Gespräch über die Anwesenheit der Abwesenheit

Das 19. Lelewel-Gespräch widmete sich Polen, Litauen, Belarus und der Ukraine in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Vernichtung der Juden sowie die Verfolgung der verbliebenen slawischen Bevölkerung durch das Deutsche Reich waren die Gesellschaften dieser Länder nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch große soziale Leerstellen geprägt. Das Lelewel-Gespräch fand im Rahmen der Konferenz „No Neighbors‘ Land“ statt und widmete sich der Frage, wie die ostmitteleuropäischen Nachkriegsgesellschaften mit der Abwesenheit der einstigen Nachbarn umgingen.

Die von Felix Ackermann (DHIW) moderierte Diskussion mit dem Titel „Living with the Dead. New Approaches to the Aftermath of World War II“ brachte die Perspektiven von Expertinnen und Experten für vier historisch eng miteinander verwobene Länder zusammen. Anna Wylegała von der Universität Warschau gab Einblick in ihre Forschung über die Ukraine. Anika Walke von der Washington University in St. Louis teilte ihre Ergebnisse für das sowjetische Belarus. Der Warschauer Philosoph Andrzej Leder stellte seinen Zugang zu Polen nach Kriegsende vor. Und Violeta Davoliūtė von der Universität Vilnius berichtete über die Rückkehr der litauischen Juden, die 1941 ins Innere der Sowjetunion deportiert wurden.

Anna Wylegała argumentierte, dass sich das Fehlen der ehemaligen Nachbarn in der Ukraine in einer komplexen Dysfunktionalität des sozialen Gefüges niederschlug. Die Abwesenheit jüdischer Händler, Handwerker und Ärzte transformierte einst funktionierende Kleinstädte in agrarisch geprägte Großdörfer. Wylegała problematisierte den Begriff der Ethnie. Das Fehlen der Juden sei nicht aufgrund ihres „Jüdischseins“ ins Gewicht gefallen, sondern aufgrund ihrer Bedeutung für die lokale Gesellschaft. Diesem Gedanken folgte Anika Walke, die den weißrussischen Ort Beschankowitschy raumanalytisch betrachtete. Sie forderte, voreilig verwendete Analysekategorien von Ethnie, Religion oder Gender zu vermeiden. Walke beobachtet in Beschankowitschy, dass der Bevölkerung die einst jüdische Prägung des Orts ebenso wie die Erschießung der Juden durch die deutschen Besatzer und ihr Verscharren in einem nahegelegenen Massengrab zwar bekannt sei; eine aktive Rolle spiele das jüdische Erbe im öffentlichen Diskurs und Gedenken aber kaum. Ähnliches beobachtet Violeta Davoliūtė in Litauen. Sie befasste sich mit jüdischen und nichtjüdischen Deportierten aus dem besetzten Litauen in die Sowjetunion und erinnerte an die spezielle Situation ihrer Rückkehr nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei betonte sie auch, dass die Erfahrungen Überlebenden des Holocaust im litauischen Erinnerungsdiskurs kaum repräsentiert seien.

Einen theoretischen Impuls zur Diskussion um das Vergessen der einstigen Nachbarn gab Andrzej Leder mit seiner Einführung in seinen psychoanalytischen Zugang. Er sieht einen Ursprung des unterbewussten Verdrängens im interpassiven Erleben der von den deutschen und sowjetischen Besatzern freigesetzten Gewalt.

18
Dez
Kolloquium
Frédéric Stroh (Université de Strasbourg): Strafverfolgung von Homosexualität in den angegliederten ostgebieten (1939-1945)
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