Zum Tod von Włodzimierz Borodziej

Mit großer Bestürzung haben wir vom Ableben des polnischen Historikers Prof. Dr. Włodzimierz Borodziej erfahren. Borodziej, Professor an der Warschauer Universität, gehörte seit den 1990er Jahren zu den wichtigsten Akteuren der deutsch-polnischen akademischen Zusammenarbeit. In Polen trug er durch seine wissenschaftlichen Forschungen, öffentliche Auftritte und rege pädagogische Tätigkeit wesentlich zum Verständnis der deutschen Geschichte, aber auch der aktuellen Entwicklungen in Deutschland bei. Der Historiker war ein häufiger Gast bei den Veranstaltungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau. Er zeichnete sich durch temperamentvolle und dennoch ausgleichende Beiträge aus und bereicherte zahlreiche Podiums- und Tagungsdiskussionen, indem er auf eine bewundernswerte Weise Direktheit seiner Meinungsäußerungen mit Empathie zu verbinden vermochte. Eine wissenschaftliche Persönlichkeit, ein Kollege und Lehrer, der fehlen wird.

In Anerkennung seiner besonderen Verdienste in Forschung, Nachwuchsförderung und wissenschaftlicher Kooperation wurde Włodzimierz Borodziej im Frühling des letzten Jahres der Internationale Forschungspreis der Max Weber Stiftung beim Historischen Kolleg München verliehen. Der Stiftungspräsident Hans van Ess betonte bei dieser Gelegenheit: „Er setzt sich seit Jahrzehnten erfolgreich dafür ein, zwischen den geisteswissenschaftlichen Wissenschaftskulturen zu vermitteln und die Geschichte des jeweils anderen Landes auch einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen. Włodzimierz Borodziej trägt damit erheblich dazu bei, die belastenden Erfahrungen der deutsch-polnischen Geschichte verständlich, konstruktiv und sachlich aufzuarbeiten.“

Borodziej gehörte zu den bekanntesten Historikern der polnischen, deutschen und ostmitteleuropäischen Geschichte mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. Er wurde am 9. September 1956 in Warschau geboren und wuchs zweisprachig auf. Seine Dissertation schloss er 1984 an der Universität Warschau mit einem Thema über die deutsche Besatzungspolitik in Polen im Zweiten Weltkrieg ab. 1991 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die internationalen Beziehungen Polens zwischen 1945 und 1947. Seit 1996 war Borodziej Professor am Historischen Institut der Universität Warschau. Darüber hinaus hatte er zehn Jahre lang den Co-Vorsitz der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission inne. Mit dem Imre Kertész Kolleg Jena, das er von 2010 bis 2016 zusammen mit Joachim von Puttkamer leitete, förderte er die internationalen Forschungsbeziehungen.

In den Jahren 1991 bis 1994 war Borodziej Generaldirektor der Kanzlei des polnischen Sejms und in den Jahren 1999 bis 2002 Prorektor der Universität Warschau. Er leitete den Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften und später den Wissenschaftlichen Beirat des Hauses der Europäischen Geschichte in Brüssel. 

Zu seinen umfangreichen Publikationen gehören neben der „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ (2010), die er explizit für eine deutsche Leserschaft schrieb, auch die zusammen mit Maciej Górny, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des DHI Warschau, verfasste Geschichte des Ersten Weltkriegs im östlichen Europa (deutsche Übersetzung 2018).

(Miloš Řezník)

22
Sep
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