Anders fühlen: das emotionale Leben gleichgeschlechtlicher Männer und Frauen in Westdeutschland

Ein Blick auf die Veränderung von Emotionen mit der Zeit kann helfen, die Vergangenheit besser und vollständiger zu verstehen. Mit dieser Aussage begann Benno Gammerl seinen Vortrag am 2. Mai in Prag, zu dem die gemeinsame Außenstelle des DHI Warschau und des Collegium Carolinum zusammen mit der Fakultät für Geisteswissenschaften der Karls-Universität und der Zeitschrift „Dějiny – teorie – kritika / History – Theory – Criticism“ eingeladen hatte. Im Vortrag präsentierte der Historiker seine neuesten Forschungsergebnisse und seine jüngste Publikation.

Die Geschichte von Schwulen und Lesben sei nicht nur eine möglicherweise „schicke Ergänzung“ zu den bisherigen politischen, sozialen oder kulturellen Geschichten, sondern ein unverzichtbarer Teil der gemeinsamen Vergangenheit, erklärte Gammerl. Der Umgang mit der sexuellen und geschlechtsspezifischen Vielfalt habe eine große Bedeutung für die Untersuchung der Chancen und Grenzen der Demokratisierung in der Nachkriegszeit.

Die westdeutsche Queer-Geschichte problematisiere das Narrativ der kontinuierlichen Liberalisierung grundsätzlich. Zunächst zurückhaltend und durch die schwul- und lesbisch-feministische Bewegung nach 1968 beschleunigt, habe sie schließlich zu dem stabilen Freiheitsgefühl geführt, das die Berliner Republik seit 1990 sicherstellte und im Jahr 2017 in der Ehe für alle gipfelte. Zwar sei dieses historische Bild nicht ganz falsch, die Erfolgsgeschichte müsse jedoch durch viele Rückschläge und Widersprüche ergänzt werden.

Die nicht-geschlechtskonformen und gleichgeschlechtlichen Bürgerinnen und Bürger seien laut Gammerl nicht nur emanzipiert gewesen, sondern auch diskriminiert und „normalisiert“ worden.  
In der Nachkriegszeit sei die Gelegenheit für gleichgeschlechtliche Begegnungen gering gewesen, männliche Homosexualität vollständig kriminalisiert und weibliche stark stigmatisiert worden. Seit den 1970er Jahren habe sich diese Situation verändert, so der Referent. Die Zahl der Gelegenheiten habe zugenommen und es seien immer mehr sichere Räume entstanden, in denen sich gleichgeschlechtlich begehrende Männer und Frauen langsam annähern konnten. Immer mehr Errungenschaften der schwul-lesbischen Emanzipation hätten zu Veränderungen geführt, die die 1950er und 1960er Jahre von den 1980er und 1990er Jahren unterschieden. Wie Gammerl erklärte, hätten sich emotionale Muster und Praktiken gemeinsam mit sozialen, kulturellen und politischen Umständen verändert.

Als Übergang von Scham zu Stolz oder von Angst zu Selbstbewusstsein könne dies jedoch nicht bezeichnet werden, fasste der Historiker die Perspektive der gleichgeschlechtlichen Paare zusammen. Die Angst sei nicht verschwunden, sondern in unterschiedlichen Formen bestehen geblieben. In den 1950er und 1960er Jahren hätten sich viele Menschen in heterosexuellen Ehen „versteckt“. Einige aus Angst, beim Betreten einer „Homo-Bar“ von Nachbarn gesehen zu werden, andere aus der Befürchtung heraus, auf der Suche nach Sexpartnern auf öffentlichen Toiletten von der Polizei erwischt zu werden. Später hätten sich diese Befürchtungen dann zu einer Angst gewandelt, die gleichgeschlechtlichen Menschen vor bevorstehenden Angriffen warnte und ihnen die Flucht oder Abwehr ermöglichte. Die Erfahrungen hätten auf Konfrontationen mit sexistischer oder homophober Gewalt vorbereitet und das Reaktions- und Verteidigungsvermögen in derartigen Situationen geschult.

In den 1980er und 1990er Jahren habe diese Emanzipation auch zu einer zunehmenden Normalisierung des schwul-lesbischen Lebens beigetragen. Was früher als ungeheuerlicher Skandal galt, sei nun mehr und mehr zu einem Bestandteil des Spektrums sexueller und amouröser Praktiken geworden. Doch die Normalisierung habe zu neuen Formen der Angst geführt: Zur Angst vor Erwartungen einer mittlerweile eher „normalen“ und akzeptierten Subkultur, der man nicht gerecht wird. Die Angst vor dem Coming-out sei keine tragfähige Rechtfertigung mehr dafür gewesen, kein selbstbewusstes und erfolgreiches schwules oder lesbisches Leben zu führen, so der Historiker. Gelang es nicht, sei dies nicht mehr als Fehler einer völlig homophoben Gesellschaft interpretiert worden, sondern als persönliche Schuld.

In einer sich wandelnden Welt habe auch die Angst ihre Form verändert. Noch bevor sich Nachrichten über die AIDS-Pandemie verbreiteten sei es zu erneuten Stigmatisierungen gekommen. Die von Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 verkündete „geistig-moralische Wende“ habe in vielen schwulen und lesbischen Ohren wie eine Drohung geklungen. Später folgten Vorschläge der konservativen CSU in Bayern, schwule Männer, Sexarbeiter und andere Gruppen, die angeblich am ehesten an HIV erkrankten, in Internierungslagern abzusondern, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Dazu sei es bekanntlich nicht gekommen, stattdessen hätte sich der moderne und liberale Ansatz von Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth (Mitglied der CDU) durchgesetzt und staatliche Stellen begonnen, eng mit queeren (Selbsthilfe-)Gruppen zusammenzuarbeiten.

Diese Entwicklungen hätten auch die Normalisierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen verstärkt. Mit der AIDS-Pandemie und der Zusammenarbeit von queeren Organisationen und staatlichen Stellen habe sich auch die öffentliche Wahrnehmung gleichgeschlechtlicher Menschen in der Bundesrepublik gewandelt. Sie seien unterschiedlich wahrgenommen, aber überwiegend als „anders“ empfunden worden. Nicht grundsätzlich anders jedoch als heterosexuelle Menschen. Dies habe die die Debatte über die gleichgeschlechtliche Ehe eröffnet. Zum Schluss des Vortrags ließ sich festhalten, dass die 1980er und 1990er Jahre hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Beziehungen nicht nur in Mittel- und Osteuropa, sondern auch in westlichen Ländern tiefgreifende Veränderungen bedeuteten.


04
Jul
Tagung
History from below: Microhistorical Approaches to the History of East European Jewry
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