurde durch Lisenen geteilt, die von oben bis unten nahe der Einfahrt verlaufen. Im anderen Teil der Fassade im ersten Stockwerk findet sich ein Balkon mit einer Zierbalustrade aus Gusseisen. Im Palais existieren zwei Treppenhäuser. Im Mittelteil des Gebäudes, auf der Höhe der Loggia und weiter unten, befinden sich von der Straßenseite und von der Hofseite große, rechteckige, repräsentative Räume.

Jan Karnicki, der erste Eigentümer und Bewohner des Palais stammte aus einer polnischen Adelsfamilie aus der Provinz Polnisch-Livland und war in der Verwaltung Kongresspolens tätig. Nach dem Tod Karnickis ging das Palais 1880 auf seine Töchter über. Am 14. Januar 1905 verkauften diese das Palais an Anna Gräfin Komar Gawrońska, die bis 1943 Eigentümerin des Gebäudes war. In der Zwischenkriegszeit vermietete Anna Gawrońska einen Teil der Räumlichkeiten und bewohnte selbst das erste Stockwerk [Abbildung 6]. Im Erdgeschoss wohnte Senator Józef Wielowieyski und im zweiten Stock der bulgarische Gesandte. Noch vor der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit besuchten das Palais viele Aristokraten, vor allem aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Bis 1921 war auch der Apostolische Nuntius Achilles Kardinal Ratti, der spätere Papst Pius XI, ein häufiger Gast.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwarb Jerzy Woynicz Sianożęcki das Palais. Sianożęcki starb während des Warschauer Aufstandes im Jahr 1944. Die Einrichtung des Palais wurde im Zuge des Warschauer Aufstandes zerstört, das Palais nach dem Krieg enteignet. Anschließend diente das Gebäude verschiedenen Institutionen, unter anderem der Konsumgenossenschaft WSS „Społem“, die beträchtliche Veränderungen zu Lasten der architektonischen Substanz vornahmen.

Nach langjährigen Bemühungen und dank der politischen Veränderungen nach 1989 gelang es Anna Sianożęcka, der Ehefrau des letzten Besitzers, schließlich 1995, ihr Eigentum zurückzuerhalten. Ein Jahr später wurde das Palais von Zbigniew Niemczycki gekauft, der es renovieren ließ. Im Jahr 1997, erlangte es seinen alten Standard wieder, wurde aber auch etwas erneuert, vor allem in technischer Hinsicht. Während der Renovierung wurde vor allem ein Teil der Holzdecken gegen feuerfeste Decken ausgewechselt. Die Treppen wurden, wie früher, mit weißem Marmor aus Carrara belegt. An Stelle der ehemaligen Gesellschaftsräume im Südteil des Gebäudes wurde ein neues Treppenhaus mit Fahrstuhl statt Hintertreppe eingebaut. Auf Grund der erhalten gebliebenen Fragmente wurden die Stuckaturen rekonstruiert. Auch die neuen Fußböden ähneln den ursprünglichen. Viel Zeit und Mühe hat die Wiederherstellung der Balustraden und Geländer aus Gusseisen im alten Treppenhaus [Abbildung 7] und auf den Balkons in Anspruch genommen. Neuarrangiert wurden auch die Glasmalereien in den blinden Öffnungen in der Westwand des alten nördlichen Treppenhauses [Abbildung 8]. Das Dachgeschoss wurde in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Hier, im dritten Stock, entstand ein Konferenzsaal, in dem sich der ästhetische Wert des Rohholzes mit Fragmenten unverputzter Ziegelwände mischt [Abbildung 9]. Auch die Gewölbe im Keller, in dem sich die Magazine der Bibliothek befinden, sind erhalten geblieben. Aufgrund der vorbildlichen Sanierung wurde das Gebäude 1999 mit einen Preis im Wettbewerb des Generalkonservators der Republik Polen ausgezeichnet.

* Dieser Text beruht auf einem Vortrag zum gleichen Thema von Dr. Tomasz Grygiel, gehalten am 18. Juni 2008 im DHI Warschau.

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Nov
Kolloquium
Maren Hachmeister (Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, München)
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