Juden - Deutsche - Polen: Geschichte und Traditionen in den medizinischen Kulturen: XV. Internationale Konferenz der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Karol-Marcinkowski - Medizinische Universität Posen, organisiert in Zusammen

Tagung

Mi. 09.09.2015 | 17:00 -
Fr. 11.09.2015 | 18:00 Uhr
Warschau

Die jüdische Kultur ist integraler Bestandteil der europäischen Kultur, wie sie sich aus der europäischen Geschichte sowohl in West- als auch in Osteuropa entwickelt hat. Dies wird insbesondere in der gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte deutlich und gilt für die Geschichte von Toleranz, Assimilation und Akkulturation, wie es eben auch für die Geschichte von Ausgrenzung und Vertreibung bis zum Völkermord an den europäischen Juden und seinen vielfältigen Nachwirkungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Folgen auch für die Wissenschaftsgeschichte gilt.
Jüdische Kultur und Geschichte ist gleichzeitig ein gemeinsames wie auch ein verbindendes Element der deutschen mit der polnischen Geschichte und der jeweiligen nationalen Kulturen. Seit der mittelalterlichen Migration von Juden aus deutschen Territorien (Ashkenaz) nach Polen entstand das Jiddische als eine Fusionssprache mit deutschen, hebräischen und slawischen Bestandteilen. Jüdische Gemeinschaften etablierten sich in österreichischen, preußischen, weißrussischen, ukrainischen und polnischen (etc.) Umgebungen. Seit dem Mittelalter spielen Juden mithin eine eminente Vermittlerrolle zwischen den (prä-)nationalen Gesellschaften. Dabei sind unterschiedliche Entwicklungen im deutschen und polnischen Kontext nicht zu übersehen. Während in den deutschen Territorien die Zahl der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner vergleichsweise gering blieb, machten diese in Warschau bis zur deutschen Invasion 1939 etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. Das osteuropäische Shtetl ist eine Gemeinschaftsform eigener Qualität, die es in der westeuropäischen Geschichte nicht gegeben hat.
Obwohl die Geschichte einer jüdischen medikalen Kultur nicht aus diesen Kontexten gelöst werden darf, vermag die Konzentration auf Medizin und Gesundheit einen aufschlussreichen Fokus für den Einfluss jüdischer Kultur auf die polnische, deutsche und mitteleuropäische Geschichte zu bieten. Bereits für den Transformationsprozess der antiken Medizin in das hochmittelalterliche Europa spielten jüdische Gelehrte eine zentrale Rolle. Seit dem Mittelalter erzwang die Ausgrenzung von Juden die Formation besonderer jüdischer Gemeinschaften, in denen sich angepasste Strukturen entwickelten, um gesundheitliche und soziale Fürsorge gleichzeitig auch den religiösen Praktiken anzupassen. Es gilt also, die prägende Rolle von Religion sowie der sozialen Struktur der Gemeinden und ihrer Bedrohungssituation für die Gesundheitsfürsorge als Gemeinschaftsaufgabe herauszuarbeiten. Seit dem 19. Jahrhundert spielen universitäre Ausbildung und akademische Karrieren als Arzt und Wissenschaftler eine erhebliche Rolle für Akkulturationsprozesse. Gleichzeitig spielt die Medizin seit dem mittelalterlichen Diskurs um die Reinheit des Blutes („limpieza de sangre“) bis zum rassenhygienisch-eugenischen Diskurs des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle bei der Definition des „jüdischen Körpers“ als eines fremden und gefährlichen Körpers – antijüdische, antisemitische und andere rassistische Praktiken waren medizinisch legitimiert und angeleitet. Die daraus resultierende Flucht, Vertreibung und Ermordung jüdischer Mediziner hatte weitreichende Folgen für die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Nachkriegszeit, nicht zuletzt auch in bioethischen Erwägungen.
Jüdische Geschichte als Teil der deutschen und polnischen, insbesondere ihrer gemeinsamen Geschichte mit Blick auf Medizin und Gesundheit ist ein Phänomen der „longue durée“ – und damit eines erheblichen Wandels sowohl der innerkulturellen Kohärenzen als auch der interkulturellen Beziehungen zwischen deutscher, polnischer, jüdischer und Medizingeschichte. Die Konferenz will diese lange geteilte Geschichte in den Blick nehmen, ohne die katastrophalen und verbrecherischen Teile auszublenden. Insbesondere werden folgende Bereiche präsentiert:
1 ) Jüdische medikale Traditionen in deutschen und/oder polnischen historischen Kontexten, einschließlich des Einflusses der Religion und religiös motivierter Praktiken auf die Gesundheitsfürsorge
2 ) Medizinisch-akademische Ausbildung und Forschung als Weg des Wissenstransfers sowie der Akkulturation über nationale, kulturelle und Sprachgrenzen hinweg; akademische Karrieren und professionelle Spezialisierung jüdischer Mediziner in Deutschland und Polen; Einfluss jüdischer Mediziner und Gelehrter auf medizinische Forschung
3) Patienten-Arzt-Beziehungen in jüdischen und nicht-jüdischen Gemeinschaften und Gesundheitsinstitutionen (Hospitäler / Krankenhäuser)
4) Konstruktion des jüdischen Anderen („Othering“): medizinische Konstruktion und Perzeption des jüdischen Körpers und Geistes; medizinisch und hygienisch angeleitete antisemitische Stereotype in Kunst und Literatur
5 ) Rolle der Ärzte in der Debatte um eine jüdische Identität: hybride Identitäten und multiple Loyalitäten in der jüdisch-deutsch-polnischen Geschichte; medizinische Aspekte von Segregation, Integration, Akkulturation und Assimilation von Juden in nicht-jüdischen Gesellschaften
6) Die Medizin und der Holocaust

PLAKAT

PROGRAMM

28
Nov
Vortrag
Prof. Dr. Jaroslav Miller (Olomouc): Exporting Central Europe or History Discontinued? Postwar Political Exile in Australia: A Case Study of Czechoslovak Emigration, 1948–1989
Mehr lesen