Zeugnisse der Gegenwart - Zur Dokumentation des russischen Angriffskriegs in der Ukraine

Der Workshop „Witnessing the Now“ brachte am Deutschen Historischen Institut Warschau Initiativen zusammen, die den laufenden russischen Angriffskrieg in der Ukraine dokumentieren. Im Zentrum der Diskussionen am 27. und 28. Mai standen ethische und methodische Herausforderungen der Arbeit mit Geflüchteten, die Zeugnis von den ersten Wochen des Überfalls und der folgenden Gewalt ablegen.

Das gemeinsam mit dem Zentrum für Stadtgeschichte in Lemberg, der schottischen St. Andrews Universität sowie dem Institut für Soziologie der Polnischen Akademie organisierte Fachgespräch legte den Fokus auf die bereits begonnene Dokumentationsarbeit in der Ukraine. Dort sind in Folge der Ausweitung der russischen Kampfzone mehrere Millionen Bürgerinnen und Bürger der Ukraine Binnenflüchtlinge geworden. Natalia Otrishchenko berichtete von der Arbeit des Zentrums für Stadtgeschichte, das in der westlichen Ukraine bereits mehrere Dutzend lebensgeschichtliche Interviews geführt hat.

Małgorzata Łukianow und Anna Wylegała begleiten das Projekt vonseiten der Polnischen Akademie der Wissenschaften, um auch in Polen Interviews führen zu können. Die Kiewer Journalistin Natalia Patrikeeva produziert mit dem Verein After the Silence Podcasts mit Stimmen von Betroffenen des Krieges. Victoria Donovan und Diana Vonnak sind an der St. Andrews Universität damit beschäftigt, die Dokumentationen des heute in der Ukraine geführten Krieges in einem breiteren Kontext von Forschung zu Gewalt und Trauma zu kontextualisieren. Iryna Kashtalian von der Universität Bremen berichtete von den Aktivitäten des Belarussischen Oral History Archives zur Dokumentation der Massenproteste 2020 und dem folgenden Exodus aus der Republik Belarus. Alexandre Germain und Machteld Venken von der Universität Luxembourg demonstrierten, wie mit Technologien der Digital Humanities die Tonfiles lebensgeschichtlicher Interviews archiviert und automisiert in Text überführt und indexiert werden können. Taras Nazaruk vom Zentrum für Stadtgeschichte erklärte, wie derzeit Telegram-Kanäle archiviert werden können.

In einer Podiumsdiskussion „Facing Violence, When, Why and How to Document Violence“ erinnerte Natalia Aleksiun an die historischen Erfahrungen verfolgter Juden, die noch während des Holocaust im durch das Deutsche Reich besetzten Polen die Lage der jüdischen Bevölkerung dokumentierten. „Sie waren damals noch nicht mal Überlebende, viele von ihnen erlebten das Kriegsende nicht“, betonte Aleksiun und erinnerte an die Bedeutung der Dokumente, die im Ringelblum-Archiv im Warschauer Ghetto sowie ab Sommer 1944 durch die Jüdischen Historischen Kommissionen gesammelt wurden. Der Moderator Felix Ackermann betonte, dass der Verweis auf die Shoah nicht mit einer automatischen Gleichsetzung von Zweiten Weltkrieg und dem heute in der Ukraine geführten Krieg einhergehe. Es sei aber vergleichbar, dass im Juli 1944 ebenso wie heute nicht absehbar war, wie lange die Kampfhandlungen anhalten würden. An einem zweiten Workshoptag diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die zukünftige Zusammenarbeit in Kooperation mit dem Zentrum für Stadtgeschichte bei der Dokumentation des russischen Angriffskriegs.

04
Jul
Tagung
History from below: Microhistorical Approaches to the History of East European Jewry
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