Die Untermieterin – Metaphern und Lebenswelten im Roman

© Karolis Bingelis

Der Roman „Sublokatorka“ [Die Untermieterin] von Hanna Krall, der im Pariser Exilverlag Libella im Jahr 1985 erschien, war Gegenstand des Vortrags am 29. April, der im Rahmen der Reihe „Montagsvorträge“ in Vilnius stattfand. Diese Vortragsreihe wird von der DHIW Außenstelle Vilnius in Zusammenarbeit mit der Universität Vilnius und dem Litauischen Historischen Institut organisiert.

Mit ihrem Vortrag zum Thema „Zur Untermiete. Über Metaphern und Lebenswelten“, der  im Kontext aktueller Debatten um das sogenannte polnische Holocaust-Gesetz stand, wollte Prof. Dr. Yfaat Weiss, Direktorin des Simon-Dubnow-Instituts in Leipzig, zu einer erneuten Lektüre dieses berühmten Romans motivieren. In ihrem Vortrag zeigte sie, dass den Roman „Die Untermieterin“ ein  semiautobiografischer Charakter auszeichne und er daher als eine Zusammensetzung von autobiografischen und autofiktionalen Elementen beschrieben werden könne. Laut der Historikerin sei das Buch von der Lebensgeschichte der Autorin selbst inspiriert, die den Zweiten Weltkrieg überlebte, indem sie sich bei verschiedenen polnischen Familien versteckt hielt.

Der Roman handelt von zwei Hauptfiguren: der Untermieterin Marta, die als Kind in Wohnungen polnischer Familien versteckt wurde, und Maria, die Tochter einer dieser polnischen Familien. Darüber hinaus zeigte die Vortragende auf, dass es sich bei Marta und Maria nicht um zwei strikt voneinander getrennte Figuren handele, sondern die Aufspaltung einer Persönlichkeit repräsentiert und eine Doppelidentität der Protagonistin dargestellt werde.

Weiss argumentierte, dass Kralls Publikation sehr stark in dem polnischen geschichtlichen Kontext verankert sei und damit eine Lesebarriere für nicht polnische Leser und Leserinnen darstelle. Der polnische Aufstand von 1944, die antisemitische Kampagne von 1968 und spätere historische Ereignisse im kommunistischen Polen seien alle ein Teil der Romanwelt.

Im Zentrum der anschließenden Diskussion mit dem Publikum stand die Frage zu unterschiedlichen Rezeptionen des Romans in Polen, Deutschland und Israel. Ebenso interessierten sich die Zuhörer für die Eigenständigkeit des Romans im Kontext anderer literarischer Werke der Autorin.

Yfaat Weiss ist Historikerin mit Professuren an der Hebräischen Universität Jerusalem und der Universität Leipzig sowie Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow. Zu ihren zahlreichen Publikationen gehören: „Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930–1933“ (Göttingen 2012) sowie „Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib und Haifas enteignete Erinnerung“ (Hamburg 2012).




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