Die Slawen im Mittelalter zwischen Idee und Wirklichkeit

In Zeiten überhitzter Debatten um Identität steigt das Interesse an der Zuordnung einzelner Gesellschaften zu „Kulturen“, „Zivilisationen“, „Ethnien“. Unterschiede und Analogien werden ebenso wie Abgrenzungen, Integrationen und Assimilationen konzipiert, verschiedene „Welten“ konstruiert. Es wird versucht, zu eruieren, wer dazu gehört(e) und wer nicht. In dieser Gemengelage bot die polnische Übersetzung des im vergangenen Jahr erschienenen Buches von Eduard Mühle „Die Slawen im Mittelalter zwischen Idee und Wirklichkeit“ einen guten Anlass, im transnationalen Rahmen über das Thema zu diskutieren. Die Veranstaltung fand im Vortragssaal des Deutschen Historischen Instituts Warschau statt, weiteren Interessierten an anderen Standorten wurde die Teilnahme per Online-Übertragung ermöglicht. Mit Eduard Mühle debattierten der polnische Mittelalterarchäologe Przemysław Urbańczyk und der Historiker Stanisław Rosik.

Zu Beginn des Vortrags stellte sich eine grundsätzliche Frage: Gab es überhaupt „die Slawen“? Auf den ersten Blick mag diese Frage ketzerisch erscheinen. Beim näheren Hinsehen wird jedoch deutlich, dass es sich bei der Verwendung des in den Quellen in verschiedenen Konstellationen als Sclavi bekannten Namens um einen abstrakten Terminus handelt. Dieser sei grundsätzlich von außenstehenden Chronisten zur Abgrenzung der eigenen Bevölkerungsgruppe gebraucht worden, so Mühle. Später habe der Begriff dann Eingang in lateinische Quellen gefunden und sich zu einem Topos und Negativstereotyp entwickelt. Vor diesem Hintergrund entwarf der Historiker in seinem Buch eine doppelte Perspektive: Zum einen beschrieb er die „realen“ historischen Strukturen, die von den „frühslawischen“ Bevölkerungsgruppen und ihren ersten Herrschaftsbildungen im 7. bis 9. Jahrhundert, über die slawischsprachigen Reiche und nationes des 10. bis 12. bis zu den spätmittelalterlichen Gesellschaften des 13. bis 15. Jahrhunderts reichen. Zum anderen untersuchte er die Fremd- und Selbstbilder, mit deren Hilfe die Slawen seit dem 6. Jahrhundert immer wieder als kulturelles Konstrukt entworfen bzw. „erfunden“ wurden. In seinem Vortrag stellte Mühle dar, wie diese Bilder bereits im Mittelalter in verschiedenen Kontexten und zu unterschiedlichen Zwecken geschichtspolitisch instrumentalisiert wurden.
 
Die durch DHIW-Direktor Miloš Řezník moderierte Diskussion ergab keine grundlegenden Kontroversen. Umstritten war jedoch die Herkunft des Namens „Slawen“. Für den Warschauer Archäologen Przemysław Urbańczyk handelte es sich dabei eher um eine Außenbezeichnung als um eine Eigenbeschreibung. Der Breslauer Historiker Stanisław Rosik verwies wiederum auf die gemeinsamen Gottheiten und religiösen Vorstellungen bei etlichen, teilweise weit voneinander lebenden Slawengruppen. Existierte also doch eine slawische Identitäts- und Kommunikationseinheit, die auf denselben Ursprung zurückgeht? Diese Frage bleibt unbeantwortet und wird vermutlich Gegenstand zukünftiger Publikationen.

04
Nov
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