Abtreibung und Verhütung in Ostmitteleuropa

Quelle: Staatliches Archiv Banská Bystrica

In Polen demonstrieren seit Oktober 2020 tausende Frauen gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes. Ähnlich wie in Polen ist auch in der Slowakei eine klare Politisierung von Abtreibung und Verhütung zu beobachten. Im breiteren Kontext hängt diese mit der Auffassung der modernen Familie und der Familienplanung zusammen. Doch wie lassen sich diese Phänomene historisch einordnen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Heidi Hein-Kircher, Leiterin des Projekts „‚Familienplanung‘ in Ostmitteleuropa vom 19. Jahrhundert bis zur Zulassung der ‚Pille’“ am Herder-Institut Marburg. Am 18. März hielt sie gemeinsam mit Denisa Nešťáková einen Vortrag zu diesem Thema. 

Obwohl die Praktiken der Verhütung und der Abtreibung zu den frühesten „Interventionen in die Biologie- und Menschenprozesse“ zählen, werden sie von der politischen Öffentlichkeit erst seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts thematisiert. Ihre Beobachtungen zu diesem Phänomen beschrieb Heidi Hein-Kircher im ersten Teil des Doppelvortrags. Ende des 19. Jahrhunderts sei es in Wissenschaft, Technik und hinsichtlich des Lebensstandards zu bedeutenden Entwicklungen gekommen. Die Säkularisierung der Gesellschaft habe unter anderem zu einem veränderten Verständnis von Familie und Familienwerten geführt. Die Konsequenz: eine sinkende Geburtenrate. Zur normativen Lebensform wurde schließlich die „moderne nukleare Familie“, bestehend aus ausschließlich blutsverwandten Eltern und ihren Kindern. Diese unterschied sich deutlich zur traditionellen Form, in der die gesamte Hausgemeinschaft zur Familie zählte. In dieser Zeit sei ein Aufschwung des modernen Interventionsstaates zu beobachten. Dieser habe zur Entstehung einer Sozial- und Populationspolitik beigetragen, die auch Regelungen zur Familienplanung mit einschloss.

In der westlichen Welt ist die historische Untersuchung der Familienplanung im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bereits sehr fortgeschritten. Darüber hinaus wurden dazu zahlreiche Studien aus der Frauen-, Sozial-, Medizin- und Alltagsgeschichte realisiert. In Osteuropa hingegen seien zur Geschichte der Familienplanung nur wenige Studien veröffentlicht worden, erklärte Hein-Kircher. Ihren Forschungen zufolge liegt die Aufmerksamkeit dieser hauptsächlich auf der Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Außerdem habe sich diese Forschung ausschließlich auf kürzere Zeitspannen im 20. Jahrhundert fokussiert und die longue durée-Perspektive außer Acht gelassen. Vor dem Hintergrund dieser Forschungslücke sprach sich die Vortragende deutlich dafür aus, die Entwicklung der Familienplanung in Ostmitteleuropa genauer zu untersuchen. Der Fokus der Untersuchung solle dabei nicht nur auf der Familienplanung in Polen und den Böhmischen Ländern liegen, sondern auch die Entwicklungen in weiteren ostmitteleuropäischen Staaten berücksichtigen. Schließlich lasse sich daran eine einflussreiche transnationale Politik ablesen. Die Entwicklung der Familienplanung seit Mitte des 19. Jahrhunderts sei daher als Paradebeispiel des Wissens- und Kulturtransfers zu sehen.

An diese Erkenntnisse knüpfte Denisa Nešťáková im zweiten Teil des Vortrags an. Sie stellte die Slowakei als von der Ostmitteleuropaforschung vernachlässigtes Land heraus. Hier seien Abtreibungen explizit vom Kriminalgesetzbuch Österreich-Ungarns verboten worden. Das Verbot blieb auch nach 1918 in Kraft, als die Slowakei der ersten tschechoslowakischen Republik beitrat. In der Zwischenkriegszeit habe es Bestrebungen gegeben, das Gesetz aufzuheben. Als Vorbild dafür galten die sozialdemokratische Politik der Weimarer-Republik und die kommunistische Politik Sowjetrusslands. Doch jegliche Versuche, die Abtreibung zu liberalisieren, blieben erfolglos. 

Diese Situation habe sich zudem fördernd auf die starke Stellung der katholischen Kirche ausgewirkt und später auch die Familienpolitik des Dritten Reiches unterstützt. Nach 1939, als die Slowakei Vasall des Dritten Reiches wurde, seien das dortige Abtreibungsgesetz verschärft und Schwangerschaftsabbrüche verboten worden. Als einzige Ausnahme habe eine lebensbedrohliche Situation für die Kindesmutter gegolten. Wenngleich die Politiker diese Praxis als Verstärkung der christlichen Moral deuteten, seien die Hauptziele eine steigende Geburtenrate und die männliche Kontrolle über den weiblichen Körper gewesen. Dies belegte die Vortragende anhand von Beschwerdebriefen, die in dieser Zeit von mehreren Frauen verfasst wurden. 

Während des Zweiten Weltkrieges hatten die europäischen Staaten zahlreiche Opfer zu beklagen. Durch den Ausnahmezustand herrschten auch im sog. „Ostblock“ Hunger, Not und Gewalt. Als Folge dessen seien die moralischen Regeln gelockert und auch Abtreibungen schrittweise liberalisiert worden, so Nešťáková. Die Sowjetisierung und eine Standardisierung „von oben“ könne man auch in Bezug auf das Abtreibungsgesetz feststellen. Schon 1956 seien die meisten ostmitteleuropäischen Länder dem sowjetischen Beispiel gefolgt und hätten die Legalisierung von Abtreibungen realisiert. Dennoch schien dies eher Teil eines sozioökonomischen Plans als ein Menschenrecht zu sein. Als Indiz hierfür führte die Historikerin die staatliche Unterstützung einer hohen Natalität in Ostmitteleuropa an.

Den Schluss des Vortrags bildete ein gemeinsames Fazit beider Referentinnen. Darin sprachen sie sich dafür aus, die Familienplanung in einem breiteren Kontext des soziokulturellen Wertewandels zu betrachten. Neben den im Vortrag thematisierten Entwicklungen der Säkularisierung und Rationalisierung sollten auch Individualisierungs- und Differenzierungsprozesse der Lebensstile in die Untersuchungen einfließen. In Ostmitteleuropa dürfe man zudem die Rolle des Wissens- und Kulturtransfers bei der Familienplanung nicht unbeachtet lassen. Denn insbesondere im Falle der Abtreibung wirkten politische Ideen und Praktiken sowohl Richtung Osten als auch Richtung Westen. Darüber hinaus seien diese auch mit Forderungen „von unten“ verwoben. Beeinflusst durch eine schwierige gesellschaftliche und ökonomische Lage seien die Themen Geburtenkontrolle und Abtreibung häufig unter historischen Aktivistinnen verbreitet worden.

Mit ihrem Vortrag „‚Family planning‘ in East Central Europe from the 19th century until the approval of the ‚pill‘" präsentierten die beiden Wissenschaftlerinnen ihre aktuellen Forschungsergebnisse. Organisiert wurde der Online-Vortrag von der Prager Außenstelle des DHIW und des Collegium Carolinum gemeinsam mit der Fakultät für Naturwissenschaften der Prager Karls-Universität.

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