Imperiale Herrschaft im Königreich Polen

Der Altmarkt mit der Paulinerkirche in Warschau, 1851-1900

Nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands (1863-64) führte das russische Imperium ein neues Verwaltungs- und Kontrollsystem ein. Die zaristische Verwaltung, der Aufstieg des russischen Nationalismus und das höchst wechselhafte Verhältnis der kaiserlichen Bürokratie zur polnischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Thema des englischsprachigen Montagsvortrags. Malte Rolf, Professor für die Geschichte Europas der Neuzeit in Oldenburg, war am 26. April zu Gast in unserer Außenstelle Vilnius.

Den Beginn seines Vortrags widmete der Historiker der russischen Bürokratie und den zaristischen Statthaltern und Beamten in Polen. Ihm zufolge hätten die höchsten Vertreter des Imperiums realisiert, dass sie in Polen auf die Unterstützung lokaler politischer Akteure angewiesen waren. Um ihr Ziel zu erreichen und die komplexe polnische Gesellschaft zu regieren, mussten sie mit lokalen politischen Akteuren interagieren. Diese Art der Kooperation habe dazu geführt, dass sich Stadtpräsidenten, wie beispielsweise Warschauer Ortsvorsteher, als tatkräftige Fürsprecher für die Entwicklung der Stadt einsetzten. Sie unterstützten den Bau von Markthallen und einer Kanalisation und initiierten weitere Investitionen in die städtische Infrastruktur. Dass die kaiserliche Bürokratie somit keineswegs als monolithisch bezeichnet werden könne und die russischen Beamten keine untrennbare Einheit der Verwaltung gebildet hätten, veranschaulichte der Vortragende anhand dieser ausgewählten Beispiele. 

Neben der umfassenden Darstellung der imperialen Bürokratie nahm Malte Rolf anschließend den Aufstieg des russischen Nationalismus genauer unter die Lupe. Er fragte danach, inwieweit Nationalisten innerhalb der russischen Gemeinschaft im Königreich Polen mit den oberen Schichten der staatlichen Bürokratie in Konflikt gerieten. Auch die Rolle öffentlich geäußerter extremer Vorstellungen von Nationalismus in Bezug auf den traditionellen imperialen Rahmen kam zur Sprache. Rolfs Erkenntnissen zufolge blieben die nationalistischen Kräfte in diesem Zusammenhang jedoch erfolglos. Dennoch zeige dieser Konflikt sehr deutlich, wie sich der grundsätzliche Antagonismus zwischen Vertretern der imperialen Struktur und den lokalen russischen Nationalisten im Weichselland entwickelte.

Abschließend diskutierte der Oldenburger Historiker die Wechselwirkungen und Beziehungen zwischen der Metropole des russischen Imperiums und seiner Peripherien. Dabei betonte er, wie prägend die jahrhundertelange imperiale Herrschaft im Königreich Polen für das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung der Russen gewesen sei. Diese Herrschaft habe nicht nur eine bemerkenswerte Wirkung auf das Zentrum ausgeübt, sondern darüber hinaus auch eine neue Form des russischen Nationalismus hervorgebracht.

Der Onlinevortrag wurde durch eine angeregte Diskussion ergänzt. Darin wurden neben historiografischen Fragen, der imperialen Politik und den Spannungsverhältnissen in den Bereichen Bildung und Religion auch postkoloniale Studien und deren Anwendbarkeit auf diese Fallstudie diskutiert. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Vilnius und dem Litauischen Historischen Institut organisiert.

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Nov
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