„Differente Religion“ und die Entstehung der Moderne

Die erste Hälfte unserer Reihe „Dienstagsvorträge“ in diesem Jahr schloss Prof. Dr. Anne-Charlott Trepp aus Kassel mit ihrem Vortrag am 28. Mai. In kritischer Auseinandersetzung mit dem klassischen Konfessionalisierungsparadigma diskutierte sie die religiöse Pluralität in der Frühen Neuzeit und untersuchte alternative Religions- und Wissensformen in ihrer Bedeutung für die Entstehung der Moderne.

Trepp eröffnete ihren Vortrag mit der grundsätzlichen Frage, ob der Protestantismus bzw. die lutherische Reformation als alleiniger „Motor“ der Transformation zur Moderne interpretiert werden könne. Sie verwies auf weitere mögliche Determinanten der Transformation – darunter u.a. die Erweiterung des Begriffs „Reformation“ um dessen Pluralform zur Verdeutlichung der Vielzahl reformatorischer Ansätze – und erinnerte an die Relevanz des Calvinismus, dem die religionswissenschaftlichen Forschungen im 20. Jahrhundert große Bedeutung für den Transformationsprozess zuschrieben.
Als Beispiel für eine alternative Auseinandersetzung mit der Reformation führte Trepp das 1699/1700 erschienene Werk „Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“ von Gottfried Arnold an. Dieser würdige zwar die Reformation in ihren Anfangszügen, bewerte Luthers späteres Verhalten jedoch durchaus kritisch. Auch aus den Kreisen von Alchemisten, die ihren Gottesglauben durch naturphilosophische Inhalte ergänzten, seien kritische Auseinandersetzungen mit der Reformation überliefert.

Die Vortragende gab zu bedenken, dass eine strikte Einteilung von Religion in Konfessionen zur Missachtung prägender Bewegungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit führen könne. Da insbesondere spirituelle Bewegungen dieser Zeit einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Transformationsprozess gehabt hätten, sei die Einführung einer neuen Terminologie zu erwägen: Durch die Implementierung des Begriffs der „differenten Religionen“ würden einerseits neue Betrachtungsperspektiven auf die religiöse Pluralität in der Frühen Neuzeit ermöglicht als auch ein neuer Deutungsrahmen für die Entstehung der Moderne geschaffen.

Fragen und Anmerkungen zu Wurzeln und Dauer des Urchristentums, der Popularität Martin Luthers als Reformator sowie zu umstrittenen Bewegungen wie dem Kreationismus standen im Zentrum der anschließenden Diskussion.

Anne-Charlott Trepp ist Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Kassel. Sie ist seit 2017 Sprecherin des beantragten SFB 1453 "Tier-Mensch-Gesellschaft. Animation – Regulation – Transformation (Tier-ART)". Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Religions- und Wissensgeschichte, der historischen Zukunftsforschung, der Geschichte der Tier-Mensch-Beziehungen, der Verflechtungs- und Missionsgeschichte, der Geschlechtergeschichte sowie in der Geschichte der Aufklärung.

03
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