Tagung zu Idealisierung der Berge (6. Konferenz "Gebirge – Literatur – Kultur")

Tagung

Mi. 07.11.2018 | 10:00 -
Fr. 09.11.2018 | 10:00 Uhr
Prof. Dr. Miloš Řezník
Polanica-Zdrój

In Zusammenarbeit mit der Universität Breslau und dem GWZO Leipzig

6. Internationale Tagung
„Gebirge – Literatur – Kultur“
Die Idealisierung der Berge: Natur, Mensch, Kultur

 

Als ein Raum, den spezifische Eigenschaften auszeichnen, haben Berge schon immer eine besondere Stellung in Kultur und Gesellschaft eingenommen; sie haben die Phantasie der dort lebenden Bevölkerung wie auch die Vorstellungskraft von Entdecker/innen, Gelehrten und Künstler/innen angeregt. Die Unzugänglichkeit der Berge hat einerseits Furcht vor dem Fremden, nicht Vertrauten gar Ungezähmten ausgelöst, andererseits Neugier und Faszination geweckt. Eine religiöse und quasi-religiöse Verehrung der Berge lässt sich in vielen Glaubenskonzepten nachweisen. Parallel zur Herausbildung spezifischer Bewirtschaftungsweisen wandelten sich die emotionalen Beziehungen zu den Bergen, es entwickelte sich eine ästhetische Faszination, die vielerlei Gestalt annehmen konnte. Vor allem bildete sie eine Grundlage für die seit dem 18. Jahrhundert zunehmende Idealisierung von Gebirgsräumen und der Natur der Berge, die mit einer Idealisierung der Schäferkultur und dem Mythos Arkadien sowie mit verschiedensten Formen des ideellen und realen Eskapismus einherging. Darüber hinaus stieg die Zahl der Expeditions- und Entdeckungsprojekte, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu Alpinismus und Bergtouristik entwickelten. Aus historischer Perspektive kann man folglich konstatieren, dass sich seit dem 18. Jahrhundert ein Komplex von unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Gebirge herausbildete: die Entdeckung der Zweckmäßigkeit der Berge, die Herausbildung einer pragmatischen Haltung auf der einen Seite und eine ästhetisierende Sicht auf die Berge, ihre Idealisierung und auch Ideologisierung auf der anderen. Dieser Wandel der Wahrnehmungen fand vielfältigen Ausdruck: in literarischen Erzählungen, in der bildenden Kunst sowie in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs. Die Idealisierung der Berge erweist sich damit als eine ambivalente Erscheinung. Auf der einen Seite stellt sie eine Grundlage für die Aufwertung der Berge und der Bergregionen dar, auf der anderen werden sie mit Bedrohungen und Fremdheit in Verbindung gebracht.

Für die sechste internationale und interdisziplinäre Tagung „Gebirge – Literatur – Kultur“ nehmen wir die Idealisierung der Berge vom 18. bis zum 21. Jahrhundert zum Ausgangspunkt und möchten die Aufmerksamkeit besonders auf folgende Aspekte lenken: In welchen archetypischen oder symbolischen Kategorien werden Berge wahrgenommen und wann kann man von einer Idealisierung sprechen? Welche Verbindungen geht das kulturelle Konstrukt Gebirge mit der Entstehung und Verbreitung von bestimmten literarischen Gattungen und Narrationen, der Landschaftsmalerei, des Films und der neuen Medien des 20. und vor allem 21. Jahrhunderts ein? Welche Faktoren der Idealisierung können aufgezeigt werden? Lassen sich Zusammenhänge zu Zivilisationsdiskursen und zum Fortschrittsdenken, zur Verbreitung von Leistungs- und Freizeitsport, zur Entstehung der Kurort- und Bäderkultur, zu spezifischen politischen Ideen ausmachen? Kann man spezifische Weisen einer idealen Bergwahrnehmung in verschiedenen sozialen Gruppen oder kulturellen Geltungsbereichen feststellen, z.B. im Bürgertum, in intellektuellen bzw. wissenschaftlichen Kreisen, bei gesellschaftlichen Eliten, im Künstler- oder Bergsteiger-Milieu? Lassen sich Strategien der Idealisierung ausmachen? Inwiefern tragen die ästhetischen Kategorien Schönheit, Erhabenheit, das Malerische oder das Wilde/Pittoreske zur Idealisierung der Berge bei? Kann man typische historische, soziale oder politische Konstellationen und Kontexte bestimmen, die die Idealisierung der Berge bedingen und in denen ihr eine spezifische Funktion zukommt?

Unser Interesse zielt darauf zu diskutieren, inwiefern die Berge einen zentralen Bezugspunkt für die grundlegenden Kategorien der Idealisierung bilden und inwiefern umgekehrt Idealisierung eine grundlegende Kategorie für die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Berge und des Gebirges darstellt. Im Fokus der Tagung stehen mithin Idealisierungsprozesse im historischen und kulturellen Wandel. Erwartet werden Beiträge, die das Thema in einem breiteren kultur- und sozialgeschichtlichen oder literaturwissenschaftlichen Kontext behandeln und sich nicht nur auf einzelne Beispiele der Idealisierung beschränken. Wir freuen uns über Vorschläge aus allen relevanten Fachdisziplinen.

Tagungssprachen sind Polnisch, Deutsch und Tschechisch mit Simultanübersetzung.

Organisation:

Prof. dr habil. Ewa Grzęda, Universität Wrocław
Prof. Dr. Dietlind Hüchtker, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)
Prof. dr. habil. Małgorzata Łoboz, Universität Wrocław
Prof. Dr. Miloš Řezník, Deutsches Historisches Institut Warschau

PROGRAMM

15
Nov
Podiumsdiskussion
Geisteswissenschaften im Dialog: Geschichte wird gemacht. Die Public History zwischen Fachdiskurs, Politik und populärer Vermittlung
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