Die Frage struktureller Unterschiede zwischen Ost und West

Étienne François ist in Deutschland einem breiteren Publikum unter anderem als Mitherausgeber der Deutschen Erinnerungsorte bekannt. Im Rahmen der Dienstagsvorträge des DHI Warschau ging der renommierte französisch-deutsche Historiker in seinem Vortrag am 19. März der Frage nach, inwieweit strukturelle Unterschiede zwischen West- und Ostmitteleuropa die Diskurse über europäische Geschichte und die Gegenwart beeinflussen. Heute blieben, so der Referent, öffentliche Diskurse oft in der Dichotomie von Werturteilen stecken; die eigene Position werde zur „guten Seite“ erklärt, während von der „gegnerischen“ Seite die Bereitschaft zum Lernen, also zur Annäherung an die eigenen Erwartungen erwartet werde. Im derzeitigen konflikthaften Umgang zwischen den ostmittel- und westeuropäischen EU-Ländern bringen beide Seiten Gewissheiten ins Spiel, die zwar auf Tatbeständen beruhen, sich aber letztlich als Vorurteile entpuppen, so der Vortragende. Auf diese Weise werde das materielle Ost-West-Gefälle ins Feld geführt, ohne die erfolgreiche wirtschaftliche Integration der östlichen Länder in den EU-Binnenmarkt zu würdigen. Aus Sicht des Historikers mag die Wahrnehmung der ostmitteleuropäischen Gesellschaften als besonders EU-kritisch zwar auf einige ihrer derzeitigen Regierungen zutreffen, auf die Stimmung innerhalb der Bevölkerung hingegen weniger. Hier sei weiterhin eine eindeutig pro-europäische Positionierung zu erkennen.

Vor diesem Hintergrund sieht François in der Arbeit von Historikerinnen und Historikern die Möglichkeit, einen Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis in Europa zu leisten. Als fruchtbare Zugänge führte er transnationale Perspektiven auf nationale Erinnerungsorte, die Herausarbeitung gesamteuropäischer Entwicklungen, grenzüberschreitende Geistesströmungen und Migrationsbewegungen an. Dabei komme es vor allem darauf an, die Europäer als Erben einer gemeinsamen Vergangenheit zu verstehen. Deren Art der Aneignung und Erinnerung unterscheide sich allerdings von Land zu Land. Schließlich seien es die Nationalstaaten, die den Referenzrahmen für gesellschaftliche und politische Prozesse bilden, ohne die zentrale Transformationen wie etwa die Demokratisierung nach 1989 nicht vorstellbar wären. 

Das Bewusstsein über die Vielfalt und Konflikthaftigkeit der historischen, sich ständig wandelnden Verflechtungen zwischen Staaten und Gesellschaften, so François in seinem Plädoyer für einen Dialog der Historiker, rückten Ostmitteleuropa näher an den westlichen Teil des Kontinents. Unter zusätzlicher Berücksichtigung der Perspektiven der jeweils anderen Historiographien relativiere dies auch die klassischen Narrative eines sich einseitig von West nach Ost bewegenden Kulturtransfers. Die Frage nach imaginierten oder reellen Strukturunterschieden zwischen den Großregionen Europas scheint dabei in den Augen von Étienne François nur eine zweitrangige zu sein.

03
Sep
Tagung
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