Vaterlandszeichner in Ostmitteleuropa – Die Geschichte der Geografie

Das Thema seiner mehrfach ausgezeichneten Monografie „Vaterlandszeichner. Geografen und die Grenzen Zwischenkriegseuropas“ (Warschau 2017) war Gegenstand des Vortrags von Maciej Górny am 28. Februar in Prag. Im gemeinsam vom DHI Warschau, dem Collegium Carolinum München und der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität organisierten Vortrag gab der Historiker einen umfassenden Einblick in die Raumvorstellungen in Ostmitteleuropa nach 1918.

Als größtes Hindernis bei der Wiederaufnahme des internationalen Wissenschaftslebens nach dem Ersten Weltkrieg gelten nach Aussage Górnys die Spannungen in der Politik. Aufgrund des Drucks französischer und belgischer Wissenschaftsinstitutionen seien deutsche Geografen auf internationalen Konferenzen, Kongressen und in wissenschaftlichen Projekten lange Zeit boykottiert worden. Dieser Boykott, der sich später auch auf österreichische und bulgarische Kolleg/innen ausweitete, hatte zur Folge, dass der Einfluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit prodeutschen Sympathien, lange Zeit deutlich begrenzt war.

In seinem Vortrag verdeutlichte Górny, dass geografische Karten keine objektive Realität repräsentierten, sondern als rhetorische Akte vielmehr eine eigene Realität kreierten. Karten heben demnach bestimmte Aspekte hervor und verbergen dabei andere, wodurch sich unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten ergeben, denen wir bei ihrer Betrachtung unterliegen. Oft bedienen sich Karten vielfältiger Werkzeuge und Symbole, die ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit konstruieren. Der erste Weltkrieg hob die ethnischen Verhältnisse in Ostmitteleuropa von einem Nischenthema für Wissenschaftler in die Kategorie wichtiger und beachtenswerter Angelegenheiten. Ein Beispiel hierfür stellt der tschechische Geograf Vladimír Sís dar, der einst eine Karte erstellte, die die Provinz Mazedonien als Gebiet mit eindeutigem Übergewicht der slawischen – bulgarischen – Bevölkerung zeigte. Mit seiner Darstellung eines Mazedoniens ohne Serben positionierte er sich deutlich gegen die ethnografischen Chauvinisten.

In ähnlicher Weise seien auch Geologie, Klima und Vegetation präsentiert worden, so Gorny. Der tschechische Botaniker Karel Domin beispielsweise habe eine Zone mit hohem Buchenbestand grafisch mit der des tschechischen Nationalgebiets verbunden. Dies machte er zum Pfeiler einer allgemeineren These über die Verbindung zwischen Besonderheiten der tschechischen Flora und der Humangeografie. Domin präsentierte durch seine geografische Darstellung, dass die tschechische und mährische Vegetation zweifellos nach einem unabhängigen Staat verlange.

Zum Schluss seines Referats demonstrierte Górny, dass die Idee der Geografie als Dienst für das Vaterland während des Ersten Weltkrieges und vor allem während der Pariser Friedenskonferenz einen konkreten Inhalt bekam. Geografen wurden zu tatsächlichen Vaterlandszeichnern und brachten sich in den Prozess der Begründung der neuen Grenzen Europas ein. Den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Patriotismus könne nur schwer ignoriert werden. Zweifellos habe man es mit engagierten Geografen zu tun, die Ziele verfolgten, welche mitunter im Gegensatz zur Wissenschaft standen. In geografischen Karten habe sich dabei oft der Nationalismus verschiedener ideologischer Schattierungen widergespiegelt.

Prof. Dr. Maciej Górny studierte Geschichte, Polonistik, Philosophie, Slawistik und Hungaristik im Rahmen der Interdisziplinären Fakultät der Warschauer Universität. Nach  mehreren Forschungsaufenthalten in Berlin, Prag, Wien und Jena ist er seit 2014 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am DHI Warschau tätig. Zuletzt veröffentlichte er: Der vergessene Weltkrieg: Europas Osten, 1912-1923 (gemeinsam mit Włodzimierz Borodziej und Bernhard Hartmann).


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