Metternich – Stratege und Visionär

Zum Thema „Metternich als Stratege und Visionär“ referierte Prof. Dr. Wolfram Siemann am 14. November 2019 in Prag. Im gemeinsam von der DHIW-Außenstelle, dem Collegium Carolinum München und dem Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften organisierten Vortrag präsentierte der emeritierte Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München einige Erkenntnisse seines 2016 erschienenen Buches.

Einleitend nahm Siemann Bezug auf die Bedeutung Metternichs altehrwürdiger Herkunft für seine politische Karriere. Clemens Fürst von Metternich gehörte einem über Generationen zurückreichenden Adelsgeschlecht an. Als Reichsgraf war er weitverzweigt über Zentraleuropa mit anderen adeligen Familien verwandt. Er selbst maß seiner adeligen Herkunft große Bedeutung bei, fühlte sich dazu berufen, über Länder und Leute zu herrschen. Die Französische Revolution erschütterte jedoch sowohl seinen privilegierten sozialen Status als auch seinen rheinländischen Grundbesitz. Auch den gewalttätigen Sturm auf das Straßburger Rathaus im Jahr 1789 erlebte er mit. Dass er sich sein Leben lang von Revolutionsprojekten aller Art distanzierte die Revolution auch als persönliche Bedrohung wahrnahm, überrascht daher nicht.

Eine weitere Erkenntnis, die Wolfram Siemann vorstellte, revidierte den Ausdruck von Metternichs „Polizeistaat“. Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert wurde dieser mit der Geheimpolizei („Gestapo“ oder „Stasi“) assoziiert und mit geheimen Inhaftierungen und Exekutionen in Verbindung gebracht. Diese Assoziationen entsprächen jedoch nicht der Realität des fragmentierten Habsburgerreichs, das vor 1848 aus vielen partikulären Ländern und Territorialeinheiten bestanden habe, so Siemann. Metternichs Auffassung des „Policeystaats“ war vielmehr die Fortsetzung der Zentralisierungsreformen Josephs II. Vom altdeutschen Wort „Policey“ abgeleitet, bezeichnete dieser Begriff die gesamte innere Staatsverwaltung.

Nach Auffassung Siemanns gilt Metternich als bestes Beispiel für ein Individuum mit multiplen Identitäten: Einerseits sah er sich als Rheinländer, gegenüber Napoleon sowie in seiner Wiener Staatskanzlei trat er als Deutscher auf. Dies bedeutete allerdings keine nationale Partikularität: Metternich verteidigte den Vielvölkerstaat und vertrat den Grundsatz, dass keine Nation bevorzugt werden dürfe. Nicht ein geschickt getarntes absolutistisches Herz, sondern die Idee der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Nationen ließen ihn daran zweifeln, ob die vielen Völker dieses riesigen Reichs Österreich von nur einem einzigen Parlament vertreten werden können. In diesem Zusammenhang wurde der Deutsche Bund, in dem viele unterschiedliche Nationalitäten zusammenlebten, zu Metternichs Vorbild.

Abschließend beschäftigte sich der Vortragende mit Metternichs politischer Orientierung selbst. Der Reichsgraf sei ein Bewunderer der englischen Verfassung gewesen, der die Werte des englischen Gentry teilte, wonach Freiheit wichtiger als Gleichheit sei. Während seiner diplomatischen Mission in London habe er öffentlichen Meinungsaustausch und heftige Diskussionen im britischen Parlament miterlebt und beobachten können, wie öffentliche Konflikte zu einem politischen Kompromiss führen konnten.  Das englische Modell mit einer starken Kraft des politischen Gemeinwesens bewertete er als vorbildlich; nicht zuletzt, weil auch er selbst sich in seiner öffentlichen Tätigkeit gegen jede Form von Extremismus und politischen Fanatismus aussprach. Metternich habe sich für Freiheit des Gewerbes, einen offenen Kapitalmarkt und den Abbau von Handels- und Zollschranken ausgesprochen und sei daher als fortschrittlicher Konservativer zu sehen.

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