Die Ostsee: literarische Konstruktionen einer Region

Im Ostseeraum leben verschiedene sprachliche Gemeinschaften zusammen. Seit vielen Jahrhunderten ist die Region ein Ort kultureller und gesellschaftlicher Austauschbeziehungen. Darum, wie der Ostseeraum in Mittelalter und Neuzeit als Region konstruiert und dargestellt wurde, ging es im Sommervortrag der Außenstelle Vilnius. Der Vortrag fand am 13. Juli 2021 im Rahmen des Thomas-Mann-Festivals in Nida statt und wurde von dem litauischen Historiker und Rektor der Universität Vilnius, Rimvydas Petrauskas, moderiert.

Michael North, Professor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Greifswald, begann seinen Vortrag mit einer allgemeinen Einordnung: Als Historiker verstehe er Literatur in einem weiten Sinne als all das, was schriftlich aufgezeichnet wird. Daran anknüpfend nahm er anschließend die literarischen Konstruktionen der Ostseeregion näher in den Blick. Den Ostseeraum präsentierte er dabei als einen Ort kultureller und gesellschaftlicher Austauschbeziehungen und erläuterte, wie in dieser Region ein Kultur- und Kommunikationsraum entstand.

Die ersten Wahrnehmungen des Ostseeraumes als Region habe es bereits im 11. Jahrhundert gegeben. Der Begriff „Ostsee“ sei erstmals vom Bremer Kleriker und Chronist Adam von Bremen erklärt worden, der die Bezeichnung in seiner Kirchengeschichte verwendete. Im 13. Jahrhundert sei die Region dann bereits als Pilger- und Handelsregion wahrgenommen und die Ost- und Nordsee auf einer Urkunde aus dem Jahr 1241 erstmalig in lateinischer und niederdeutscher Sprache bezeichnet worden.

In der Frühen Neuzeit, während Dänemark, Schweden und Polen um die Herrschaft der Ostseeküste kämpften, sei das dominium maris Baltici ebenfalls publizistisch begründet worden, so North. Niederländische Quellen sprachen vom Oostland und dieser Begriff wurde durch die niederländische Kartografie verbreitet. Dem Historiker zufolge wurde die Entstehung eines Kulturraumes im 18. und 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Bedingung für die literarische Rezeption dieser Region. Die Hofmeister, die in diesem historischen Raum als Erzieher des Adels dienten, hinterließen wichtige publizistische Quellen über die Region. Das Bild von Livland und Lettland beispielsweise wurde in Deutschland durch die Publikationen von Johann Gottfried Herder beeinflusst, der ins Baltikum berufen wurde.
Einen weiteren Teil des Vortrags nahm die romantische Neuentdeckung des Meeres ein. Dieses habe sich im 19. Jahrhundert in der literarischen Rezeption zu einem Sehnsuchtsort entwickelt. In dieser Periode entfalteten sich der Bäder-Tourismus sowie eine touristische Infrastruktur im östlichen Ostseeraum. Schriftsteller berichteten von ihren Sommerreisen an die Ostsee und auch Wilhelm von Humboldt beschrieb 1809 die Landschaft der Kurischen Nehrung. Auch in der Malerei wurde die Ostsee zu einem wichtigen Motiv. Hier führte North das Beispiel Caspar David Friedrichs an, der an der Ostseeküste aufwuchs und das Meer als Thema seiner Bilder wählte.

Abschließend stellte der Vortragende die Ostsee nicht nur als eine Missions-, Handels- und Herrschaftsregion, sondern auch als ein Sehnsuchtsort dar. Auffällig sei, dass dieser Region am Meer in der nationalen Literatur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. So stünden Fischer noch immer im Schatten von Bauern. Dieser wichtige Aspekt war auch Ausgangspunkt der angeregten Diskussion mit dem Publikum. Diskutiert wurde unter anderem, dass die Ostsee in der nationalen litauischen Literatur als fremder Bereich außerhalb des literarischen Kanons erschien.

Michael North studierte Osteuropäische Geschichte, Mittlere und Neuere Geschichte und Slawistik und promovierte 1979 in Gießen. Darauf folgten eine Museumsausbildung und ein wissenschaftlicher Museumsdienst in Hamburg und Kiel. Im Jahr 1988 wurde er in Kiel habilitiert und ist seit 1995 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuzeit in Greifswald. Zu seinen neusten Publikationen zählen Zwischen Hafen und Horizont: Weltgeschichte der Meere (München 2016) und Das Goldene Zeitalter global. Die Niederlande im 17. und 18. Jahrhundert (Köln/Weimar/Wien 2021).

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