Die Polenreise des Papstes 1979

© C.H. Beck

Die erste Polenreise von Papst Johannes Paul II. im Juni 1979 gilt als bedeutender Wendepunkt in der polnischen Zeitgeschichte. Doch welchen Einfluss hatte die Reise Johannes Pauls II. global betrachtet? Diese Frage stellte Frank Bösch, Direktor des Leibniz-Instituts für Zeithistorische Forschung in Potsdam, im Dienstagsvortrag am 26. Januar 2021. Der Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts präsentierte sein 2019 erschienenes Buch „Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann“ einem internationalen, virtuell zugeschalteten Publikum. Ausgangspunkt war die Kontextualisierung des Papstbesuchs mit anderen Ereignissen von 1979. Dieses Jahr sei als „weiche“ Zäsur zu sehen, so der Historiker. Im Mittelpunkt des Onlinevortrags standen globalgeschichtliche Wirkungen der Ereignisse von 1979 auf nationale Entwicklungen sowie vice versa. Ergänzend dazu erfolgte eine Perspektivausweitung auf das „Wendejahr“ 1989 als bedeutenden Bezugspunkt der (deutschen) Geschichte. Der Referent unterstrich, dass sich die Ereignisse von 1989 nicht aus sich selber erklären ließen.

Ins Zentrum seines Vortrages stellte Bösch strukturelle Wandlungs- und Kommunikationsprozesse vor und nach 1979, die die (Medien-)Ereignisse des Jahres erst ermöglichten. Er kontextualisierte die titelgebende Reise von Johannes Paul II. mit der Iranischen sowie der Sandinistischen Revolution in Nicaragua, mit den als „Boat People“ bezeichneten Flüchtlingen aus Südostasien, mit dem Aufstieg des Neoliberalismus sowie mit der wirtschaftlichen Öffnung der Volksrepublik China. Als Basis all dieser Entwicklungen nannte er zwei grundlegende Veränderungen: Auf der einen Seite sei ein Wandel der Mediennutzung zu beobachten. Diesen verdeutlichte er am Beispiel der medial unterstützten Konstruktion neuer Führungspersönlichkeiten (neben Johannes Paul II auch Margaret Thatcher oder Deng Xiaoping), welche den „Lauf der Dinge“ maßgeblich beeinflussen konnten. Und auch dem Live-Charakter des Mediums Fernsehen maß er in diesem Zusammenhang große Bedeutung zu. Auf der anderen Seite seien die 1970er Jahre von einer generellen Krisenwahrnehmung geprägt gewesen – ausgelöst u.a. durch die Ölkrise, ökologische Herausforderungen und militärische Aufrüstung. Im Jahr 1979 sei zudem ein Aufbrechen der bipolaren Weltordnung und der verstärkten Propagierung „dritter Wege“ zu beobachten. 

Am konkreten Fall des Papstbesuches verdeutlichte der Vortragende einerseits den besonderen Charakter der Papstreise: Nach 200 Jahren ohne vergleichbare Auslandsfahrten hätten sich die Inhaber des Stuhles Petri erst seit Paul VI. wieder auf Reisen begeben. Die Reiseintensität Johannes Pauls II. jedoch habe die seiner Vorgänger deutlich in den Schatten gestellt. Gleichzeitig, so Bösch, offenbare gerade der Besuch seines Heimatlandes einen Konflikt zwischen Staat und Kirche um den Charakter sowie die Darstellung des Besuches in den staatlichen polnischen Medien. Als besonders bedeutende Aspekte nannte er in diesem Zusammenhang den professionellen Umgang des Papstes mit den Massenmedien sowie die Entwicklung des Fernsehens und charakterisierte ihn somit als stellvertretendes Beispiel für die oben genannten medial konstruierten Führungspersönlichkeiten. Gerade die Spontanität des Papstes während seines Besuchs wie auch dessen durchgängige Begleitung durch das Fernsehen, welches in seiner Rolle als Live-Medium zudem eine Schutzwirkung vor (staatlicher) Gewaltanwendung besessen habe, hätten eine unzensierte Unmittelbarkeit der Ereignisse erzeugt.

Frank Bösch verwies zudem auf eine veränderte Wahrnehmung Polens, beeinflusst durch die mediale Darstellung der Reise. Der Umstand, dass die ganze Welt auf Polen zu blicken schien, habe zu einer Verkehrung des Polenbildes in westlichen Ländern und einer Politisierung der Religion geführt. Polen sei fortan als katholisches Land im sozialistischen „Ostblock“ wahrgenommen worden. Zugleich wies er darauf hin, dass Polen hinsichtlich der Erstarkung religiös motivierter (Gegen-)Bewegungen keinen Einzelfall darstelle. Zur Veranschaulichung dessen zog er Parallelen zu Entwicklungen in der DDR und den USA und kam zu dem Schluss, dass die Zeitenwende 1979 auch eine „Rückkehr des Religiösen in den öffentlichen Raum“ bedeutete. 

Die abschließende Diskussion unterstrich die zuvor thematisierte Bedeutung der Papstreise. Einige der zu Wort gekommenen Teilnehmer*innen teilten ihre persönlichen Erinnerungen an diese Zeit und die Wahrnehmung des Papstbesuches als „historisches Ereignis“. Diskutiert wurde ferner die Einschätzung des Referenten nach einem Aufbrechen der bipolaren Weltordnung sowie die Rolle und Funktion der Medien – sowohl im (langfristigen) Vorfeld als auch bei der Herstellung dieser Ereignisse. Frank Bösch verwies dabei auf die unterschiedliche Durchdringung mit elektronischen wie analogen Massenmedien in den jeweiligen Regionen. Zur Frage nach dem eingangs vorgestellten Verhältnis zwischen Strukturen und Ereignissen wurde bemerkt, dass Ereignisse als Manifestationen struktureller Wandlungsprozesse interpretiert werden können.

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