Leben unter deutscher Besatzung

Paris, Frauen mit Judenstern beim Einkaufen, 1942 Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R99297 / CC-BY-SA 3.0

Zum Thema „Leben unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg“ organisierte die Prager Außenstelle des DHIW gemeinsam mit dem Collegium Carolinum München und dem Institut für das Studium der totalitären Regime (ÚSTR) am 9. November 2020 einen Onlinevortrag. Darin stellte die Prof. Tatjana Tönsmeyer (Wuppertal) einen kleinen Ausschnitt ihres aktuell laufenden Forschungsvorhabens zur nationalsozialistischen Okkupationspolitik in Europa vor. Schwerpunktmäßig nahm die Historikerin dabei außer Kraft gesetzte Routinen, neue Chancen und Gesellschaften unter Stress in den Blick.

Zu Beginn betonte Tatjana Tönsmeyer, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges sei bisher vor allem als Geschichte der nationalsozialistischen Expansion und ihrer Akteure geschrieben worden. Dabei werde der Schwerpunkt zumeist auf den Holocaust und Wehrmachtsverbrechen gelegt. Hinzu komme in vielen ehemals besetzten Ländern eine starke Ausrichtung auf Widerstandsbewegungen. Deutlich weniger befasst habe sich die Forschung hingegen mit den Auswirkungen der Besatzung auf den Alltag lokaler Bevölkerungen. Das Alltagsleben sei jedoch auf vielfältige Weise durch die Besatzung beeinflusst gewesen, nicht zuletzt durch die Notwendigkeit zur Interaktion zwischen Besetzten und Besatzern. Die Vortragende fragte nach der Handlungslogik der Betroffenen und zeigte, auf welche Weise eine solche Betrachtung zu einer weiteren Kontextualisierung der Shoah beitragen könnte.

Für ihre Analyse stellte Tönsmeyer drei Gruppen gegenüber — Besatzer, Juden und Nicht-Juden — und schilderte deren asymmetrische Beziehungen und subjektive Erfahrungen vor Ort. Soziale Beziehungen im Krieg seien stets durch Gewalt geprägt gewesen. Die Besatzer hätten unter einer existenziellen Bedrohung gestanden, die sich auf ihre Verhaltensmuster und Handlungsweisen auswirkten. Diese Situation habe unterschiedliche Strategien generiert und beispielsweise zu einer Umschichtung der Gender- und Familienverhältnisse geführt. Aufgrund der Abwesenheit von Männern hätten zurückgebliebene Frauen, Kinder, Alte, Behinderte und Verletzte eine Vielfalt von Überlebenspraktiken entwickelt. Sie hätten mit einer schwierigen Wohnungs- und Versorgungslage umgehen müssen und sich mit Nachbarn und Verwandten zusammengeschlossen, betonte Tönsmeyer. Die meist mit der kommunistischen Diktatur assoziierte Mangelwirtschaft, in der Rationierung, Schwarzmarkt sowie lange Schlangen vor Geschäften an der Tagesordnung waren, habe es auch während des zweiten Weltkriegs gegeben.

Als im gesamten besetzten Europa die Fremdherrschaft herrschte, trennte man in den okkupierten Städten die deutschen Besatzer streng von der einheimischen Bevölkerung. Einen Alltag mit Privatsphäre gab es nicht mehr. Nach Anbruch der Dunkelheit wurde eine Sperrstunde eingeführt, den Besatzern standen bessere Wohnungsviertel, Schulgebäude und Geschäfte zur Verfügung. Ein Teil der städtischen Bevölkerung wurde auf dem Land einquartiert, wo sich ihre Lebensbedingungen noch verschärften. Vielerorts gab es eine Gemeindestationierung, die Menschen wurden in Keller gebracht oder mussten sich in der Kanalisation verstecken.

Die Umsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner, die Haus und Heim verloren, so Tönsmeyer, erinnere an die Kolonialphantasien, die die imperialen Mächte im 19. Jahrhundert in der außereuropäischen Welt realisierten. Rassismus und Antisemitismus seien so zum Bestandteil des Alltagslebens geworden. Nicht zuletzt sei die Geschichte des Zweiten Weltkriegs vor allem eine Geschichte des Verlusts der Familie: Lebenswelten wurden zerstört, Emotionen und Gefühle wie Trauer, Ohnmacht, Angst, Stress oder Wut häuften sich. All dies sei in zahlreichen Briefen und Tagebüchern festgehalten. Vor allem jüdische Menschen hätten in dieser Zeit täglich eine doppelte Bedrohung erlebt. Gehe es nach Tönsmeyer, solle man die Geschichte des Holocausts jedoch nicht ausschließlich auf eine passive Leidensgeschichte reduzieren, sondern müsse auch die Frage nach beschränkten Handlungsoptionen stellen. Unter den harten Bedingungen in den Internierungslagern sei ein Überleben ohne große Handlungskraft nicht möglich gewesen.

Im Schlusswort wies die Referentin auf die regionalen Unterschiede in der Besatzung hin und erklärte, es sei auch vorgekommen, dass Besatzer den Besetzten neben Repression und Verfolgung verschiedene Optionen und Chancen boten. So hätten sich während der Besatzungszeit soziale Strukturen reproduzieren können, die eine Besatzungsgesellschaft konstituierten. Die Geschichte dieser Gesellschaft aus der europäischen Perspektive müsse jedoch erst noch geschrieben werden.

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