Die Internationalisierung Nordostböhmens

Die Prager Außenstelle des DHI Warschau und des Collegiums Carolinum freute sich, am 21. September Ségolène Plyer aus Straßburg willkommen heißen zu dürfen. Nach einer kurzen Begrüßung der sowohl vor Ort als auch auf Zoom anwesenden Gäste stellte Stanislav Holubec (Historisches Institut der Akademie der Wissenschaften) die Referentin dem Plenum vor. Plyer ist aktuell Teil des europäischen Projektes „NEPOSTRANS – Negotiating post-imperial transitions“ unter der Leitung von Gábor Egry (Budapest). Ihr persönlicher Forschungsschwerpunkt liegt auf der Geschichte Ostböhmens vor dem Hintergrund der Globalisierung zwischen 1870 und 1940.

Diese Thematik griff die Historikerin auch in ihrem englischsprachigen Vortrag mit dem Titel „The Internationalization of Northeast Bohemia from the Second Half of the 19th Century to the 1920s“ auf. Ausgehend von der Frage, wie Zusammenhalt in heterogenen Gesellschaften entsteht, untersuchte sie am Beispiel der Textilindustrie in Nordostböhmen, warum es innerhalb dieses exportorientierten, wirtschaftlich florierenden Raumes zu einer Spaltung in eine tschechische und eine deutsche Gemeinschaft kommen konnte. Zu Beginn wies Plyer darauf hin, dass die Liberalisierung der Märkte, die zunehmende Technisierung sowie geografische Faktoren wie die Grenzlage und die verkehrstechnische Anbindung den Aufstieg der Region zwischen Dvůr Králové und Náchod befördert hätten. Aus Sicht der Referentin seien in diesem Kontext auch die lokalen Unternehmer von hoher Bedeutung gewesen. Durch die Bildung gemeinsamer Interessensvertretungen hätten sie ihren Gewerbezweig gleichermaßen geschützt und gestützt. Sie hätten darüber hinaus die positive Wirkung erkannt, die der Einsatz moderner Maschinen zur Produktionsoptimierung, die persönliche Vernetzung untereinander und individuelle Bildung – z.B. durch Multilingualität – auf ihre Betriebe hatten.

Im Hinblick auf diese Erkenntnisse stellte Plyer anschließend die These auf, dass die Flachsverarbeitung in der Region zu der Herausbildung eines „industrial districts“ im Sinne Becattinis geführt habe. Da sie gleichzeitig auch einen bedeutenden Einfluss auf die gesellschaftliche Struktur genommen habe, liege zudem eine Überschneidung dieses „industrial districts“ mit der Feldtheorie Bourdieus vor. Neben einer eigenen Struktur, einem eigenen Interesse sowie einer eigenen Definition von wirtschaftlichem und kulturellem Kapital weise dieses Feld auch eine eigene Form von Konkurrenz zwischen den einzelnen Akteuren auf. Ihre Rivalität sei von der Absicht geprägt gewesen, das eigene Unternehmen zu sichern und sich gegen die Mitbewerber durchzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, habe man sich identischer Mittel wie z.B. der Anbindung der Arbeiterschaft an den eigenen Betrieb und der Ablehnung sozialdemokratischer und kommunistischer Ideen bedient. Hierdurch seien die nordostböhmischen Industriellen zu einer insgesamt homogenen Gruppe geworden.

Am Beispiel Josef Bartoňs illustrierte Ségolène Plyer weiter, dass die Unternehmer zur Sicherung ihrer Autorität auch bereit waren, soziale und nationale Ressentiments zu schüren. Infolge der von ihm veranlassten Preissenkungen zur Behebung finanzieller Probleme kam es zu Konflikten mit den deutschsprachigen jüdischen Fabrikanten. Die gleichzeitige Stärkung der nationalliberalen Jungtschechen und die damit einhergehende Diskussion über die bevorzugte Sprache in der Region führten 1899 dazu, dass ein Arbeiterstreik in einem Pogrom endete.

Die sich an den Vortrag anschließende Diskussion zeugte von dem Potenzial des vorgestellten Themas. Die Referentin betonte an dieser Stelle, dass das Ziel ihrer Untersuchung darin bestehe, den Untersuchungsgegenstand nicht aus einer nationalistisch-deterministischen, sondern einer sozial-innovativen Perspektive zu betrachten. Hierzu gehöre es besonders, ökonomische, gesellschaftliche und lokalpolitische Aspekte nicht getrennt zu betrachten, sondern ihre jeweiligen Interdependenzen zu beleuchten.


04
Nov
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