Tschechen auf Reisen

Zum Thema „Tschechen auf Reisen: Repräsentationen der außereuropäischen Welt und nationale Identität in Ostmitteleuropa, 1890-1938“ referierte Dr. Sarah Lemmen (Universität Kiel) am vergangenen Donnerstag in Prag. Im gemeinsam von der DHIW-Außenstelle, dem Collegium Carolinum München und dem Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften organisierten Vortrag präsentierte die Referentin das Thema ihrer jüngsten Veröffentlichung.

Zu Beginn ihres Vortrags bemerkte Lemmen, die Forschungen zur tschechischen bzw. tschechoslowakischen Geschichte – insbesondere die zur Geschichte der Nationsbildung im 19. und 20. Jahrhundert – seien stark auf die innere Entwicklung der böhmischen Länder oder aber auf mitteleuropäische Beziehungen und Konflikte konzentriert. Im Fokus stünden daher vorwiegend deutsch-tschechische Beziehungen, Konflikte im Rahmen der Habsburger Monarchie oder Analysen der panslawischen Bewegung im 19. Jahrhundert. Die neueren Ansätze zur Globalgeschichte hingegen konstatierten mehrheitlich eine Phase der „ersten Globalisierung“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während sie sich vornehmlich emit Beziehungen zwischen Kolonialzentren und deren Kolonien oder dem Verhältnis zwischen verschiedenen Wirtschaftsmächten beschäftigten, finde der ostmitteleuropäische Raum darin kaum Beachtung.

Lemmen betonte, dass die tschechische Auseinandersetzung mit globalen Prozessen spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und auch in der Zwischenkriegszeit (also seit der Hochphase der Nationalisierungsprozesse und Nationalkonflikte) immer mehr an Bedeutung gewinne. Die globale Verortung der tschechischen Gesellschaft stellte die Historikerin anhand von tschechischsprachigen Debatten und Publikationen über Asien, Afrika, und Lateinamerika vor. Demnach seien die neuen Möglichkeiten des Reisens eine Grundbedingung für die tschechische Aneignung der außereuropäischen Welt gewesen. Diplomaten, Kaufleute, Ökonomen, Journalisten, Wissenschaftler und Touristen reflektierten über wirtschaftlichen Export, Emigration oder die globale Verortung der Tschechoslowakei. In den Reiseberichten, die zu den Hauptquellen ihrer Untersuchung zählten, spiegelte sich die Abgrenzung der Tschechen von den Einheimischen auf der einen Seite und von den Vertretern der Kolonialmächte auf der anderen Seite. Tschechische Reisende sahen sich selbst als „Reisende zweiter Klasse“. Demonstrativ lehnten sie imperial verstandenen Luxus ab und beschrieben ihren eigenen Weg durch die Welt.

Die damaligen Reiseberichte weisen eine verdichtete Darstellung der tschechischen Präsenz auf. Sie präsentierten dem heimischen Publikum eine Welt, in der die Tschechoslowakei einen weltweit bekannten und präsenten Staat verkörperte. Und hiermit schließt sich der Kreis, denn zur Erhöhung der globalen Bekanntheit der Tschechoslowakei nach 1918 wurden unter anderem die Errichtung von Kolonien und insbesondere der Export von Produkten „Made in Czechoslovakia“ gefordert. Gemeinsam wurde beides für die Reisenden zum Symbol eines erfolgreichen, ernstzunehmenden Staates. Diese Entwicklungen wirkten sich zudem auf die nationale Selbstwahrnehmung aus: Reisende selbst verstanden sich als Vertreter einer zentralen, mitteleuropäischen Macht, die tatsächliche Position der Tschechoslowakei in der neuen globalen Nachkriegsordnung war jedoch zwiespältig. Die präsentierten Reiseberichte dienen als Beleg für den Widerspruch zwischen der überschätzten Selbstwahrnehmung der Reisenden und der in Wahrheit weitaus geringeren globalen Bekanntheit der Tschechoslowakei im ausklingenden 19. Jahrhundert.

Dr. Sarah Lemmen ist Historikerin und Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt auf ostmitteleuropäischer Geschichte. Seit Juni 2018 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Kiel. Zuletzt erschien: Tschechen auf Reisen. Repräsentationen der außereuropäischen Welt und nationale Identität in Ostmitteleuropa 1890-1938, Köln-Wien: Böhlau, 2018.

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