Potocki – Zaleski – Malinowski. Innovationen in der Geschichte der Ethnologie seit dem 18. Jahrhundert aus dem ehemaligen Polen-Litauen

Vortrag

Di. 04.12.2018 | 09:35 Uhr

Die multiplen Anfänge der modernen Ethnologie wurden während des letzten Vortrages der Herbstreihe der Außenstelle Vilnius des Deutschen Historischen Instituts Warschau thematisiert. Diese Vortragsreihe findet in Zusammenarbeit mit der Universität Vilnius und dem Litauischen Historischen Institut statt.

Prof. Dr. Thomas Wünsch von der Universität Passau hielt am 26. November den Vortrag zu diesem Thema. Er wollte zum Nachdenken über den Anfang der modernen Ethnologie motivieren. Hat die moderne Ethnologie erst mit Bronisław Malinowski begonnen? Der Historiker vertrat die Ansicht, dass der aus Podolien stammende Reiseschriftsteller Jan Potocki, der sich selbst als „moderner Herodot“ sah, als Avantgardist der ethnologischen Feldforschung bezeichnet werden könne.

Im Mittelpunkt des Vortrags standen die französischsprachigen Reiseberichte Potockis, die er auf eigene Kosten im 18. Jahrhundert in Warschau drucken ließ. Wünsch stellte Potocki als einen Repräsentanten der modernen Reisekultur vor. Die Besonderheit Potockis sei, dass er alle seine Reisen durch Niedersachsen, Holland, Ägypten, Marokko, die Türkei und weite Teile Russlands dokumentiert und präsentiert habe. Im Zentrum dieses Vortrags stand der Reisebericht Potockis in die Steppen von Astrachan und in den Kaukasus („Voyage dans des steppes d’Astrakhan et du Caucase“, 1797-1798).

Wünsch argumentierte, dass Potocki in seinen Reiseschriften die „Armchair“-Ethnologie mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung verbunden habe. Der aus Adelskreisen stammende Potocki verzichtete in seinen dichten Beschreibungen fremder Kulturen auf Generalisierungen und den Vergleich kultureller Phänomene. Wünsch betonte, dass Potocki mehr als ein Flaneur gewesen sei. Er habe Kontakt mit Menschen gesucht, wollte ihre kulturelle Praxis sowie Sitten und Mentalitäten verstehen und habe auf die Kategorisierung anderer Völker verzichtet.

Abschließend machte der Vortragende plausibel, dass die methodische Vorgehensweise Potockis bei der Darstellung fremder Kulturen ihn zu einem Ahnherrn der modernen Ethnologie gemacht habe. Diese wichtige Bemerkung sowie die damalige und heutige Rezeption Potockis standen auch im Zentrum der anschließenden Diskussion mit dem Publikum.

Thomas Wünsch ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen an der Universität Passau. Zuletzt erschien gemeinsam mit Eckhard Leuschner: Das Bild des Feindes. Konstruktion von Antagonismen und Kulturtransfer im Zeitalter der Türkenkriege. Ostmitteleuropa, Italien und Osmanisches Reich, Berlin 2013. Professor Wünsch ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des DHI Warschau.


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