Pommern im Herbst 1939

Fotos: © Muzeum Piasnickie

Anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf Polen fand vom 3. bis 5. September 2019 in Wejherowo die Konferenz „The Occupation of Nazi Germany: Pomerania in the Autumn of 1939 and the Pomeranian Crime“ statt. Die Veranstaltung wurde vom DHI Warschau in Kooperation mit vier weiteren Partnerinstitutionen organisiert, dem Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, dem Kaschubischen Institut Danzig sowie dem Piaśnica Museum in Wejherowo. Es nahmen Historikerinnen und Historiker aus Polen und Deutschland teil. Die Konferenz verband drei Perspektiven – einen ganz Polen umfassenden Blick auf die deutsche Besatzung, die regionale Fokussierung auf die Geschehnisse in Pommerellen sowie die museumspädagogischen Aktivitäten des Muzeum Piaśnickie.

Im ersten Komplex standen neben Struktur und Methoden des Besatzungsregimes und vor allem Alltag und Verhaltensstrategien der Bevölkerung in den besetzten Gebieten im Fokus. Dies bildete die Folie für den regionalgeschichtlichen Themenkomplex. Dabei wurde deutlich, dass sich die deutsche Besatzung Pommerellens von anderen Gebieten teilweise stark unterschied. Für die Nationalsozialisten war klar, dass Pommerellen als ein Gebiet, das als Provinz Westpreußen bis 1919 zum Deutschen Reich gehört hatte, annektiert werden sollte. Umso entschlossener wollten sie gegen die polnische Bevölkerung dieser Region vorgehen. Besonders der Umstand, dass sich die kaschubische Bevölkerung mehrheitlich als Polen verstand, weckte ihr Misstrauen. In den ersten Kriegstagen organisierten die Deutschen mit Hilfe von SS und Volksdeutschem Selbstschutz, aber auch von Wehrmacht und Polizei Massaker, denen bis Oktober 1939 etwa 30.000 Menschen zum Opfer fielen. Unter ihnen waren vor allem Angehörige der polnischen Intelligenz, Aktivisten polnischer Organisationen, aber auch zahlreiche Juden und Insassen psychiatrischer Einrichtungen. Das Zusammenspiel von „Intelligenzaktion“, „T4-Aktion“ und dem Germanisierungswahn von Gauleiter Forster führte zu einer bis dahin nicht gekannten Dimension des Massenmords. Das Ausmaß der bis heute nur unzureichend untersuchten Mordaktionen ist in dieser Kriegsphase in Polen ohne Beispiel, weshalb einige Historiker den Begriff „Zbrodnia Pomorska“ (Massaker von Pommerellen) eingeführt haben.

Der dritte thematische Schwerpunkt ergab sich aus dem Profil der gastgebenden Institution, dem Piaśnica Museum in Wejherowo. Im Wald von Piaśnica (Piasnitz) nördlich von Wejherowo (Neustadt in Westpreußen) ermordeten SS und Volksdeutscher Selbstschutz zwischen Oktober 1939 und April 1940 10.000 bis 13.000 Menschen. Unter ihnen befanden sich Angehörige der lokalen polnischen und kaschubischen Führungsschicht, polnische Kriegsgefangene, aber auch Patienten polnischer und deutscher psychiatrischer Heilanstalten. Die größte Gruppe bildeten indes Deportierte aus dem Reichsgebiet, darunter politische Häftlinge, Juden, polnische Arbeitsmigranten. Nach dem Krieg wurde die Erinnerung an den Massenmord von staatlicher Seite unterdrückt, passte die kaschubische und deutsche Herkunft eines guten Teils der Ermordeten doch nicht so recht in die volkspolnische Geschichtserzählung. Ende 2015 wurde auf Initiative des Staatssekretärs im Kulturministerium, Jarosław Sellin, das Piaśnica Museum als Filiale des Museums der Gedenkstätte in Stutthof gegründet. Die vom Museum auf der Konferenz gezeigten Filme machten deutlich, in welchem Konfliktfeld sich diese junge Einrichtung heute befindet: Auf der einen Seite stehen die Forschungsarbeiten zahlreicher Historiker, die die Vielschichtigkeit der regionalen Geschichte und die heterogene Herkunft der Opfer von Piaśnica aufarbeiten. Das dem Konzept des Museums zugrundeliegende Narrativ konzentriert sich indes auf die Heroisierung der polnischen Opfer der Intelligenzaktion und blendet jene Aspekte aus, die die Geschichte von Piaśnica so kompliziert machen.

Vor diesem Hintergrund zeigte die Veranstaltung nicht nur weiterhin bestehende Forschungslücken zur deutschen Herrschaft im besetzten Polen auf. Es wurde auch deutlich, dass der wissenschaftliche Austausch polnischer und deutscher Historiker keinen Schaden nehmen muss, wenn staatliche Akteure den Ertrag historischer Forschung in ganz eigener Weise interpretieren.

18
Dez
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