CfP: „Berge – Literatur – Kultur“: Das Gebirge als Gedächtnisraum – Das Gedächtnis der Berge

9. Internationale Tagung
„Berge – Literatur – Kultur“
Das Gebirge als Gedächtnisraum – Das Gedächtnis der Berge
19.-21.10.2022
Willa Zameczek, ul. Konopnickiej 1
57-320 Polanica Zdrój

Veranstalter:
Geisteswissenschaftliche Forschungsstelle für Studien der Bergproblematik am Institut für Polnische Philologie der Universität Wrocław
Deutsches Historisches Institut Warschau
Fakultätszentrum für transdisziplinäre historisch-kulturwissenschaftliche Studien, Universität Wien

Im Fokus der bereits neunten Tagung der Reihe „Gebirge – Literatur – Kultur“ stehen die Beziehungen zwischen dem Gebirge und einem breit gefassten Begriff von Gedächtnis. Die Auseinandersetzung mit dem Gedächtnis hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen transdisziplinären und interdisziplinären Forschungsfeld entwickelt, das sich diverser Ansätze und Methoden der aktuellen geisteswissenschaftlichen Forschung bedient. Gedächtnis ist zu einem wesentlichen Gegenstand anthropologischer, historischer, kultureller und literarischer Reflexionen geworden. Dabei hat neben dem kommunikativen Gedächtnis, welches Generationentransfer und die damit verbundenen mündlichen Überlieferungsformen beschreibt, das kulturelle, über längere Zeiträume in Texten, Bildern und Ritualen festgehaltene Gedächtnis einen hohen Stellenwert. Das Konzept der Erinnerungskulturen fungiert als Überbegriff für individuelle, kommunikative und kulturelle Gedächtnisse einschließlich der Geschichte und integriert sämtliche Erscheinungsformen von Texten, Bildern und Gegenständen bis hin zu sprachlichen und nichtsprachlichen Zeichen. Daher wird in den Erinnerungskulturen seit Neuestem marginalisierten, alternativen und posthumanen Gedächtnisformen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dazu gehört das Nebeneinander von divergierenden kulturellen Gedächtnissen, welches beispielsweise von Migrationsprozessen hervorgebracht wird, sowie Forschungen zum sogenannten Post-Gedächtnis, mit dem generationelle Distanz zum Erinnerten ausgedrückt werden soll, und dem Vergessen als notwendiger Kehrseite des Erinnerns.

Das diesjährige Tagungsthema soll dazu anregen, die Überlegungen der Gedächtnisforschung im Nachdenken über Berge zu nutzen. Einen Anstoß können neue geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze bieten, die ökologische Ansätze in ihre Forschungen zum Gedächtnis einbeziehen. Die Aufmerksamkeit richtet sich damit beispielsweise auf das „geologisches Gedächtnis“ oder das „Landschaftsgedächtnis“ bzw. „das in die Landschaft eingeschriebene Gedächtnis“. Gebirgsräume sind eng mit der menschlichen Kultur und Geschichte verbunden. Sie sind daher in den verschiedensten Gedächtnissen verankert und werden von ihnen überhaupt erst generiert. Dies liegt sowohl an der natürlichen Substanz der Berge, welche aufgrund ihrer Beständigkeit zum Gedächtnischarakter beiträgt, als auch an verschiedenen Interaktionen mit dem Gebirge, im Sozialen, Kulturellen, Wirtschaftlichen und Künstlerischen.

In den Worten der polnischen Schriftstellerin Julia Hartwig zeigt sich die Bedeutung der Berge als gleichermaßen Zeugen und Erzeugern von Gedächtnis: „Wenn du auf diesem Kontinent nach etwas suchst, was überlebt hat, was ewig und dauerhaft ist, dann bemerke die Berge und die Flüsse. Sie erinnern sich an mehr als die Menschen, ihr Gedächtnis ist treuer und tief versteckt, sie sind weder geschwätzig noch banal“ (Julia Hartwig, Pozdrawiam odległą rzekę [Ich grüße den alten Fluss]).

Die Gedächtnisspuren, die der Mensch im Gebirgsraum hinterlässt, reichen von geheimnisvollen Zeichen der Schatzgräber bis zu symbolischen Friedhöfen der Opfer von Bergunfällen, vom geologischen Gedächtnis bis zu den unterschiedlichen dort anzutreffenden Gedächtnispraktiken. Dies macht die Gedächtnisforschung im Hinblick auf Gebirgsräume für Forschende verschiedenster Disziplinen interessant, auch wenn bislang geisteswissenschaftliche Perspektiven in diesem Feld dominieren. Wir freuen uns daher über Vorschläge, die sich mit der Geschichte der Substanz der Berge und dem Leben im Gebirge aus naturwissenschaftlicher und ökologischer Perspektive beschäftigen (Geologie, Paläontologie).

Da die früheren Tagungen die Aufmerksamkeit auf die Verbindung von Gebirgen und dem Individuum gelenkt haben, möchten wir diesmal soziale und kollektive Aspekte ins Zentrum rücken. Es interessiert uns, welche kollektiven Formen des Gebirgsgedächtnisses konstruiert wurden und welche kollektiven Identitätsdiskurse von Bergen als Gedächtnisraum oder Gedächtnissymbol geprägt wurden. Dabei soll das Gebirgsgedächtnis nicht nur auf Menschen bezogen werden, die eine explizite Verbindung zu Bergen haben.

Anknüpfend an aktuelle Studien zum Gedächtnis, schlagen wir folgende Leitfragen vor:

  • Welche Formen des Gedächtnisses (naturwissenschaftliches/geologisches Gedächtnis, Landschaftsgedächtnis, historisches Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Post-Gedächtnis, Vergessen, autobiografisches Gedächtnis) werden mit dem Gebirgsraum in Verbindung gebracht? Wie werden sie konzeptualisiert und repräsentiert?
  • Welche Formen nehmen Erinnerungen an die Berge sowie die Menschen, die das Gebirge bewohnen, erschließen oder auf eine andere Weise erfahren (aufgrund von Krieg und Flucht, durch religiöse oder künstlerische Praktiken …) an, beispielsweise Gedenkstätten, Gedenkzeichen und Artefakte, Literatur, bildende Kunst, Filme sowie andere kulturelle Produktionen, touristische Erinnerungsrouten, (symbolische) Friedhöfe?
  • Gibt es spezifische Zeichen, Überlieferungs- bzw. Kodierungsformen, die das Gedächtnis im und mit dem Gebirge von anderen Erinnerungskulturen unterscheiden?
  • Welche verbalen und non-verbalen (Musik, Bild) Repräsentationsformen des Gebirgsgedächtnisses gibt es?
  • Welche identitätsstiftende Bedeutung hat das Gebirgsgedächtnis für verschiedene soziale (nationale, ethnische) Gruppen?
  • Welche Rolle spielen die Medien in der Gedächtnisproduktion und deren Wandel?


Die diesjährige Tagung wird in der Pension „Willa Zameczek“ in Polanica-Zdrój (Bad Altheide) stattfinden. Tagungssprachen sind Polnisch, Deutsch und Tschechisch. Alle Beiträge und Diskussionen werden simultan übersetzt. Vorgesehen sind 20 Minuten für jeden Beitrag plus Diskussion.


Die Teilnahme an der Tagung ist für Referenten kostenlos. Unterkunft und Verpflegung sowie Reisekosten werden von den Veranstaltern getragen. Bitte schicken Sie Ihr Abstract (maximal 1 DIN-A4-Seite) in einer der Tagungssprachen spätestens bis zum 20.07.2022 an die folgende E-Mail-Adresse: ewagrzeda@o2.pl

Über die Annahme des Beitrags werden wir Sie bis zum 10.07.2022 in Kenntnis setzen. Angesichts einer beschränkten Anzahl von Plätzen, behalten wir uns die Möglichkeit vor, eine Auswahl zu treffen.

Informationen zur Unterkunft sowie zu weiteren organisatorischen Fragen werden bis Ende August 2022 verschickt. Das Tagungsprogramm erhalten Sie spätestens bis zum 20.09.2022.
Um das simultane Dolmetschen zu erleichtern, bitten wir die Referentinnen und Referenten, ihre Beiträge (Referat bzw. Präsentation) bis zum 10.10.2022 zu mailen und zwar auch an die Adresse: ewagrzeda@o2.pl

Prof. Dr habil. Ewa Grzęda, Universität Wrocław
Prof. Dr. Dietlind Hüchtker, Fakultätszentrum für transdisziplinäre historisch-kulturwissenschaftliche Studien, Universität Wien
Prof. Dr. habil. Miloš Řezník, Deutsches Historisches Institut Warschau

21
Sep
Vortrag
Jan Arend (Tübingen): Stress and the Transformation of Czechoslovakia/Czech Republic, 1960s-2010s
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