Minsk-Protokolle - Entlassene Wissenschaftler/innen berichten

Die Entlassenen vor dem Präsidium der Akademie der Wissenschaften 
 © Andrei Liankevich

Am Institut für Geschichtswissenschaften der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Minsk verloren zum 31. Dezember 2020 zwölf Historikerinnen und Historiker ihre Arbeit. Sieben wurden die Verträge nicht verlängert, fünf kündigten aus Solidarität selbst. Vertreter des Instituts erklären, es handle sich um einen normalen Vorgang. 2021 beginne ein neues Großprojekt, für das die Arbeit der Historikerinnen und Historiker nicht benötigt werde.

Gemeinsam mit dem Tadeusz-Manteuffel-Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften haben wir ein Stipendienprogramm für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belarus gestartet. Es richtet sich an diejenigen, denen die Möglichkeit genommen wurde, ihren Beruf in ihrem Heimatland auszuüben. Wir freuen uns, ab dem 1. Februar die ersten Gastwissenschaftler bei uns in Warschau begrüßen zu dürfen. Dies möchten wir zum Anlass nehmen, um einige von ihnen vorzustellen. Diana Siebert und Felix Ackermann stellten den Entlassenen fünf Fragen. Im Folgenden präsentieren wir ihre Antworten, gegliedert in die Rubriken "Haltung", "Gewerkschaft", "Solidarität", "Entlassungen", "Veränderungen" und "Pläne". Beginnen möchten wir mit dem Gespräch mit Vadzim Anipiarkoŭ:

Haltung
Soweit ich den Mut dazu aufbrachte, erlebte ich den August und den September 2020 nicht als Historiker, sondern als einfacher Bürger und zivilgesellschaftlicher Aktivist. Um ehrlich zu sein, habe ich es in dieser Zeit nicht geschafft, auch nur eine einzige Zeile eines wissenschaftlichen Textes zu verfassen. Ich konnte mich kaum von den Geschehnissen in Belarus lösen. Zwar kehrte ich gelegentlich zum „Handwerk des Historikers“ zurück, doch aus psychologischen Gründen konnte ich nicht einfach weiterarbeiten. Ich weiß, dass eine ganze Reihe meiner Kollegen das auch nicht kann. Als Historiker habe ich natürlich für mich analysiert, was in Belarus vor sich ging. Mir war die Bedeutung der Ereignisse für das Schicksal meines Volkes klar. Ich sollte auch anmerken, dass ich bei der Beschäftigung mit der politischen Geschichte des Polnisch-Litauischen Reichs der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (insbesondere der Periode der Konföderation von Targowica kurz vor der zweiten Teilung 1793) viele Analogien gefunden habe: die russische Vorherrschaft, eine anhaltende Souveränitäts- und Legitimitätskrise, die Besonderheiten der Beziehung zwischen einer gewaltsam durchgesetzten politischen Macht und der Gesellschaft, unterschiedliche Strategien des Verhaltens der Menschen in instabilen politischen Verhältnissen usw. Ich glaube jedoch, dass die Versuchung, in all diesen Ereignissen nach historischen Analogien zu suchen, die Achillesferse eines jeden Historikers ist.

Gewerkschaft
Am Institut für Geschichtswissenschaften veränderte sich das Verhältnis zur Leitung eigentlich schon ab dem Dezember 2019, als Kacjaryna Kryvičanina und Aliaksej Šalanda anstelle der von der Verwaltung vorgeschlagenen Kandidaten als Vorsitzende der regulären Gewerkschaft gewählt wurden. Im Zuge der politischen Proteste wurde der Umstand, über eine „eigene“ Gewerkschaft zu verfügen, ab August 2020 zu einem wichtigen Faktor bei der inneren Konsolidierung der Wissenschaftler. Damit landete das Institut für Geschichte in Sachen Proteststimmung sofort auf dem ersten Platz unter allen Instituten der Akademie der Wissenschaften. Die Verwaltung reagierte entsprechend harsch – die erste Person aus dem Institut für Geschichte, die über die Nichtverlängerung des Arbeitsvertrags informiert wurde, war die Vorsitzende der Gewerkschaft, Kacjaryna Kryvičanina. Diejenigen Mitarbeiter, die aus politischen Gründen nach dem Artikel 23.34 des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten (wegen der Teilnahme an angeblich illegalen Kundgebungen, Anm. d. Ü.) verurteilt wurden, weil sie Haltung gezeigt haben, wurden inzwischen ebenfalls entlassen. Ich gehöre zu denjenigen, die aus Solidarität mit ihnen ihren Vertrag gekündigt haben und hatte zuvor von der Verwaltung erfolglos eine Vertragsverlängerung für sie gefordert.

Solidarität
Rein nominell bin ich also nicht entlassen worden. Ich kündigte gemeinsam mit vier weiteren KollegInnen aus Solidarität mit den KollegInnen. Angesichts der Tatsache, dass ich im Endeffekt einen Vertrag für drei Jahre aufgegeben habe, ist dies für mich ein Schritt in die Unsicherheit, die nicht nur mit dem Verlust des konkreten Arbeitsplatzes zusammenhängt. Er bedeutet auch, dass ich aus dem belarusischen institutionalisierten staatlichen Wissenschafts- und Bildungssystem falle. Ich glaube nicht, dass ich nach der Beteiligung an Petitionen, Streikposten, Videobotschaften, Medienberichten usw. in diesem System wieder einen Job finden kann und ich – selbst wenn das überraschenderweise passiert – in diesem System normal arbeiten kann, ohne dafür im Gegenzug auf meine ethisches Rückgrat und mein Gewissen verzichten zu müssen. Auf der anderen Seite betrachte ich das als eine neue persönliche und berufliche Herausforderung, die mich dazu zwingt, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, um in der Wissenschaft zu bleiben.

Entlassungen
Es ist ganz offensichtlich, dass bei den Entscheidungen über die de facto Entlassungen vonseiten des Instituts für Geschichte keine wissenschaftlichen Kriterien angewandt wurden. Es wurden just diejenigen Verträge mit den Wissenschaftlern nicht erneuert, die einerseits offen und gemeinsam ihre politische Position zum Ausdruck brachten. Andererseits sind es zugleich die wichtigsten und in einigen Fällen sogar die einzigen Vertreter zentraler Bereiche der belarusischen Historiographie: etwa der Heraldik, der Forschungen zum Buchdrucker und Übersetzer Francisk Skaryna, der Geschichte der ersten belarusischen Zeitung „Naša Niva“, die Eindämmung der Folgen von Tschernobyl usw. Es ist schlicht Unsinn zu behaupten, dass diese Fachrichtungen und Themen nicht mehr notwendig seien. Darüber hinaus müssen fast alle profilierten Spezialisten für die politische Geschichte des Großfürstentums Litauen im 13.-18. Jahrhundert das Institut verlassen. Die Leitung des Institutes führte mit mir ebenso wie mit den anderen Aktivisten mehrfach „Präventionsgespräche“ durch. Damit einher ging die ausdrückliche Bitte, auf die Darstellung meiner politischen Ansichten  während des Besuchs von Aljaksandr Lukašenka in der Akademie der Wissenschaften im September 2020 zu verzichten. Man hat mich sogar eigens auf Geschäftsreisen außerhalb von Minsk geschickt, weil man fürchtete, dass wir erneut einen Streikposten organisieren würden. Unter diesen Umständen war für jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin des Institutes für Geschichtswissenschaften klar, dass, wenn es nicht zu einem Wechsel des politischen Regimes kommen würde, der Verzicht auf offene Kritik der laufenden Geschehnisse im Land zum entscheidenden Faktor für die Aufrechterhaltung des eigenen Arbeitsplatzes am Institut werden würde. Deshalb musste jeder für sich eine Entscheidung treffen.

Veränderungen
Um etwas an der Akademie der Wissenschaften zu verändern, müssten Führungspositionen von Abteilungsleitern bis hin zum Direktor des Instituts durch die Mitarbeiter gewählt werden. Die Gründung unabhängiger Gewerkschaften müsste möglich sein. Und die Einstellung neuer Mitarbeiter sollte ausschließlich auf Grundlage wissenschaftlicher Leistungen und nicht aufgrund der Loyalität gegenüber der Leitung erfolgen. Dabei sollten auch ethische Fragen eine Rolle spielen. Für mich persönlich ist die Bereitschaft zur Solidarität durch jeden einzelnen von großer Bedeutung. Ich bevorzuge, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die früher in ihrem Leben keine Angst hatten, einen Streikposten einzunehmen, gegen den Entzug der Freiheit der KollegInnen zu protestieren, ihre Arbeit in Solidarität mit den Entlassenen zu kündigen, auf eigene Initiative ihre Einkommensquellen zu teilen usw. Und ich freue mich, dass das Institut für  Geschichtswissenschaften stolz sein kann, solche Menschen in den eigenen Reihen zu haben. Eines der jüngsten Beispiele für Solidarität war die Reaktion auf die Mitteilung der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius, dass sie für drei entlassene Mitarbeiter des Instituts für Geschichte halbe Stellen anbieten könne. Die drei eingeladenen MitarbeiterInnen haben umgehend auf die Hälfte ihres Gehaltes verzichtet und der Leitung der EHU vorgeschlagen, ihre ohnehin nur halben Stellen zu halbieren und damit drei weiteren Kollegen eine Anbindung zu ermöglichen. Ich selbst profitiere von dieser Form der Solidarität. 

Pläne
Hätte ich drei weitere Jahre eine Förderung, würde ich die Monographie „Intervention unter dem Deckmantel der Demokratie: pro-russische Konföderationen von 1792–1793 im Großfürstentum Litauen“ abschließen. Darüber hinaus möchte ich auf die Erfahrungen meiner bisherigen Arbeit in der Abteilung für Quellenkunde und Archäographie des Instituts für Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften und bei der Veröffentlichung von Dokumenten dieser Art in einem gemeinsamen Projekt mit polnischen Kollegen zurückgreifen. Des Weiteren möchte ich ein schon vor langer Zeit konzipiertes Editionsprojekt des Briefverkehrs zwischen russländischen Militärbeamten und diplomatischen Amtsträgern bezüglich der Zweiten Teilung des Polnisch-Litauischen Reichs in Angriff nehmen. Es geht um unveröffentlichte Quellen aus den wichtigsten Archiven in der Russischen Föderation. Die Vorarbeiten zur Sammlung dieser Briefe in den genannten Archiven und ihre vollständige Digitalisierung sind bereits abgeschlossen. Was meine eigene Monographie betrifft, so möchte ich basierend auf meinen Forschungen zur Zweiten Teilung Aspekte der politischen Anthropologie vertiefen: Mich interessieren die Beziehungen zwischen der Gesellschaft und Vertretern einer unpopulären – weil von außen aufgezwungenen – politischen Macht. Daraus ergibt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Mitteln und Mechanismen des Drucks auf Bürger sowie offenen und verborgenen Formen gesellschaftlichen Widerstands. Ich beschäftige mich mit dem Fragenkomplex, auf welche Weisen der lokale Adel auf die politischen Veränderungen reagierte, die durch die russländische Intervention hervorgerufen wurden. Dabei untersuche ich die Vielfalt und die Vieldeutigkeit der Motive einzelner Vertreter der höheren Stände für die Kooperation mit unpopulären Machthabern oder umgekehrt für den Dienstverzicht und die Auswanderung. Der Inhalt einer solchen Monografie beruht auf der Analyse diplomatischer, militärischer und innenpolitischer Quellen, mit denen ich bereits seit vielen Jahren in Archiven von Belarus, Litauen, Polen und Russland gearbeitet habe und auch weiterhin arbeiten möchte. 

Übersetzt von Alena Halauko

Die Minsk-Protokolle wurden zuerst bei „Stimmen aus Belarus“ veröffentlicht, einem Projekt, das unser wissenschaftlicher Mitarbeiter Felix Ackermann im August 2020 als Reaktion auf die massive Gewalt in der Republik Belarus auf den Weg gebracht hat. Die Erstellung der Protokolle wurde von n-ost unterstützt. 

Hier gelangen Sie zum Onlineauftritt des Projekts Stimmen aus Belarus.

Hier finden Sie alle Protokolle, Interviewfragen und Informationen zum Projekt als PDF. 

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