Residenzprogramm an der Außenstelle Prag

Prager Wohnung des DHI Warschau für Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler

Michael G. Müller © Privatarchiv Michael G. Müller

Neue Mariensaule und neue Dekoration der Teynkirche © Privatarchiv Michael G. Müller

Seit Beginn des Jahres 2020 ist das DHI Warschau stolzer Besitzer einer Wohnung in der tschechischen Hauptstadt. Die 136 Quadratmeter in der Prager Altstadt stehen Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern für einen Forschungsaufenthalt zur Verfügung. Die Wohnung befindet sich in zentraler Lage zwischen wichtigen Forschungsstandorten wie der Tschechischen Nationalbibliothek und der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität samt Bibliothek. Außerdem ist durch die unmittelbare Nähe zur Prager Außenstelle des DHI Warschau der Kontakt zu ortskundigen Wissenschaftlern gegeben. Als ersten Gastwissenschaftler konnten wir vom 15. Januar bis 15. Juni 2020 Prof. Michael G. Müller vor Ort begrüßen. Ein Bericht aus Prag:

Die Wohnung in der Valentinská-Straße als fellow in residence des DHI Warschau bewohnen zu dürfen, ist ein großes Privileg. Das war mir natürlich bewusst, schon bevor meine Frau und ich im Januar dieses Jahres von Berlin nach Prag aufbrachen. Was dieses Privileg konkret ausmachte, was es an erwarteten und unerwarteten Vergünstigungen umfasste, erfuhren wir in den folgenden fünf Monaten.

Die wertvolle Zeit in Prag war vorab (so glaubte ich!) gut verplant. Sie sollte genutzt werden, um die Arbeit an einem kleinen Buch über Religionsfrieden im Europa des 16. Jahrhunderts voran zu bringen – besonders um meine Wissenslücken in Bezug auf Böhmen zu schließen, durch Recherchen in der Nationalbibliothek und durch Konsultationen mit den in der Sache kompetenten Prager Kolleginnen und Kollegen. Vom Balkon der großen Gästewohnung in der Valentinská-Straße konnte ich sogar meine favorisierten Arbeitsorte mit bloßem Auge sehen: rechts das Klementinum (die Národní knihovna), links die Philosophische Fakultät der Karls-Universität (mit dem Historischen Institut und dessen Bibliothek). Für den schnellen Zugang und für die entscheidenden Kontakte sorgte – immer hilfsbereit, ideenreich und kompetent – der Leiter der Prager Außenstelle des DHIW, Zdeněk Nebřenský. So entwickelte sich alles nach Plan, besser sogar und produktiver als erwartet – bis zur Ausrufung des Pandemie-Notstands am 12. März 2020.

Wie kann man einen Forschungsaufenthalt unter den Bedingungen von Quarantäne und akademischem Shutdown noch sinnvoll nutzen? Nach einigen Tagen der Unsicherheit und Ratlosigkeit zeichnete sich ein improvisierter Plan B für die Arbeit im Homeoffice ab. Er beinhaltete Zweierlei: einerseits die in den ersten Wochen aufgespürten Fährten weiter zu verfolgen – durch Lektüre jener Quellen und Literaturpositionen auf meiner Agenda, welche online zugänglich waren – und andererseits zu schreiben.

Der Ertrag: Es entstanden zwei Kapitel des geplanten Buchessays. Oder besser gesagt: Entwürfe für diese Kapitel, mit etlichen Lücken dort, wo Einzelheiten nicht weiter recherchiert, Belege nicht überprüft oder Hypothesen nicht in der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen getestet werden konnten. Für das eine Kapitel, über Hintergründe und Wesen der Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts, existierte schon ein Konzept. Aber die in Prag gewonnenen Einsichten lieferten neuen Stoff und gaben dem Argument schärfere Kontur. Ausgehend von dem Wirken des Prager Theologen Johannes Militius (Jan Milíč, ca.1320–1374) wird nachgezeichnet, wie sich im „langen 15. Jahrhundert“ das Tableau der großen Fragen (des Wandels der Theologie, der Frömmigkeitskultur, der Kirchenkritik und Kirchenreform) entfaltete, die dann auch im Zentrum der Reformation stehen sollten. Diskutiert wird außerdem, aufgrund welcher kirchlich-theologischen und weltlich-politischen Konfliktlagen zu erklären ist, warum es zu dem reformatorischen Schisma kam. Warum wurde Jan Hus einfach als Ketzer hingerichtet? Warum führte Zwinglis und Luthers Rebellion gegen die Alte Kirche zur Glaubensspaltung? Das andere Kapitel behandelt die Frage, ob und wie ein Frieden zwischen den gerade gespaltenen Bekenntnissen im 16. Jahrhundert denkbar war. Hier geht es darum, einen im wesentlichen negativen Befund darzustellen und zu erklären. Die Reformation an sich, so könnte man sagen, beruhte auf dem Prinzip der Unversöhnlichkeit. Gemeint ist die Unversöhnlichkeit der (durch die Lutheraner wohl am frühesten und am schärfsten formulierten) Grundannahme, dass es in den Fragen des wahren Glaubens keine „Nebendinge“, d.h. keine zu vernachlässigenden Deutungsunterschiede gebe, über die man eventuell verhandeln oder Kompromisse hätte schließen können. Ein Paradox: Was die Alte Kirche noch im 15. Jahrhundert an Heterodoxie aushalten und unter ihrem Dach vereinigen konnte, wurde im Zeichen des „konfessionellen Fundamentalismus“ zum Anlass für veritable Glaubenskriege, und zwar auch innerhalb des reformatorischen Lagers.

Der intellektuelle Ertrag des Aufenthalts in der Valentinská-Straße hatte aber auch noch andere Dimensionen. Da waren die langen Wanderungen durch die „geschlossene“, deshalb aber auch von Touristen freie Stadt. Auch an den Straßenzügen, Plätzen und Fassaden kann man die städtische Landschaft lesen. Die Landschaft des kaiserlich-aristokratischen wie des bürgerlichen Prag, die der altkatholischen, der hussitisch-utraquistischen und gegenreformatorischen Kirchenkultur sowie die des jüdischen Prag. Letzteres wirkt in seiner Musealisierung gewissermaßen erstarrt. Auf anderen Ebenen ist die Denkmalkultur aber stark in Bewegung. Im Mai erlebten wir die Verwandlung des Altstädter Rings: Die Wiedererrichtung der 1918 gestürzten Mariensäule als Kontrapunkt zum monumentalen Hus-Denkmal sowie die Anbringung eines weithin sichtbaren goldenen Utraquisten-Kelchs an der Vorderfront der Teynkirche.

Wichtige, gute Erfahrungen waren aber auch die (zwangsläufig beschränkten) Begegnungen mit Menschen, die Kollegen und Freunde oder auch beides sind. Das galt keineswegs nur für die unmittelbaren Ratgeber für meine Arbeit, allen voran Zdeněk Uhliř (Národni knihovna), sondern auch für Freunde, die meine Frau und ich in Prag wiederfanden, um alte Gespräche und Diskussionen fortzusetzen – so Miroslav Hroch, mit dem wir seit den 1990er Jahren eng verbunden sind, oder Jakub Štofaník, mein besonders kluger und sympathischer Doktorand an der International Max Planck Research School in Halle. Nicht zuletzt erinnere ich mich sehr dankbar an die vielen, auch in Quarantäne-Zeiten möglichen Gespräche mit Zdeněk Nebřenský – über wissenschaftliche Themen und über „Gott und die Welt“. Wir haben Prag Mitte Juni mit Wehmut verlassen.

Michael G. Müller ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Gründungsdirektor des Aleksander-Brückner-Zentrums für Polenstudien. Dort beschäftigt er sich mit einem Projekt zum Thema „Religionsfrieden und religiöse Kohabitationsordnungen in Ostmitteleuropa im 16./17. Jahrhundert“. Im Rahmen seiner Forschungstätigkeit war er von Mitte Januar bis Mitte Juni als Gastwissenschaftler des DHI Warschau in Prag, wo er unter anderem im Mai ein Online-Kolloquium zum Thema „Glaubensspaltung und Religionsfrieden im Europa des 16. Jahrhunderts“ leitete. 

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