Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

© Wydawnictwo krytyka polityczna

Um Ursachen und Folgen des politischen Handelns am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ging es im Vortrag von Piotr M. Majewski am 24. Februar. Der polnische Spezialist für deutsch-tschechische Geschichte präsentierte seine 2019 erschienene Publikation „Kiedy wybuchnie wojna? 1938. Studium kryzysu“ und widmete sich dabei insbesondere einem kleinen Ausschnitt dieses hoch geschätzten Buches. Schwerpunktthema der Präsentation war die Geschichte der internationalen Krise im Jahre 1938, die nach dem Beschluss des Münchner Abkommens zur Auflösung der ersten tschechoslowakischen Republik geführt hatte.

Einleitend erklärte Majewski, warum es wichtig sei, sich mit diesem bereits häufig untersuchten historischen Thema zu beschäftigen. Er wies darauf hin, dass sich das Buch vor allem an polnische Leser und Leserinnen richtet, für die das Münchner Abkommen ein noch relativ unbekanntes Kapitel sei. Im polnischen Geschichtsbewusstsein werde das „politische Diktat“ der vier europäischen Länder, die ein selbstständiges Land dazu zwangen, auf den Teil ihres von der deutschen Minderheit bewohnten Territoriums zu verzichten, von der Interpretation über den nationalsozialistischen Überfall Polens und den Beginn des Zweiten Weltkrieges im Sommer 1939 verdeckt.  

Aufgabe der Publikation sei es daher, nicht nur Konsequenzen der politischen Entscheidungen zu beschreiben, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Psychologie der politischen Akteure näher zu charakterisieren. In diesem Zusammenhang erwähnte Majewski ein Netzwerk von „alten“ Bekannten, in dem sich Politiker und Diplomaten gemeinsam mit Angestellten der Außenministerien trafen. Sie alle hätten sich lange Jahre in der europäischen Szene bewegt und gelegentlich persönlich zusammengefunden. Zu diesem Netzwerk hätten auch Aristokraten und Aristokratinnen, Doppelagenten und ein Gymnastik-Lehrer gehört, so Majewski. Sie alle seien in unterschiedlicher Art und Weise an den Ereignissen beteiligt gewesen, die sich Ende September 1938 in München ereigneten. 

Weiterhin bemerkte der Vortragende, dass er sich im Buch nicht auf die tschechoslowakische Perspektive beschränke, sondern darüber hinaus versuche, den internationalen Umfang des Münchner Abkommens zu zeigen. Um den Verlauf dutzender Treffen zwischen Diplomaten und Vertretern von Regierungen und der Armee nachzubilden, bearbeitete er die Quellendokumente diverser Archive und Bibliotheken. Darüber hinaus setzte er sich mit der Frage auseinander, was dieses Ereignis für die politische Öffentlichkeit Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und Italiens bedeutete. In seine Darstellung bezog er auch die Haltung Polens und Ungarns ein, die zum tschechoslowakischen Nachbarn angespannte Beziehungen pflegten und sich um eine Revision der Staatsgrenzen bemühten. Auch die Tschechoslowakei habe sich nicht auf den Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion verlassen können. Keines dieser Länder erwies sich in dieser Szenerie als positiver Held.

Neben der Geschichte der internationalen Beziehungen berücksichtigte Majewski auch die innenpolitischen Verhältnisse der einzelnen Länder. Er präsentierte deren Hauptprobleme und wichtigste Vertreter sowie Untersuchungen zu gesellschaftlichen Widersprüche, Bedürfnissen und Erwartungen. Ein weiteres interessantes und weniger bekanntes Thema ist die Opposition im Generalstab Deutschlands. Diese habe mit der Entscheidung gezögert, die Militäreinsätze einzuleiten, so der Historiker. Je entschlossener die Opposition aufgetreten sei, desto mehr sah sich Adolf Hitler dazu gedrängt, den Krieg zu beginnen. Damit verbunden sei eine endlose Debatte in der tschechischen Geschichte darüber, ob sich die tschechoslowakische Armee verteidigen konnte und sollte. Majewski zufolge sei die Tschechoslowakei zu diesem Zeitpunkt nicht kriegsbereit gewesen: Grenzbefestigungen waren noch nicht fertiggestellt, die Logistik voller Lücken. Und auch Offizieren und Soldaten fehlte es an ausreichender Ausbildung. Einige militärische Studien schätzen die maximale Verteidigungsdauer auf drei Tage. Dass dieser Schätzwert der Realität entsprochen haben könnte, zeigte sich ein Jahr später beim Überfall der Wehrmacht auf Polen. Eine ähnliche Verteidigungslinie in Nordwestpolen unterlag dem nationalsozialistischen Angriff nach drei Tagen.

Majewski betonte, er habe mit dem Buch keine rein akademische Arbeit vorlegen wollen. In Anlehnung an die aktuell zu beobachtende Tendenz in der ostmitteleuropäischen Historiografie stellte auch er die historische Erzählung in den Vordergrund. Sicher handele sich nicht um historische Fiktion, dennoch seien im Buch viele literarische Elemente zu finden, die den Leserinnen und Lesern die geschichtlichen Zusammenhänge und Ereignisse zugänglicher machen sollen. 

Wie die Diskutierenden im Anschluss an den Vortrag positiv bewerteten, wirke das Buch wie die Reportage eines Zeitzeugen. Zur Verdeutlichung der damaligen Atmosphäre lasse Majewski Zeitungskommentare einfließen, berichte über das Wetter, blicke auf die Tagesmenüs der Restaurants oder beschreibe die Aussicht von Diplomaten aus dem Hotelzimmer. Durch diese Beschreibung der Alltagsszenen von Protagonisten der internationalen Politik lese sich das Buch fast wie ein politischer Thriller, verliere dabei jedoch nicht an wissenschaftlichem Charakter. Organisiert wurde die Veranstaltung von der gemeinsamen Prager Außenstelle des DHIW und des Collegium Carolinum München in Kooperation mit dem Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 

02
Jun
Tagung
Leisure History(ies): The Significance of Summer in the Biography
Mehr lesen