Euroskepsis in der Geschichte der europäischen Integration

Europa und die Europäische Union sind aktuell stark kontrovers diskutierte Themen. Immer häufiger hört man Stimmen, die sich gegen eine europäische Integration aussprechen. Die Vielfalt und Dynamik dieser kritischen Haltungen sind große Herausforderungen für die Erforschung des Euroskeptizismus. Das Projekt „(De)Constructing Europe. EU-Scepticism in European Integration History“ rückt genau diese Phänomene in den Vordergrund. Es erforscht die historischen Wurzeln und transnationalen Beziehungen und zeichnet die komplexe Dynamik des Wandels nach, die in der Debatte über die Bedeutung und Zukunft der europäischen Integration zu beobachten ist.

Der erste Workshop des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Dreijahresprojekts fand vom 31. August bis 2. September statt. Gastgeber war das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), welches das Projekt gemeinsam mit den DHIs in London, Rom und Warschau durchführt. An der Veranstaltung nahmen DoktorandInnen und Post-Docs, die Leiterinnen und Leiter der Institute sowie der Projektkoordinator Philipp Müller (HIS) teil. Das DHI Warschau war durch Olga Gontarska, Beata Jurkowicz und Miloš Řezník vertreten. 

Der Workshop begann mit einer Diskussion über die Projekte der einzelnen Teilnehmenden, in der es insbesondere um den thematischen Umfang, methodische Fragen und Forschungsperspektiven ging. Die Diskussion am Nachmittag stand unter dem Titel „Euroskeptizismus in der Geschichte der europäischen Integration“. Der erste Workshoptag endete mit einem Vortrag von Wolfram Kaiser (Portsmouth und Brügge), welcher in die „Historisierung des Euroskeptizismus“ einführte und Spielarten der kritischen Auseinandersetzung mit der Europäischen Union beleuchtete. In der von Philipp Müller moderierten Sektion am zweiten Tag wurden die Projekte der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer besprochen und kommentiert, um anschließend über deren Konkretisierung und Möglichkeiten der thematischen Weiterentwicklung zu diskutieren.

Während des Workshops wurde wiederholt die Forderung laut, die Dominanz der politikwissenschaftlichen Perspektive zu brechen. Die Forschenden sprachen sich dafür aus, diesen Rahmen zu sprengen, der die Forschung zum Euroskeptizismus dominiere. Auch praktische Aspekte wie die Ausweitung der Quellenbasis oder die Einbeziehung verschiedener Gruppen – z. B. Vertreter von Eliten (Christina von Hodenberg) oder lokalen Gemeinschaften (Wolfram Kaiser) – wurden diskutiert. Dies könne dabei helfen, die Projektziele in vollem Umfang zu verwirklichen und die Stimmung in der Öffentlichkeit sowie die Faktoren, die sie beeinflussen, besser zu verstehen. Wolfram Kaiser betonte die Bedeutung interkultureller Erfahrungen von Euroskeptikern. In seinen Augen seien diese bestimmend für deren Haltung. Er plädierte dafür, sich nicht nur darauf zu beschränken, Diskurse zu rekonstruieren und zu analysieren. Auch sollten deren Auswirkungen untersucht werden und die Frage danach, wie die Diskurse zur Erreichung politischer Ziele eingesetzt werden. Wolfgang Knöbl verwies abschließend auf den Begriff des „leeren Signifikanten“ (Laclau, 2001), der es wert sei, ebenfalls bei der Definition und Interpretation von Konzepten, die sich auf die geplante Forschung beziehen, berücksichtigt zu werden.

20
Okt
Kolloquium
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