Belarus – Wissenschaft in Zeiten der politischen Krise

Solidaritätsaktion in Minsk:Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Historischen Instituts während Volkaus Inhaftierung © R. Zianiuk

Mikola Volkau bei einer Demonstration in der Nähe der Akademie der Wissenschaften © Julia Janiuk-Kazlouskaja

Bereits die Wahlkampagne von 2020 hat in Belarus große Auswirkungen auf das Funktionieren des Staates und der Wissenschaft gehabt. Dennoch ist das Ergebnis der Konflikte zwischen Behörden und Gesellschaft noch unklar, ebenso wie deren Folgen. Einige Tage vor den Wahlen war das Ausmaß der Krise, in die Belarus schon wenig später fallen sollte, noch schwer vorstellbar gewesen. Am Sonntag, dem 9. August 2020, war schließlich der Moment des Umbruchs gekommen. Innerhalb der Gesellschaft breitete sich plötzlich stärker und öffentlicher als zuvor der dringende Wunsch nach politischer Veränderung aus. Der Mut zur Revolution erwachte. 

Wie in Belarus üblich, fanden auch diese Wahlen in Schulen statt. Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer betonten, dass es seit der Sowjetzeit keine derartig langen Schlangen vor den Wahlbüros mehr gegeben hatte wie in diesem Jahr. Am Abend wurden dann im belarussischen Fernsehen die vorläufigen Ergebnisse präsentiert. Nach ersten Hochrechnungen fiel die Wahl mit 80% der Stimmen auf Aljaksandr Lukaschenka. Dies war eine Reaktion auf die großen Friedensproteste in Minsk. Bereits seit vielen Wochen finden sich jeden Sonntag zwischen 150.000 und 300.000 Menschen zu Demonstrationen auf den Straßen der belarussischen Hauptstadt zusammen. Und auch in Kleinstädten und Dörfern demonstrieren zehntausende Menschen – eine weitere Neuheit für Belarus.

Das Ausmaß der öffentlichen Emotionen sowie die schwere Unterdrückung friedlicher Proteste durch Milizen und Armee in den ersten Tagen nach der Wahl haben das Leben vieler Menschen, darunter auch Wissenschaftler, ernsthaft unter Druck gesetzt. Ich selbst erinnere mich noch gut an die ersten drei Nächte als die Proteste mit Gewehren und Betäubungsgranaten erstickt wurden. Es waren die Tage, an denen man bis drei Uhr nachts nicht schlafen konnte, da aus verschiedenen Minsker Stadtteilen Explosionen zu hören waren. Ein Novum der ersten Tage war außerdem die fast vollständige Abschaltung des Internets, die den gewohnten Lebensstil der meisten Bürgerinnen und Bürger stark veränderte. Mithilfe dieser erschwerten Bedingungen sorgte die Regierung in den ersten Wochen dafür, dass ein normaler Arbeitsalltag in vielen Branchen unmöglich wurde. Die anhaltenden Proteste und Einschränkungen wurden zum Gesprächsthema vieler Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Im Falle der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und insbesondere der Historikerinnen und Historiker gestaltete sich die Situation meines Erachtens noch komplexer: Geistige Arbeit erfordert höchste Konzentration, was in einer Situation gesellschaftlicher Spannungen schwer zu erreichen ist. Darüber hinaus werden die Intellektuellen zu dem aktiven Teil der Gesellschaft gezählt, der an die Möglichkeit einer Veränderung glaubte und sich an kleineren oder größeren politischen Aktivitäten beteiligte. Wissenschaftliche Angelegenheiten waren zweitrangig geworden…

In Belarus existiert seit langem das Konzept einer „Staatsideologie“, deren Inhalt vielen nicht ganz klar ist. Der harte Kern dieser Ideologie ist jedoch die Loyalität gegenüber dem politischen System. Historikerinnen und Historiker, von denen die meisten in staatlichen Institutionen tätig sind, haben überwiegend unter vergleichbaren Bedingungen gearbeitet: Bestimmte Rationierungen bei der Durchführung von Forschungen gab es nicht und auch die Wahl von Forschungsfragen und -methoden war frei. Lediglich einige Themen wurden auf die sogenannte „Schwarze Liste“ aufgenommen, was mit bestimmten ideologischen Postulaten einherging, innerhalb derer Forschung betrieben werden konnte. Diese Einschränkung betraf insbesondere Forschungen zum 20. Jahrhundert im Allgemeinen und dem Zweiten Weltkrieg im Speziellen.

Nach den Wahlen und der Unterdrückung der Proteste mit Waffengewalt veränderte sich die Situation. Dies war insbesondere der Tatsache geschuldet, dass die Menschen gezwungen waren, sich klar zu positionieren: Entweder man erwies den Behörden gegenüber Loyalität oder man stellte sich auf die andere Seite. Dies wirkte sich auf die Arbeit wissenschaftlicher Institutionen aus, auch auf die des Instituts für Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus. Die Leitungen jedoch veränderten ihre Positionen in den meisten Fällen nicht. Langsam kristallisierte sich das von Lukaschenka in der Zeit von mehr als zwei Jahrzehnten geschaffene Regierungssystem als recht stabil heraus – in der Wissenschaft ebenso wie in anderen Bereichen. In vielen Zentren entstand eine „Bottom-up“-Bewegung: Arbeiterinnen und Arbeiter sammelten Unterschriften, forderten faire Wahlen und kämpften für ein Ende der behördlichen Gewalt. Die eigentliche Überraschung für die Belarussen selbst war jedoch die Stärkung der horizontalen Beziehungen und der Solidarität auf verschiedenen Ebenen, etwa auf Höfen, Straßen, in Stadtteilen sowie in unter Kolleginnen und Kollegen fanden sich Gleichgesinnte zu gemeinsamen Protesten zusammen.

Auch Monate nach den Wahlen ist die politische Zukunft von Belarus noch immer ungewiss, und damit auch die der Wissenschaft. Viele Leute vermuten, dass es angesichts des Ausmaßes der Entrüstung innerhalb der Gesellschaft unmöglich sei, in den Zustand vor den Wahlen zurückzukehren. Und auch ich bin davon überzeugt, dass sich das politische System ändern wird. Mit dem Ziel des Machterhalts werden die einflussreicheren politischen Eliten von heute sicherlich zu einer größeren Kontrolle über Bürgerinnen und Bürger und einer umfangreicheren Einschränkung ihrer Rechte übergehen. In der Folge werden sicherlich auch die wissenschaftlichen Zentren von einer gewissen Repression betroffen sein. Zwar mag die Zahl der bisherigen Entlassungen nicht groß sein, die Folgen könnten jedoch wesentlich schlimmer ausfallen, wenn die Rationierung der Aktivitäten verstärkt wird und die interne Zensur zurückkehrt. In der Konsequenz wird dies zu einer Abwanderung von Fachkräften, einer sinkenden Motivation junger Menschen, sich der Wissenschaft zuzuwenden, und zu einem allgemeinen Zusammenbruch der belarussischen Wissenschaft führen. Aus meiner Perspektive wird die Situation für Historikerinnen und Historiker unter diesen Bedingungen schwierig werden, da bei der Arbeit mit historischem Material viel vom eigenen Gewissen der Forscherinnen und Forscher abhängt, welches wiederum stark von externen Faktoren und der politischen Situation beeinflusst wird. Allgemein gesprochen werden sich Forschende gezwungen sehen, die erwähnte Staatsideologie zu unterstützen. Ohne Gedankenfreiheit fehlt die Grundlage für die Entwicklung der Geschichtswissenschaft. Die Zukunft der belarussischen Geschichtswissenschaft könnte jedoch ebenso gut von der Welle der Solidarität beeinflusst werden, die einige Teile der belarussischen Gesellschaft erfasst hat. Die jüngsten Ereignisse könnten zu einer stärkeren Konsolidierung unter belarussischen Historikerinnen und Historikern sowie zu einer Stärkung der informellen Beziehungen führen. Dies würde die Gelegenheit bieten, die Anstrengungen zu vereinen, die Freiheit der Wissenschaft gegen den staatlichen Druck zu verteidigen.

Belarus, September 2020
Dr. Mikola Volkau

Mikola Volkau ist Historiker und war bis November 2020 am Historischen Institut der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Belarus beschäftigt. Aufgrund von politischen Äußerungen wurde er im September 2020 verhaftet und verbrachte einige Tage im städtischen Gefängnis von Minsk. Von Januar bis März war Volkau als Stipendiat am DHI Warschau, wo er sein Projekt „Szlaki rozwoju. Kształtowanie się sieci drogowej w Wielkim Księstwie Litewskim w XVI–XVII Iw. oraz jej wpływ na ewolucję gospodarki i społeczeństwa” (Spuren der Entwicklung. Die Entstehung des Straßennetzes im Großherzogtum Litauen im 16. und 17. Jahrhundert und seine Auswirkungen auf die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft) präsentierte. Seine jüngste Publikation (Minsk 2020) beschäftigt sich mit Schlössern und Burgen der Radziwills in den belarussischen Ländern im 16. bis frühen 18. Jahrhundert.

Diesen Text finden Sie im aktuellen Newsletter (S. 12-13).

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