CfP: „Verbündete Besatzer?“ Forschungen zu den ‚Gruppen der Truppen‘ der Sowjetarmee in Osteuropa

Die Durchsetzung des sowjetischen Machtanspruches in Ost- und Ostmitteleuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beruhte auf Gewalt- sowie dem Machtmonopol der UdSSR. Keines der sozialistischen Regime hatte eine demokratische Legitimation, und ohne sowjetische Unterstützung war keines von ihnen überlebensfähig. Die Sowjetunion garantierte die Sicherheit der sozialistischen Diktaturen notfalls auch gegen die jeweilige Bevölkerung. Hierfür griff sie vor allem auf ihre militärischen Truppen zurück, die in diesen Staaten stationiert waren. Aus diesen ließ sie nicht selten sogenannte Gruppen der Truppen bilden, denn erst wenn Gewalt organisiert und institutionalisiert wird, kann sie sich über einen längeren Zeitraum verstetigen. Die „instrumentale Macht“ der Besatzungstruppen beruhte auf ihrer Fähigkeit, Drohungen in die Tat umzusetzen. Wer – wie die DDR 1953, Ungarn 1956 oder die ČSSR 1968 – die Erfahrung machte, dass „Ungehorsam“ bestraft wird, stellte sich auf Wiederholungen ein und antwortete, wie es die Situation erfordert. Der sowjetische Machtanspruch auf Ost- bzw. Ostmitteleuropa konnte erst dann nicht mehr aufrechterhalten werden, als der Einsatz von militärischer Gewalt zu dessen Erhalt ausgeschlossen wurde.
Im Rahmen des Workshops soll ein Forschungsprojekt zur Stationierung sowjetischer Truppen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Osteuropa zur Sicherung des eigenen Machtbereiches angeschoben werden. Ein Ziel dieses Projektes ist es, systematisch zu ermitteln, wo Einheiten der Sowjetarmee während des Kalten Krieges in der SBZ/DDR, in Österreich, Polen, Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei sowie den drei baltischen Staaten stationiert gewesen waren. Erfasst werden sollen aber auch Stationierungen sowjetischer Einheiten im Kaukasus bzw. Transkaukasus. Zudem werden kurzzeitige Stationierungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges untersucht, z.B. in Norwegen und Finnland. Die so gesammelten Daten sollen erstmals in einer Datenbank mit der Möglichkeit einer geografischen Betrachtung zusammenfließen und damit der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Zugleich sollen die entsprechenden Datensätze mit Quellen aus den unterschiedlichsten Beständen unterfüttert werden, um die Folgen der langfristigen sowjetischen und russischen Geheimhaltung in diesem Bereich zu überwinden.
Auf der Grundlage der gesammelten Informationen soll zudem eine Geschichte der militärischen Besetzung Osteuropas während des Kalten Krieges durch die Sowjetunion geschrieben werden. Hierbei sollen sowohl die Bereiche der Raum-, wie auch einer modernen Militärgeschichte berücksichtigt werden. Damit lassen sich Schwerpunkte und Änderungen in den Prioritäten der Sowjetunion bei der Sicherung ihres Einflusses in Osteuropa noch besser erkennen.
In einem dritten Forschungsfeld soll untersucht werden, welche Auswirkungen der Rückzug der Gruppen der Truppen aus Osteuropa sowie die Auflösung der Sowjetarmee auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung in den bisherigen Stationierungsländern, aber auch in den damaligen europäischen GUS-Staaten hatte. Gerade hier besteht besonderer Forschungsbedarf begünstigte doch das Zerbrechen der Sowjetarmee bewaffnete nationale Konflikte zwischen den neu entstehenden Staaten, innere gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen nationalen Gruppen, die weitere Herausbildung von organisiertem Verbrechen, Waffenhandel usw.
Auf dem Workshop sollen folgende Themen und Fragestellungen ausgelotet werden:
- Welche Quellen lassen sich zur Rekonstruktion der Stationierung sowjetischer Truppen in Österreich, Polen, Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Moldau sowie den drei baltischen Staaten, aber auch im Ostseeraum, dem Kaukasus bzw. Transkaukasus nutzen? Wie können die gesammelten Daten vereinheitlicht und zusammengeführt werden? Welche Erfahrungen gibt es mit entsprechenden Datenbanken
- Welcher Logik folgte die Stationierung sowjetischer Truppen in den verschiedenen Ländern Ost- und Ostmitteleuropa? Warum wurden die Streitkräfte der UdSSR aus bestimmten Ländern abgezogen, aus anderen nicht? Wie wirkten sich Veränderungen in Strategie und Taktik auf die Zusammensetzung und Ausrüstung der Besatzungstruppen aus?
- Wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Besatzern und Besetzten? Inwieweit war dieses Verhältnis Veränderungen unterworfen, welche Bedingungen führten in welchem zeitlichen Kontext auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu entsprechenden Änderungen? Welche Wirtschaftsbeziehungen existierten zwischen beiden Parteien auf lokaler Ebene? Welche Rolle spielte dabei die sozialistische Schattenwirtschaft? Lassen sich für verschiedene Regionen Unterschiede bei den kulturellen Beziehungen zwischen Besetzten und Besatzern ausmachen?
- Wie wirkte sich der Rückzug der sowjetischen Besatzung auf lokaler Ebene aus, welche Probleme rief der Abzug großer Truppenkörper gerade aus ländlich geprägten Räumen hervor? Welche Umweltprobleme hinterließen die abziehenden Truppen, welche Möglichkeiten zur Beseitigung der Schäden wurden gefunden? Was passierte mit den materiellen Hinterlassenschaften der Truppen? Wie profitierten Kriminalität und Waffenhandel von den Folgen des Abzugs bzw. der Auflösung ganzer Einheiten nach dem Zerfall der Sowjetunion? Wie reagierten Berufssoldaten auf die neuen Bedingungen, welche Möglichkeiten der Integration konnten genutzt werden, wie erfolgte das „Abdriften“ in die Organisierte Kriminalität bzw. Söldnertum, wer landete am Rand der neuen Gesellschaft? Wie feuerten die Truppenauflösungen in der UdSSR nationale Konflikte an, wurden diese durch die entsprechend freiwerdenden militärischen Ressourcen verstärkt? Wie blicken die Besetzten heute auf die Besatzer?
Dieser Workshop ist Teil einer Veranstaltungsreihe zum Thema Perestroika, Transformation und Postsozialismus, die vom Max Weber Netzwerk Osteuropa (MWNO) organisiert wird. Ein Anfang März 2026 in Tbilissi stattfindenden Workshop wird sich mit Fragen der Gewalt während der Transformationsphase in den 1990er Jahren in den Räumen des ehemaligen sowjetischen Imperiums befassen.
Wir laden Wissenschaftler*innen aller Karrierestufen, die sich mit der Geschichte spät- und postsozialistischer Länder befassen, sowie Expert*innen für Militärgeschichte des Kalten Krieges und Raum- und Umweltgeschichte für eine Bewerbung zum Workshop ein. Die Organisatoren übernehmen die Kosten für Reise (Flug bis zu einem Höchstbetrag) und Unterkunft. Die Bewerbungsfrist endet am 10. November 2025. Die Bewerber*innen werden bis Ende November über unsere Entscheidung und weitere Details informiert.
Die Vorschläge sollten in einer einzigen PDF-Datei eingereicht werden und den Namen, den Arbeitsort, den Titel des Vortrags und eine Zusammenfassung (maximal 300 Wörter) sowie eine kurze biografische Notiz enthalten. Bitte senden Sie Ihre Vorschläge an: matthias.uhl@mws-osteuropa.org
„Verbündete Besatzer?“ Forschungen zu den ‚Gruppen der Truppen‘ der Sowjetarmee in Osteuropa
Internationaler Workshop
Datum: 23.-24. April 2026
Ort: Max Weber Netzwerk, Helsinki
Bewerbungsschluss: 10. November 2025
Arbeitssprachen: Deutsch & Englisch