Zwischen Untergang und Selbstbehauptung – Honeckers glückliches Jahr 1987.

©Mindaugo Mikuleno

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Die besondere Bedeutung des Jahres 1987 für die Entwicklung der DDR war Gegenstand des Abendvortrags von Martin Sabrow, der in der vergangenen Woche als Referent am DHI Warschau zu Gast war. Sein Vortrag, den er am 26. Februar am Hauptsitz des DHI in Warschau und einen Tag zuvor in der Außenstelle Vilnius hielt, nahm die Wahrnehmungen der Deutschen Demokratischen Republik und ihres Generalsekretärs Erich Honecker in den Blick und veranschaulichte die Dissonanz zwischen äußerer Festigung und innerer Auflösung der SED-Herrschaft in den Jahren vor 1989.

Zu Beginn zeichnete Sabrow zunächst die in Honeckers Selbstwahrnehmung triumphale politische Bilanz  des Jahres 1987 nach und betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz seines Bonn-Besuchs, den er als dessen Höhepunkt klassifizierte. Noch nie zuvor habe der selbstbewusste Generalsekretär die Zügel der Macht so fest in seiner Hand gewusst wie zwei Jahre vor dem Zerfall der DDR. Seine Zusammenkunft mit der politischen und wirtschaftlichen Elite in der Bundesrepublik sei somit als großer politischer Erfolg zu werten. Ergänzt worden sei die Erfolgswelle Honeckers, so Sabrow, durch das 750-jährige Jubiläum der Stadt Berlin, das mit einer feierlichen Eröffnung des rekonstruierten Nikolaiviertels sowie mit einem üppigen Festzug aus 40.000 Mitwirkenden in Ost-Berlin zelebriert wurde. Diese fünfstündige Inszenierung verdeutlichte, wie gefestigt und selbstbewusst sich die DDR zu diesem Zeitpunkt glaubte.

Auch die enorme Anzahl an Städtepartnerschaften zwischen beiden deutschen Staaten, die ursprünglich dazu dienen sollte, das Sozialismusbild der BRD-Teilnehmenden zu korrigieren, wertete Sabrow als Indiz für den Erfolg der DDR-Politik. Honecker gelang es, sein Land im Jahr 1987 als einen in sich stabilen und außenpolitisch erfolgreichen Staat darzustellen.  

Laut Martin Sabrow sei dieser Öffnungskurs zur damaligen Zeit von den Ostberliner Machthabern als ungefährlich erachtet worden. Tatsächlich müsse dieser Anerkennungsgewinn jedoch als schimärisch gewertet werden. In den folgenden Jahren sah sich das SED-Regime nämlich einer Dialektik von äußerer Festigung und innerer Erosion gegenüber, die direkt zum Untergang der DDR von 1989 führte.

Die historische und politische Entwicklung in der DDR stand auch im Zentrum der anregenden Diskussionen mit dem Publikum. Während sich die litauischen Besucherinnen und Besucher vornehmlich für die Rolle Moskaus in der Dreiecksbeziehung Bonn – Ost-Berlin – Moskau interessierten und die Darstellbarkeit des Systembruchs durch die autobiografische Perspektive eines Individuums thematisierten, rückten in Warschau die Beziehung zwischen Honecker und Oskar Lafontaine sowie dessen eventuelle Mitwissenschaft über die politischen Pläne Honeckers in den Vordergrund. Auf die Frage danach, ob die Mehrheit der DDR-Bürger die politischen Entscheidungen des Generalsekretärs möglicherweise aus Stolz auf ihr Land unterstützt hätte, betonte Sabrow die stark variierende lokale Perspektive und verwies diesbezüglich auch auf die schlechte Quellenlage zur Stimmung im Volk.

Martin Sabrow ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Zuletzt erschien: Erich Honecker: Das Leben davor. 1912-1945 (München 2016), ausgezeichnet mit dem Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung 2017.

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